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13. Juni 2022

Kampf gegen Ärzte- und Geldmangel

DiGA leisten bislang keinen entscheidenden Beitrag

Als Kernelement des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) beschloss der Bundestag im Dezember 2019 Gesundheits-Apps oder digitale Anwendungen auf Kassenrezept. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nahm 22 Apps ins DiGA-Verzeichnis auf. Allerdings fallen sowohl der Einspareffekt als auch die Entlastung im Kampf gegen den Ärztemangel bislang bescheiden aus.

Anfang 2020 trat das DVG in Kraft.Seitdem regelt §33aSGBV die Zulassung und Verschreibung digitaler Anwendungen im deutschen Gesundheitswesen. Seit Oktober 2020 können in Deutschland medizinische Apps und andere digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) von Ärztinnen und Ärzten verschrieben werden. Erstattet werden die Kosten aber nur für solche digitalen Anwendungen, die die BfArM-Hürde genommen haben.

Obwohl derzeit noch keine belastbaren Verschreibungszahlen vorliegen, haben Umfragen eine positive Resonanz der DiGA bei Ärzten und Patienten ergeben. Eher dürftig fallen hingegen die konkreten Effekte der Apps in finanzieller Hinsicht und bei der Linderung der Versorgungslücken aus. Das gilt im Übrigen für alle digitalen Versorgungsinstrumente. Mit der finanziellen Bilanz der Digitalisierung befasst sich eine neue Studie von McKinsey & Company mit dem Titel „Digitalisierung im Gesundheitswesen“.

McKinsey-Studie moniert geringe Ausschöpfung digitaler Potenziale

Zwar beziffert McKinsey & Company ein digitales Einsparpotenzial von 42 Mrd.€ in Deutschland. Bislang konnten allerdings nur 1,4 Mrd.€ Einsparvolumen erzielt werden. Insgesamt stockt die Digitalisierung in Deutschland im Vergleich mit vielen Ländern der Erde. „Die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen birgt eine 42-Mrd.-€-Chance pro Jahr. Das entspricht rund 12% der gesamten jährlichen Gesundheits- und Versorgungskosten von zuletzt 343 Mrd. €. Durch den Einsatz digitaler Technologien können Versorgungsqualität und Kosteneffizienz erhöht und gleichzeitig Behandlung und Betreuung von Patienten sowie die Arbeitssituation des Personals im Gesundheitswesen verbessert werden“, bilanziert McKinsey. Selbst bei maximaler Ausschöpfung der Sparpotenziale der Gesundheits-Apps hält sich deren Anteil mit 4,6 Mrd. € von insgesamt 42 Mrd. € Einsparpotenzial allerdings in Grenzen.

Diese 42 Mrd. € Gesamtpotenzial setzen sich McKinsey zufolge aus verschiedenen Komponenten zusammen, von denen alle Akteure im Gesundheitswesen profitieren – durch Produktivitätssteigerung einerseits bei den Leistungserbringern (25,8 Mrd. € = 61%) und durch Nachfragereduzierung (39%) andererseits. Die Produktivitätssteigerungen bei den Leistungserbringern verteilen sich auf die stationäre Krankenhausversorgung (12,4 Mrd.€), die ambulante (hausärztliche) Versorgung (11,1 Mrd. €) und andere Bereiche (2,3 Mrd. €).

Digitalisierung blieb bislang ohne entscheidende demografische Effekte

Auch im Kampf gegen Versorgungsengpässe angesichts der Überalterung der Bevölkerung und des drohenden Ärztemangels konnte sich die Digitalisierung noch nicht als Königsweg beweisen. 2019 waren 54,1% aller deutschen Ärzte nach Zahlen der Bundesärztekammer älter als 65 Jahre. Nicht nur auf dem Land, sondern zunehmend auch in urbanen Regionen werden die Auswirkungen des Ärztemangels spürbar. In Deutschland werden bis 2030 rund 4.800 ambulant tätige Ärzte und 1.500 Ärzte in Kliniken fehlen. Davon geht die Arztzahlprognose aus, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) in Berlin vorgestellt hat. Diese erste Stufe der KBV-Berechnungen geht außerdem davon aus, dass die Zahl der Allgemeinärzte bis 2030 um 10.000 sinken wird, berichtete Branko Trebar, Leiter der Abteilung Versorgungsstruktur bei der KBV.

BÄK beklagt personelle Unterdeckung des medizinischen Bedarfs

„Wir verzeichnen zwar ein leichtes Wachstum bei der Zahl der Ärztinnen und Ärzte, leider reicht dieser Zuwachs aber bei Weitem nicht aus, um den Behandlungsbedarf einer Gesellschaft des langen Lebens auf Dauer zu decken. Dieser besorgniserregenden Entwicklung dürfen Bund und Länder nicht länger tatenlos zusehen. Was wir jetzt brauchen, sind eine konsequente Nachwuchsförderung und bessere Ausbildungsbedingungen im ärztlichen Bereich“, kommentierte Dr. med. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), die Ergebnisse der aktuellen Ärztestatistik.

Wie aus den Daten hervorgeht, waren im Jahr 2021 bei den Landesärztekammern insgesamt 416.120 berufstätige Ärztinnen und Ärzte gemeldet. Damit stieg die Zahl zwar wie bereits im Vorjahr um 1,7% beziehungsweise um rund 7.000 Personen. Der Zuwachs blieb damit jedoch unter dem von 2019 (+2,5%). Die Gesellschaft wird älter, und mit ihr auch die Ärztinnen und Ärzte. Jeder fünfte von ihnen steht unmittelbar vor dem Ruhestand. Über 13% der Ärztinnen und Ärzte gehören der Altersgruppe der 60- bis 65-Jährigen an; weitere 8,5% haben das 65. Lebensjahr bereits überschritten. Damit verschärft sich die ohnehin angespannte Personalsituation in Kliniken und Praxen noch weiter. Die Digitalisierung könnte einen Teil der Bedarfslücke schließen – ein Allheilmittel ist sie aber wohl nicht.

Autor
Franz-Günter Runkel
betreut als freier Redakteur die Ressorts Berufs- und Gesundheitspolitik, Wissenschafts- und Hochschulpolitik.


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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