© Thomas Schindl

17. Juni 2022

DGIM 2022: Grenzen der Digitalisierung­

Chancen erkennen und nutzen

Das Motto des diesjährigen DGIM-Kongresses lautete „Grenzen der Inneren Medizin“, etwa Grenzen der medikamentösen Therapie oder der Digitalisierung. In jedem dieser Bereiche ergeben sich aber auch Chancen. Chefredakteur Mag. Thomas Schindl sprach mit Prof. Dr. med. Georg Ertl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und ehemaliger Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Würzburg, über Chancen und Grenzen der Digitalisierung in der Medizin.

▸▸▸ Wie schätzen Sie das Potenzial der Digitalisierung in der Medizin ein? Welches sind mögliche Verwerfungen und Probleme, die damit einhergehen?

G. Ertl: Nehmen Sie zum Beispiel die Herzinsuffizienz und ihre Komorbiditäten, aber auch ihre unterschiedlichen Ätiologien. Da wird es sehr kompliziert. Letztlich geht es aber um den Patienten, die Patientin, die man individuell und personalisiert diagnostizieren und behandeln will, ohne zu wenig, aber auch ohne zu viel zu machen. Ich glaube, dass die elektronische Patientenakte und darüber hinaus die Verarbeitung der vielen vorhandenen Daten uns helfen können, jenseits von Leitlinien den einzelnen Patienten sehr viel besser zu behandeln. Das ist ein Aspekt, der andere ist das Monitoring. Wir wissen, dass Patienten, die sehr gut betreut werden, zum Beispiel durch eine Heart Failure Nurse, eine bessere Lebensqualität haben, weniger depressiv sind und auch länger leben. Die Telemedizin ist deshalb etwas, was wir nutzen müssen. Die Grundbotschaft muss aber sein, dass dies in den Händen des Arztes bleibt, der den Patienten regelmäßig sieht, und nicht irgendwelche anonymen Konzerne sich damit beschäftigen. Das ist essenziell. Informatik und alles, was damit zusammenhängt, muss eine Hilfswissenschaft der Medizin bleiben.

▸▸▸ Stichwort digitale Gesundheitsanwendungen: Welche Position nimmt die DGIM insbesondere angesichts des boomenden Marktes von digitalen Gesundheits-Apps ein?

G. Ertl: Wir alle sind fasziniert von neuen Technologien und wollen sie auch einsetzen. Aber wir müssen Standards fordern und, dass die DiGAs in ihrer Anwendung in der Kontrolle des Arztes bleiben. Es wird schwierig, wenn Patienten sich irgendeine DiGA kaufen oder sie sogar von der Krankenkasse bezahlt bekommen und der Arzt muss es hinterher ausbaden. Das darf nicht sein! Außerdem müssen wir ähnliche Qualitätsstandards anlegen wie an ein Medikament. Man kann derzeit einfach eine DiGA auf den Markt bringen und erproben, vielleicht sogar von der Krankenkasse bezahlt. Das wäre bei einem Medikament nie der Fall. Eine DiGA kann auch Nebenwirkungen haben, die man im Auge behalten muss. Hier wollen wir mit der DGIM eine Führungsposition einnehmen und den Ärzten etwas an die Hand geben, damit sie beurteilen können, ob eine DiGA etwas taugt und ob Standards eingehalten werden.

▸▸▸Kann die Digitalisierung eine Antwort auf den demografischen Wandel sein oder ein Hilfsmittel dabei, diesen demografischen Wandel zu bewältigen, auch hinsichtlich der Probleme in der Versorgungsstruktur, die auf uns zukommen?

G. Ertl: Das ist schwierig abzuschätzen. In einer der Podiumsdiskussionen sagte eine Patientenvertreterin, dass wir unsere Alten unterschätzen. Im Prinzip können sie bei der Digitalisierung alles, was die Jungen können. Das betrifft nicht alle, aber doch die allermeisten, wenn sie geistig so weit gesund sind. Sie brauchen nur etwas länger dafür, und darauf müssen wir uns einrichten. Dieses Potenzial müssen und können wir ausschöpfen. Ich denke schon, dass uns das helfen wird, Arztbesuche zu reduzieren, die immer belastend sind – besonders für ältere Leute, aber auch für unser Gesundheitssystem. Insofern setze ich Hoffnungen darauf.

Literaturtipp
Die DGIM hat einen Leitfaden zum Einsatz von DiGA herausgegeben: Internist 2022; 63: 245–54 oder als Download .

Interview
Prof. Dr. med. Georg Ertl
Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und ehemaliger Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Würzburg

Das vollständige Interview mit Prof. Ertl finden Sie in unserem Kongress-Newsroom zum DGIM 2022

Interview: Mag. Thomas Schindl,
Chefredakteur „Der Allgemeinarzt“,
Redaktionsleiter UNIVERSIMED


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
Neueste Artikel
Kampf gegen Ärzte- und Geldmangel

DiGA leisten bislang keinen entscheidenden Beitrag

Als Kernelement des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) beschloss der Bundestag im Dezember 2019 Gesundheits-Apps oder digitale Anwendungen auf Kassenrezept. Das Bundesinstitut für ...

Universität Augsburg beruft Prof. Marco Roos

Neues Institut will moderne Allgemeinmedizin formen

Zum 1. Februar 2022 hat die Universität Augsburg Prof. Dr. med. Marco Roos von der Universität Erlangen-Nürnberg auf den neu eingerichteten Lehrstuhl und für den Aufbau eines Instituts ...