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Allgemeinärztin im „Corona-Kampf"

Bürokratische Hürden und Mangel an Pragmatismus

Im letzten Frühjahr reichte die Menschenschlange die ganze Straße hinunter, als Dr. med. Sibylle Katzenstein, Allgemeinärztin und unfreiwilliger „Medienstar“, COVID-19-Testwilligen den Abstrich durchs Praxisfenster ermöglichte. Die 53-jährige Berlinerin trat bei Anne Will und Maybrit Illner auf, legte sich mit der KV an und hielt Kanzleramtsminister Helge Braun vor laufender Kamera Mangel an Pragmatismus vor. „Der Allgemeinarzt“ sprach mit Katzenstein über Tests, Impfungen und den Umbau ihrer Praxis in Neukölln.

Die Berliner Allgemeinärztin Dr. med. Sibylle Katzenstein ist seit 2016 in Berlin-Neukölln niedergelassen. Im Frühjahr 2020 hat die KV ihre Praxis zu einer der COVID-19-Schwerpunktpraxen in der Hauptstadt ernannt.

Was halten Sie von SARS-CoV-2-Impfungen in großen Impfzentren?

▸▸▸ S. Katzenstein: Die Anmeldung für die Impfung ist kompliziert. Das Prozedere überfordert viele ältere und alleinstehende Patienten. Der Zugang zur Impfung sollte unkompliziert und barrierearm sein. Impfen ist Vertrauenssache. Individuelle Fragen sind dabei zu beantworten. Der Impfarzt sollte die Vorgeschichte des Impflings kennen und bei Auftreten von Nebenwirkungen braucht der Patient einen Ansprechpartner. Anonyme Impfzentren werden diesen Anforderungen nicht gerecht.

Sollten die Allgemeinärzte schneller in dezentrale Impfaktionen eingebunden werden?

▸▸▸ S. Katzenstein: Ja, unbedingt. Die Allgemeinärzte haben in diesem Winter 20 Millionen Grippeimpfdosen verabreicht. Das war kein logistisches Problem. Der Impfstoff kann auf Trockeneis geliefert und bis zu fünf Tage in einem normalen Impfkühlschrank gelagert werden.

Was denken Sie über die Verzögerungen und Engpässe beim Impfstoff?

▸▸▸ S. Katzenstein: Ich vermisse in Deutschland Pragmatismus. Überlastete Intensivstationen und ansteigende Mortalität führen nicht zum Abbau bürokratischer Hürden, um schnelles ärztliches Handeln zu ermöglichen. Zu Beginn der Pandemie äußerte ich in einem Interview in der BBC-Sendung „The Inquiry“ die Vermutung, dass es nicht die Effizienz der Politik und des deutschen Gesundheitssystems war, die Schlimmeres während der ersten Infektionswelle verhindert hat. Unter dem Eindruck, dass wir die Lage so gut im Griff haben, hat sich im Sommer eine gewisse Selbstzufriedenheit eingestellt; wertvolle Zeit zur Vorbereitung auf den Winter wurde nicht genutzt.

Sie betreiben eine COVID-19-Schwerpunktpraxis. Was heißt das?

▸▸▸ S. Katzenstein: Im Grunde nichts. Es ist nur ein Titel. Im Frühjahr, als viele Arztpraxen schlossen, suchte ich nach Lösungen, um ohne Schutzausrüstung und Masken Patienten weiter versorgen zu können. Mein Bruder baute mir eine Tür mit einer Plexiglasscheibe und einer eingebauten Schublade. Das Abstrichstäbchen wurde darin platziert, der Patient führte den Abstrich selbst durch und wir erhielten die Teststäbchen durch die Schublade zurück. Ich konnte dadurch ohne Masken testen. Weitere Umbauten folgten. Aufgrund dieser Vorbereitungen wurde ich von Kollegen als COVID-19-Praxis vorgeschlagen. Zufällig entdeckte ich eine Ausschreibung „COVID-19-Schwerpunktpraxis“. Die Ausschreibung war nur 36 Stunden auf der Website der KV Berlin veröffentlicht. Ich bewarb mich und da die Praxis schon umgebaut war, wurde meine Praxis über Nacht zur COVID-19-Schwerpunktpraxis.

Aber Sie haben auch innen umgebaut?

▸▸▸ S. Katzenstein: In der Praxis entstand ein zweigeteiltes Quarantäne-Zimmer mit Trennwand, Durchreiche und Zutritt von der Straße. Ich kann Infizierte in der Zeit der Quarantäne begutachten und bei Verdacht auf Pneumonie in die Rettungsstelle überweisen.

Quarantäne-Zimmer zur Untersuchung SARS-CoV-2-positiver Patienten mit Durchreiche für Tests.

Warum verfechten Sie Antigen-Schnelltests so entschlossen?

▸▸▸ S. Katzenstein: Sie sind konkurrenzlos kostengünstig, das Ergebnis liegt in 15 Minuten vor. Wir brauchen schnelle, unkomplizierte und preisgünstige Verfahren, die jederzeit in nahezu unbegrenzter Kapazität eingesetzt werden können. So erfährt ein getesteter Patient umgehend, ob seine Symptome auf eine COVID-19-Infektion zurückzuführen sind, und erhält sofortige Verhaltenshinweise. Es sollte Patienten ermöglicht werden, den Test ohne großen Kostenaufwand und ohne Terminbuchung zu jeder Zeit durchzuführen. Inzwischen sind SARS-CoV-2-Antigen-Sputum-Tests auf dem Markt. Hier entfällt dann endgültig das Argument, dass der Patient nicht in der Lage ist, den Test selbstständig auszuführen.

Ist der Antigen-Schnelltest nicht schlechter?

▸▸▸ S. Katzenstein: Der PCR-Test wird als „Goldstandard“ und implizit als die bessere Testmethode bezeichnet. Er hat eine etwas höhere Sensitivität und Spezifität. Gute Antigen-Schnelltests haben eine Sensitivität von 97,6% und eine Spezifität von 99%. Positive Testergebnisse sollten durch einen PCR-Test ergänzt werden. Es sind nicht konkurrierende, sondern sich ergänzende Testmethoden. Die höhere Sensitivität des PCR-Tests ist nicht immer ein Vorteil. Der Antigen-Schnelltest zeigt zuverlässig, ob ein Patient zum Testzeitpunkt infektiös ist. Der PCR-Test fällt auch dann positiv aus, wenn keine Infektionsgefahr mehr besteht. Es sind nicht die Testverfahren, die miteinander konkurrieren, sondern die konkurrierenden Geschäftsinteressen, die eine Freigabe der Antigen-Schnelltests verhindern.

Warum mag Kanzleramtsminister Helge Braun keine Schnelltests?

▸▸▸ S. Katzenstein (lacht): Als ich bei Maybrit Illner zu Gast war, fragte ich Kanzleramtsminister Helge Braun, warum Antigen-Schnelltests nicht ohne Arzt erlaubt würden. Braun erklärte, dass die Hersteller der Schnelltests die Haftung scheuten und zudem keine ausreichenden Produktionskapazitäten beständen. Ich rief beim Hersteller Nadal an. Der Vertreter der Firma bestritt, nicht über genügend Produktionskapazitäten zu verfügen, und sah auch in Haftungsfragen keinen Hinderungsgrund, die Antigen-Schnelltests ohne Arztvorbehalt auszugeben.

Hatte der Minister nicht auch eine Sorge um die Nasen?

▸▸▸ S. Katzenstein: Ja, Helge Braun meinte, man könnte sich beim Schnelltest die Nase verletzen. Ich habe die Entnahme von Nasenabstrichen erst vor wenigen Wochen gelernt, inzwischen habe ich viele Patienten getestet; es ist unangenehm, aber es führt nicht zu Verletzungen. Wenn der Patient selbst das Abstrich-Stäbchen in die Nase vorschiebt, wird er umso vorsichtiger sein.

Sind Sie für Schnelltests aus der Apotheke?

▸▸▸ S. Katzenstein: Ja, absolut! Patienten sollten sich zu jeder Zeit einen Antigen-Schnelltest für ein paar Euro kaufen können. Ärzte und Apotheker könnten Patienten helfen, die Entnahme von Abstrichen zu erlernen. Es ist schwerlich nachvollziehbar, warum die Bundesregierung einerseits immer neue Einschränkungen bis in den Privatbereich erlässt und der Bevölkerung andererseits untersagt, sich selbst zu testen.

Sie unterstützen PCR-Tests zuhause?

▸▸▸ S. Katzenstein: Ja, mit entsprechender grafischer Anleitung oder einem Erklärvideo können die meisten Patienten vor einem Spiegel den Abstrich selbst durchführen. Es kann vermieden werden, dass kranke und infektiöse Patienten das Haus verlassen müssen und Dritte in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Arztpraxen gefährden. Aus diesen Gründen begann ich im März, Patienten den PCR-Testkit nach Hause zu schicken. Die KV Berlin war nicht begeistert und wollte Selbstabstriche nicht als Kassenleistung anerkennen, obwohl die Positiv-Quote der Selbstabstriche vergleichbar war mit den Arztabstrichen. Als Argument wurde der Bundesmantelvertrag angeführt. Der Arzt oder eine vom Arzt angewiesene Person müsse den Abstrich vornehmen.

Sie haben sich auch mit dem Berliner Senat angelegt?

▸▸▸ S. Katzenstein: Nein, so kann man das nicht sagen. Zwei Schulen wurden von mir betreut, ich habe Kinder und mein Mann ist Lehrer. Einige Lehrer wurden in der Durchführung von Antigen-Schnelltests ausgebildet und dem Lehrpersonal wurde empfohlen, konsequent FFP2-Masken zu tragen. Nachträglich hat die Politik diese Vorgehensweise in den Schulen erlaubt. Zusätzlich habe ich die Grippeimpfung empfohlen, dies war auf dem Schulgelände ohne Ausschreibung nicht möglich. Die Lehrer kamen dann in meine Praxis. Ich bot auch in Gemeinschaftsunterkünften die Grippeimpfung an. Das Interesse der dort arbeitenden Personen und der Bewohner war groß. Das RKI schreibt, „die wichtigste kosteneffektive Präventionsmaßnahme gegen eine Influenzaerkrankung stellt die Impfung dar“. Eine zusätzliche Grippewelle kann das Gesundheitssystem mit einer täglichen Zahl von über 1.000 COVID-19-Toten und überlasteten Intensivstationen nicht verkraften. Trotz dieser erschreckenden Entwicklung schritt ein untergeordneter Mitarbeiter des Landesflüchtlingsamtes ein und konnte weitere Impfungen verhindern. Er drohte den Heimbetreibern mit „Konsequenzen“ und mir mit standesrechtlichen und strafrechtlichen Folgen. Die Einhaltung von vermeintlichen Hierarchien und die Lust an politischen Ränkespielen scheint auch in einer Pandemie ungebrochen.

Interview:
Franz-Günter Runkel

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