© DHÄV / Rainer Windhorst

27. Oktober 2022

Interview mit DHÄV-Bundesvorsitzendem Dr. med. Markus Beier

„Community Health Nurses helfen nicht bei der Schließung von Versorgungslücken“

Der Koalitionsvertrag der Berliner Regierungskoalition versteht Community Health Nurses als Chance, um Versorgungslücken zu schließen. Der neue DHÄV-Bundesvorsitzende Dr. med. Markus Beier hält sie hingegen für ineffiziente zusätzliche Schnittstellen ohne praktische Effekte gegen Versorgungsmängel. Stattdessen setzt der Hausärzteverband auf akademisierte VERAHs mit Berufserfahrung.

▸▸▸Brauchen wir Community Health Nurses überhaupt für die Primärversorgung?

M. Beier: Unsere Position liegt sehr nah an der des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Wir brauchen keine Community Health Nurse für die Primärversorgung. In Deutschland haben wir ein viel engeres Netz hausärztlicher Praxen als andere Länder, die diese Institution einsetzen. Für die aufsuchende medizinische Gesundheitsversorgung haben wir unsere Versorgungsassistentinnen und -assistenten in der Hausarztpraxis (VERAH). Der Hausärzteverband akademisiert gerade die VERAH in Form der primärärztlichen Versorgungs- und Praxismanagerin, die auch noch mehr ärztliche Delegationsmöglichkeiten erhalten wird. Deshalb decken wir die aufsuchende Tätigkeit bereits in einem Maß ab, das in anderen Ländern unbekannt ist.

▸▸▸Warum sind die Nurses nicht effizient?

M. Beier: Was Gesundheitskompetenz und niederschwellige Prävention angeht, ist die Community Health Nurse keine Lösung, denn es ist eine neue Schnittstelle in einem funktionieren System. Es gibt bereits die Sozialarbeit im Stadtteil, die man in dieser Richtung ausbauen könnte. Prävention und Gesundheitskompetenz sind in der Sozialarbeit viel sinnvoller als neue Berufsbilder im Gesundheitssystem.

▸▸▸… und ihr Königsweg ist?

M. Beier: Keine neue Schnittstelle jedenfalls, sondern die bessere Vernetzung vorhandener Kapazitäten. Damit können wir gegen den demografischen Wandel und den Ärztemangel vorgehen.

▸▸▸Was ist mit dem Landarztmangel?

M. Beier: Wir sind gerade an der Talsohle angekommen und müssen aufpassen, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Ich gehe von Engpässen aus, aber dafür gibt es die VERAH-Studiengänge, die zur Entlastung der Allgemeinärztinnen und Allgemeinärzte beitragen können. Außerdem bietet die Digitalisierung des Gesundheitssystems Instrumente zur Entlastung der Hausärzte und Praxisteams – zum Beispiel im Telefonbetrieb oder bei Dauerrezepten. Wir brauchen kein neues Berufsbild.

▸▸▸Warum setzt der Hausärzteverband auf die akademische VERAH-Ausbildung?

M. Beier: In München, Mannheim und Dortmund sind die akademischen VERAH-Module gerade mit rund 100 Studierenden gestartet. Der berufsbegleitende Bachelor-Studiengang „Primärmedizinisches Versorgungs- und Praxismanagement“ bereitet medizinische Fachangestellte mit entsprechender Qualifikation darauf vor, zusätzliche Aufgaben in den Hausarztpraxen zu übernehmen, die nicht zwingend ärztliche Kompetenzen voraussetzen. Dieser Studiengang richtet sich an medizinische Fachangestellte mit einer Weiterqualifizierung zur Versorgungsassistenz in der Hausarztpraxis.

▸▸▸Welche Kenntnisse vermittelt der Studiengang?

M. Beier: Im Bachelor-Studiengang „Primärmedizinisches Versorgungs- und Praxismanagement“ erlangen unseres VERAHs die Kenntnisse, um zusätzliche Aufgaben in der Patientenversorgung und im Praxismanagement zu übernehmen. So setzen Sie sich im Studium beispielsweise mit Anamnese und Untersuchungstechnik auseinander, beschäftigen sich mit Themen des Qualitätsmanagements und lernen die Besonderheiten bei der Versorgung chronisch kranker Menschen kennen. Auch die Abrechnung vertragsärztlicher Leistungen, die spezielle primärmedizinische Krankheitslehre sowie Prävention und Rehabilitation sind Teile des Lehrplans.

▸▸▸Sie brauchen also weder den Physician Assistant noch die Community Health Nurse?

M. Beier: Der Nachteil der PA-Studiengänge ist ein Mangel an Berufserfahrung; die Community Health Nurse bildet eine aufgesetzte Schnittstelle ohne Potenzial zur Lösung von Versorgungsproblemen. Unter den 13.300 VERAHs gibt es sehr viele mit der Befähigung zum akademischen Bachelor-Studiengang. Das müssen wir nutzen. Der Tarifvertrag für VERAHs enthält sechs Stufen, davon eine für akademisierte VERAHs. Diese Tarifstufe sechs muss der Praxisinhaber dann auch mindestens für eine akademisierte VERAH bezahlen. Gutes Geld ist wichtig, weil wir regional gerade einen Mangel an Medizinischen Fachangestellten haben.

▸▸▸Wie kommt das?

M. Beier: Die Pandemie-Belastungen haben regional zu einer Fluktuation in die Krankenhäuser geführt. Bei hohen Gehaltsangeboten können niedergelassene Allgemeinärzte oft nicht mithalten. Gerade dann ist der Bachelor-Studiengang VERAH sehr interessant.

▸▸▸Was tun Sie?

M. Beier: Der Hausärzteverband muss jetzt gegensteuern. Deshalb setzen wir auf die Akademisierung aus den Praxen heraus und nicht auf ein externes, nicht praktisch angebundenes Konstrukt.

Unser Interviewpartner:
Dr. med. Markus Beier
Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands (DHÄV)

Landesvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbands

Facharzt für Allgemeinmedizin, seit 2006 niedergelassen in einer Gemeinschaftspraxis in Erlangen

Interview: Franz-Günter Runkel


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
Neueste Artikel
Interview mit Anke Richter-Scheer

Hausärztliche Medizin muss in den Fokus rücken

Kurz vor Weihnachten 2022 war „Der Allgemeinarzt“ zu Gast beim Hausärzteverband Westfalen-Lippe. Mit der Vorsitzenden Anke Richter-Scheer, parallel auch stellvertretende ...

Eckpunktepapier des DHÄV

Praxistaugliche ePA gefragt

Die Arbeitsgruppe Digitalisierung im Deutschen Hausärzteverband (DHÄV) hat ein „Eckpunktepapier zur Nutzung der elektronischen Patientenakte (ePA) im hausärztlichen Versorgungsalltag“ ...

KV-Wahlen 2022 aus allgemeinärztlicher Sicht

Wahlergebnisse mit Licht und Schatten

In den 17 Kassenärztlichen Vereinigungen in Deutschland wurden 2022 neue Vertreterversammlungen und zum Teil auch bereits Vorstände neu gewählt. Dabei erzielten Allgemeinärzte und ...