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Die Pandemie macht deutlich:

Es braucht Alternativen zu Altenheimen

SARS-CoV-2 hat unsere globalisierte Gesellschaft einem historischen Stresstest ausgesetzt. Ans Licht kommen ihre besten und ihre schlechtesten Seiten. Einerseits erleben wir eine beeindruckende Solidaritätsbereitschaft: „Jugendliche kaufen für Senioren ein“ war deutschlandweit Schlagzeile. Andererseits meldeten sich rasch Stimmen zu Wort, die aufgrund der ökonomischen Auswirkungen des Lockdowns argumentierten, dass vorzeitige Tode alter Menschen in Kauf zu nehmen seien und eine Begrenzung der Solidarität angesichts einer Notstandssituation gerechtfertigt sei.

Die größere Verletzlichkeit der älteren Menschen, ihr fortgeschrittenes Alter an sich und wahrscheinlichere Vorerkrankungen sollten demnach eine Priorisierung zugunsten der Jüngeren und Gesünderen rechtfertigen.

Der von der Gemeinschaft Sant’Egidio lancierte europaweite Appell „Unsere Zukunft nicht ohne die alten Menschen“ warnt vor einer Entsolidarisierung und spricht sich gegen ein selektives Gesundheitssystem aus, in dem das Leben alter Menschen als zweitrangig betrachtet wird. Statt über Grenzen der Solidarität zu theoretisieren, stellt der Appell die Frage nach einem Leben im Alter in Würde und fordert konkrete Ursachenforschung angesichts dramatischer Sterbezahlen alter Menschen. So wirft die Tatsache, dass weltweit etwa 46% der COVID-19-Toten Bewohner von Pflegeheimen sind, Fragen auf: Ist die Heimunterbringung von ca. 818.000 älteren Menschen in Deutschland wirklich eine moderne Antwort auf die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft? Diese Frage stellt sich aus epidemiologischer Sicht (SARS-CoV-2, Influenza etc.), aber auch angesichts des Wunsches der meisten Menschen, ihren Lebensabend im eigenen Zuhause zu verbringen. Ist es nicht an der Zeit, die Solidaritätsbereitschaft unserer Gesellschaft aufzugreifen, um sich für ein besseres Leben im Alter zu engagieren?

Alles kann sich ändern. Es braucht neue Konzepte, wie das Cohousing, und Verbündete im sozialen Umfeld, damit der alte Mensch in seinem eigenen Zuhause durch ein Netzwerk aus ambulanten Dienstleistungen, Familie, Freundeskreis und Nachbarschaftshilfe versorgt und auf seine sozialen Bedürfnisse geantwortet wird. Eine öffentliche Debatte zum Leben im Alter und zur Heimunterbringung ist nötig sowie bessere statistische Daten zur Mortalität in Pflegeheimen während Epidemien. Angesichts hoher Corona-Inzidenzzahlen kann es Leben retten, wenn Ärzte und Sozialarbeiter verzweifelten Familien in akuter Notlage heute Alternativen zum Heim aufzeigen.

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