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29. August 2022

DESAM-ForNet-Forschungspreis 2022

Forschungsinfrastruktur: Erste Schritte sind gemacht

Netze und Koordinierungsstelle haben sich zur Initiative Deutscher Forschungspraxennetze (DESAM-ForNet) zusammengeschlossen. Das BMBF vergibt für das Förderprojekt insgesamt 21 Millionen Euro. Dr. med. Leonor Heinz, Leiterin der Koordinierungsstelle für die Initiative DESAM-ForNet, berichtet: „Zum ersten Mal wird der Aufbau von Forschungsinfrastruktur im hausärztlichen Setting gefördert. Es ist eine einmalige Chance für die Allgemeinmedizin, denn Forschung aus dem Elfenbeinturm funktioniert in der Praxis nicht. Das wissen die Universitätsinstitute ganz genau.“

Forschungsinfrastruktur befindet sich noch im Aufbau

Bis 2025 sollen 1.700 allgemeinärztliche Forschungspraxen in der Initiative DESAM-ForNet organisiert sein. Bis dahin ist noch ein Stück Weg zu gehen. „Aktuell ist eine umfassende Übersicht zur Forschungsinfrastruktur mit den teilnehmenden Forschungspraxen noch nicht generierbar“, teilt Heinz mit. National wie international fehlen zudem einheitliche Standards zur Definition einer Forschungspraxis – das erschwert den Harmonisierungsprozess. Im Moment sei die reale Teilnehmerzahl sicher noch ein gutes Stück von der BMBF-Zielvorgabe der 1.700 Praxen entfernt, erklärt die Leiterin. Die Hausärzte erhalten bei Teilnahme eine Aufwandsentschädigung, aber noch wichtiger ist: „Für die Ärztinnen und Ärzte braucht es Verlässlichkeit in der Planung. Nur so ist der nachhaltige Aufbau einer Forschungsinfrastruktur möglich.“

Zum DESAM-ForNet-Forschungspreis 2022

Der DESAM-ForNet-Forschungspreis wurde am 11. März dieses Jahres bei einer virtuellen Veranstaltung vergeben. Die Perspektive der Patientinnen und Patienten in der Jury vertraten Sascha Ubrig und Michel Hahn (Lebenshilfe Berlin) sowie Ursula Gaedigk (Patientenbeauftragte der Senatsverwaltung Berlin). Die Perspektive der Hausarztpraxis wurde mit Susanne Reich-Emden (MFA aus Bremen), Susann Fischer (Hausärztin aus Oberfranken) und Julia Kálmán (Hausärztin aus Brandenburg) eingebracht. Die Perspektive der universitären Lehre wurde durch Prof. Martin Scherer (Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, DEGAM) sowie Prof. Norbert Donner-Banzhoff (Universitätsprofessor an der Abteilung für Allgemeinmedizin in Marburg) vertreten.

Aufgrund der großen Anzahl von Einreichungen war die Aufteilung der Beiträge in vier Kategorien vorgenommen worden, in denen jeweils drei Beiträge in den Wettbewerb gingen. Nachfolgend stellen wir die Siegerprojekte vor.

Die Situation der MFAs in Zeiten der Pandemie

In der Kategorie „Praxisalltag in Zeiten von COVID-19“ konnte ein Team um Anastasia Suslow aus der Abteilung für Allgemeinmedizin der Ruhr-Universität Bochum die Jury überzeugen. Das Thema: „PIPER: Pandemiemanagement in der Praxis – Erfahrungsberichte und Reflexion“. 21 Medizinische Fachangestellte wurden von April bis September 2021 dazu befragt, welchen Einfluss die COVID-19-Pandemie auf allgemeinärztliche Praxen hatte. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Daueranrufe, persönliche Beleidigungen, mangelnde Wertschätzung und komplette Überarbeitung prägten den Berufsalltag der MFAs in Zeiten von COVID-19. Während Pflegekräfte beklatscht wurden, bezogen MFAs nach subjektiver Wahrnehmung hauptsächlich Prügel. Das Bauchgefühl sorgt für Zustimmung zur Aussage der Studie, aber leider reicht die Evidenz der kleinen Fallzahl kaum über ein anekdotisches Level hinaus, was DEGAM-Präsident und Jury-Mitglied Prof. Martin Scherer zu Recht bemängelte.

Die Schlussfolgerungen der Studie fanden allgemeine Zustimmung: Damit der Patienten-Frust nicht auf dem Rücken der MFAs abgeladen wird, seien mehr MFA-Stellen und ein garantierter finanzieller Ausgleich in Pandemie-Situationen unumgänglich. „Wenn MFAs darüber nachdenken, ihren Job aufzugeben, wird die schlechte telefonische Erreichbarkeit in Zukunft das geringste Problem in der hausärztlichen Versorgung sein“, schloss Anastasia Suslow ihre Präsentation.

Einbindung der MFAs in ein Rückenschmerztraining erfolgreich

In der Preiskategorie „Hausgemacht/Direkt aus der Praxis“ befasste sich Stefan Zutz mit der Durchführung und Evaluation eines Gruppenangebots Medizinischer Fachangestellter auf verhaltenstherapeutischer Grundlage für Patienten mit chronischen Rückenschmerzen. Zutz ist in Neubukow niedergelassen und außerdem Lehrarzt am Institut für Allgemeinmedizin der Universität Rostock. Eine zentrale Rolle in der Studie spielte die Medizinische Fachangestellte Susan Matzdorf, die auch Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (VERAH) ist und eine Care-Qualifikation für chronisch kranke Menschen erworben hat. Das Projekt basierte auf den Leitlinienempfehlungen sowie validierten Entspannungsverfahren. 15 Patienten mit mindestens sechs Monaten Rückenschmerzen nahmen am Training der MFA teil. Die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson war ein zentrales Element.

Das Ergebnis: Die Einbindung der MFA in ein verhaltenstherapeutisches Training verbesserte die Versorgungsqualität für chronische Rückenschmerzpatienten. Es kam zu einer qualitativen Reduzierung der Schmerzen und zur Verbesserung der Lebensqualität. Das Teamwork reduziert zudem die Berufsbelastung von Hausärzten, so die Studienautoren. Allerdings wäre zum konkreten Nachweis eines therapeutischen Nutzens der Intervention eine Kontrollgruppe erforderlich gewesen.

Das ABC der Tabakentwöhnung konnte die Jury überzeugen

In der Kategorie „Neue Werkzeuge für die Praxis“ stellte Prof. Daniel Kotz das ABC der Tabakentwöhnung vor. Es geht um die Effektivität der Kostenerstattung von Nikotinersatztherapie im Kontext hausärztlicher Kurzberatung. Viele Allgemeinärzte empfinden ein Gespräch über Rauchentwöhnung als schwierig, zeitraubend und frustrierend. Eine Lösung verspricht die ABC-Methode mit den Schritten:

  • Fragen nach dem Rauchstatus

  • Ratschlag des Rauchstopps

  • Unterstützungsangebot

Die Studie schloss 1.937 rauchende Patienten aus 52 allgemeinärztlichen Praxen in NRW ein. Der Fokus lag auf der Haltung der Allgemeinärzte und insbesondere auf der Frage, ob sie Patienten eher zu Rauchstopp-Versuchen ansprechen, wenn das ABC-Modell sowie ein entsprechendes Training zur Verfügung stehen. Tatsächlich verdreifachte die Kombination aus ABC-Methode und Entwöhnungskurs die Zahl der Gespräche zur Rauchentwöhnung in den Praxen. Und auch die Zahl der Patienten-Versuche verdoppelte sich.

„Zukunftsperlen“ sollen 2023 glänzen

Im kommenden Jahr wird der DESAM-ForNet-Forschungspreis unter dem Motto „Zukunftsperlen aus der hausärztlichen Praxis“ stehen. Hierbei soll es um Konzepte gehen, die das Potential des hausärztlichen Settings für die Forschung deutlich machen. Die Ausschreibung folgt im Spätsommer.

Diese und weitere Informationen sind online unter www.desam-fornet.de oder im Newsletter zu finden. Die Anmeldung erfolgt unter koordinierung@desam-fornet.de.

Für die Zukunft plant der Gemeinsame Bundesausschuss eine Kostenerstattung der Krankenkassen für die Nikotinersatztherapie mit Nikotinpflaster oder Nikotinkaugummi. Im Folgeprojekt mit zwölf Praxen und 144 Patienten soll nun die Stellschraube der Kostenerstattung zur ABC-Methode hinzugefügt werden. Wie wirkt sich die Kostenerstattung auf Motivation und Erfolg des Rauchstopp-Versuchs aus der Perspektive der Patienten aus? Die Evaluation findet nach zwölf Wochen Rauchfreiheit mit einem Kohlenmonoxid-Messgerät statt, so Prof. Kotz.

UMERODA soll Praxen und Universitäten digital verbinden

Das IT-Projekt „Using Medical Routine Data for scientifically based Public Health Governance (UMERODA)“ siegte in der Kategorie „Die Praxis als Schaltstelle von Forschung und Versorgung“. Dr. med. Johannes Hauswaldt, niedergelassener Allgemeinarzt und Mitarbeiter im Institut für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Göttingen, berichtete über die dauerhafte Nutzung hausärztlicher Routinedaten für eine gute regionale öffentliche Gesundheitsversorgung. An drei europäischen Standorten – Krakau in Polen, Braunschweig in Deutschland und Osijek in Kroatien – wird die technische und organisatorische Machbarkeit der Übertragung und Auswertung von Daten zwischen allgemeinärztlichen Praxen und dem lokalen öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) erprobt. Leider werden diese Daten bislang in ganz Europa nicht für den ÖGD genutzt. Das Projekt soll ab 2023 aus Mitteln des Regionalfonds der Europäischen Union gefördert werden.

Bericht: Franz-Günter Runke

▸▸▸ Literaturtipp zum Thema DESAM Patenschaften für Botschafter der Allgemeinmedizin


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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