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13. Dezember 2021

Aufruf zur Teilnahme an Online-Petition zur Digitalisierung

Freiwilliger Jahrestest soll Ruhe in die Praxen bringen

Weder „Elektronische Patientenakte“ (ePA) noch „Elektronische Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit“ (eAU) funktionieren im Praxisbetrieb. „Digitale Anwendungen“ sind zum Reizwort geworden. Deshalb hat Dr. med. Petra Reis-Berkowicz, Vorsitzende der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) und Stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbands, eine Online-Petition gestartet, an die sich sowohl die KVB und alle anderen Landes-KVen als auch der Deutsche Hausärzteverband und seine Landesverbände angeschlossen haben. Die Schlüsselforderungen lauten: freiwilliger Jahrestest und Papierersatzverfahren bei Störungen. Bis 16. Dezember müssen 50.000 Unterschriften vorliegen, aktuell sind es nur ca. 10.000. Die Zeit drängt also. Für den „Allgemeinarzt“ sprach Franz-Günter Runkel mit Dr. Reis-Berkowicz.

Interview
Dr. med. Petra Reis-Berkowicz
Zweite stellvertretende Vorsitzende des BHÄV sowie Vorsitzende der Vertreterversammlungen von KV Bayern und KBV

▸▸▸ Was möchten Sie mit der Petition erreichen?

Reis-Berkowicz: Die Petition fordert, dass die Einführung von TI-Anwendungen wie die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung oder das elektronische Rezept über die ersten zwölf Monate als Testphase ausgestaltet werden muss, an der sich die Anwender freiwillig beteiligen können. Zudem muss der dauerhafte Einsatz von Ersatzverfahren im Regelbetrieb, insbesondere bei technischen Störungen, zukünftig erhalten bleiben. Erst wenn es dann reibungslos funktioniert, kann die Anwendung nach einem Jahr zur digitalen Pflicht werden. Wir hoffen, dass die Sicherstellung eines zuverlässigen TI-Betriebs in Jahresfrist erreicht werden kann.

▸▸▸ Die Hoffnung stirbt zuletzt?

Reis-Berkowicz (schmunzelt): Wir versuchen jetzt, mit dem Moratorium Ruhe in die Praxen zu bringen. Gerade in der gegenwärtigen Pandemie-Krise mit Impfleistungen, Terminverschiebungen bei elektiven Operationen und beunruhigten Patienten braucht es Ruhe und Verlässlichkeit. Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein, sondern sie muss funktionieren und darf nicht den Workflow der Praxen stören.

▸▸▸ Wie geht es weiter mit der Petition?

Reis-Berkowicz: Die Petition wurde am 18. November gestartet und läuft bis zum 16. Dezember. 50.000 Unterschriften werden gebraucht, aktuell haben wir etwa 10.000. Das ist zu wenig, aber in Pandemie-Zeiten ist diese Petition eine schwierige Motivationsaufgabe.

▸▸▸ War es ein Fehler, die Petition mitten in der Pandemie zu starten?

Reis-Berkowicz: Nein, auf keinen Fall. Viele Ärzte haben im Moment andere Dinge im Kopf und vergessen sich selbst – wie leider so oft. Wenn es nicht reicht, werde ich mich im Vorstand für eine unbefristete Papierpetition einsetzen. Da gäbe es dann kein zeitliches Limit. Wir machen weiter, weil wir die Praxen nicht im Regen stehenlassen können.

▸▸▸ Warum ist die Digitalisierung zum Reizwort geworden?

Reis-Berkowicz: In der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind enorme Fehlentwicklungen zu beklagen. Es geht schon lange nicht mehr um berufspolitische Aspekte oder Versorgungsfragen, sondern nur noch um technische Fragen. Die neuen IT-Anwendungen werden vollkommen unvorbereitet und unausgegoren in die Praxen gedrückt. Das Hauptproblem ist einfach: Diese digitalen Anwendungen funktionieren einfach nicht!

▸▸▸ Woran scheitert es in der Praxis?

Reis-Berkowicz: Alle Beteiligten, also Netzbetreiber und Soft- bzw. Hardware-Häuser, schieben sich ständig gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Ein aktuelles Beispiel aus meiner Praxis: Ich hatte eAUs online übermittelt; einen Tag später öffnete sich ein Fenster auf dem PC und es hieß lapidar, die Übermittlung der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen sei gescheitert. Die eAUs konnten nach der Signatur durch den Arzt nicht verschickt werden. Das ist eine reine Katastrophe!

▸▸▸ Warum?

Reis-Berkowicz: Ich muss jetzt die Patienten anrufen und die AU nochmal auf Papier ausdrucken. Am Ende muss die Bescheinigung dann vielleicht auch noch per Post verschickt werden. In jedem Fall ist es doppelte Arbeit für die Praxis und keinesfalls die versprochene Erleichterung. Bis zum Konnektor geht alles reibungslos, aber die Datenautobahn ist oft blockiert oder die Verarbeitung und Bestätigung durch den Krankenkassen-Empfänger geht schief. Das geht so einfach nicht. Deshalb brauchen wir die Petition, um in Berlin Druck zu machen.

▸▸▸ Am Jahresanfang soll auch das eRezept starten.

Reis-Berkowicz: Mein Gott, ja, das wird ein Fiasko ...

▸▸▸ Warum?

Reis-Berkowicz: Die Online-Übermittlung an die Apotheker scheitert aktuell allein deshalb, weil Apotheken derzeit sehr oft noch nicht über geeignete digitale Technik verfügen. Man muss sich vor Augen führen: Es geht um jährlich fast 500 Millionen Rezepte und 77 Millionen Arbeitsunfähigkeiten. Die eRezepte muss der Allgemeinarzt dann mit einem QR-Code ausdrucken. Dann landet der Papierausdruck mit QR-Code für das Rezept zerknittert beim Apotheker auf dem Tresen. Der Apotheker kann den QR-Code nicht auslesen und schickt den Patienten zurück zum Hausarzt. Und so weiter ... Es wird ein Chaos!

▸▸▸ Das klingt ein wenig so, als wollten Sie die Digitalisierung in den Praxen verhindern…

Reis-Berkowicz: Nein, ganz im Gegenteil. Wir sind nicht gegen die Digitalisierung, weil sie viele Prozesse im Gesundheitssystem wesentlich erleichtern und beschleunigen kann und Kosten spart – natürlich muss sie funktionieren. Ich wende digitale Werkzeuge gerne an. Diese riesige Masse an Ausdrucken kostet heute Zeit und zudem viel Geld für Papier, Drucker und Toner. Meine Praxis gibt pro Quartal 4.000 Euro für den Drucker-Toner aus. Aber: Digitalisierung darf keine zusätzliche Arbeitsbelastung für meine ohnehin voll ausgelasteten Medizinischen Fachangestellten sein.

▸▸▸ Es gibt doch bereits eine Richtlinie der KBV zu digitalen Anwendungen.

Reis-Berkowicz: Ja, das ist richtig. Die KBV hat die KVen aus der Haftung genommen und eine Richtlinie erlassen. Dadurch können die Ärzte, in deren Praxen die digitale Anwendung technisch nicht funktioniert, bis zum 30. Juni 2022 einen Papierausdruck als befristete Ersatzlösung verwenden. Das Bundesgesundheitsministerium hat diese Richtlinie nicht beanstandet. Jetzt gilt der Printausdruck bei technischen Problemen, ohne dass der Arzt mit einer Honorarkürzung von 2% seines Gesamtumsatzes bestraft wird. Das technische Problem muss der Arzt jedoch mit Dokumenten wie Fotos glaubhaft machen.

Interview:
Franz-Günther Runkel

▸▸▸ Literaturtipp zum Thema „DHÄV plant Petition gegen eRezept-Umsetzung“

Die Unterzeichnung ist online unter https://epetitionen.bundestag.de/petitionen unter der Ziffer: 126863.

Mehr Informationen gibt es auch auf der Internetseite der KVB unter https://www.kvb.de .

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