© CRISTIAN CASANELLES, Tempura E+

15. September 2021

Infektionsschutzgesetz geändert

Hospitalisierung als Messlatte für „Corona“-Sanktionen

Als Reaktion auf die zunehmende Durchimpfung der Bevölkerung gegen SARS-CoV-2 haben Bundestag und Bundesrat noch vor den Wahlen das Infektionsschutzgesetz geändert. Für die Pandemiebekämpfung im Herbst und Winter wird die Quote der COVID-19-bedingten Klinikeinweisungen innerhalb von sieben Tagen und bezogen auf 100.000 Einwohner zum neuen Gradmesser der Pandemiebewertung.

Künftig wird die oft kritisierte Konferenz der Ministerpräsidenten (MPK) an Bedeutung verlieren. Stattdessen sollen die Bundesländer vor Ort festlegen können, ab wann strengere Alltagsbeschränkungen nötig werden.1, 2 Ergänzend zur Hospitalisierungsinzidenz soll jedoch auch in Zukunft die Neuinfektionsinzidenz pro 100.000 Einwohner weiter zumindest aus den Augenwinkeln betrachtet werden. Schließlich misst die Politik auch der Quote der Geimpften eine Bedeutung für die Lagebeurteilung in einer Region zu.

Um die Zahl der Geimpften zu steigern und Alltagsbeschränkungen zu vermeiden, verwies der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbands, Dr. med. Markus Beier, im Interview mit dem Ärztenachrichtendienst auf „Impfen als Kernkompetenz der Hausärztinnen und Hausärzte“. Seit 18 Monaten ständen die Allgemeinärzte an vorderster Front in der Bekämpfung der Pandemie. „Neun von zehn Corona-Patienten werden ambulant versorgt. Wir halten damit den Kliniken den Rücken frei für die Versorgung der lebensbedrohlich erkrankten Patienten“, betont Beier. Für die Auffrischungsimpfungen im Herbst seien die Allgemeinärzte zudem bestens gerüstet.

Impfen wird wieder zur primären Aufgabe der Allgemeinärzte

Beier rechnet damit, dass sich Niedergelassene anderer Fachrichtungen zunehmend aus der Impfkampagne zurückziehen würden, um sich wieder ihren Kerntätigkeiten zu widmen. „Dagegen nehmen die hausärztlichen Versorgungspraxen auch weiterhin eine entscheidende Rolle in der Impfkampagne ein und werden alle Impfungen weiterhin anbieten. Wir Hausärztinnen und Hausärzte sind uns unserer großen Verantwortung bewusst. Allerdings wäre eine zusätzlich spürbare Anerkennung für unsere Beratungs- und Organisationsleistungen und die unserer Mitarbeiterinnen durchaus ein wichtiger Motivator für die nächsten Monate“, gibt der BHÄV-Vorsitzende zu bedenken.

Gesundheitsminister erweitern Kreis der Kandidaten für Boosterimpfungen

Die Gesundheitsministerkonferenz der Bundesländer (GMK) hat unterdessen den Personenkreis erweitert, der nach ihrer Auffassung auf eigenen Wunsch Auffrischimpfungen mit einem mRNA-Impfstoff erhalten soll.3 Konkret soll Bewohnern in Pflegeeinrichtungen, Einrichtungen der Eingliederungshilfe und weiteren Einrichtungen mit vulnerablen Gruppen und auch den dort tätigen Pflegekräften und weiteren Beschäftigten eine Auffrischimpfung angeboten werden. Eine Auffrischimpfung könne nach einem Bericht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bei denjenigen in Betracht gezogen werden, die beruflich in regelmäßigem Kontakt mit infektiösen Menschen stünden, zum Beispiel medizinisches Personal im ambulanten und stationären Bereich, Personal des Rettungsdienstes sowie mobile Impfteams.

Personen über 60 Jahre rücken ebenfalls wieder in den Fokus

Darüber hinaus schließt der Beschluss Auffrischimpfungen für über 60-jährige Personen „nach individueller Abwägung, ärztlicher Beratung und Entscheidung“ ein. Der Nutzen einer vorsorglichen Auffrischimpfung für diese Personengruppe, für die ein hohes Risiko für schwere Verläufe bei einer COVID-19-Infektion bestehe, sei bereits hinreichend belegt. Nach dem GMK-Beschluss soll die Auffrischungsimpfung mit einem mRNA-Impfstoff erfolgen. Zudem muss die vollständige Impfung mindestens sechs Monate zurückliegen. Nach Mitteilung der GMK soll in Kürze auch für Auffrischungsimpfungen ein digitaler Impfnachweis erstellt werden können.

Angesichts der anlaufenden Impfkampagne gegen die Influenza hat die GMK außerdem eine zeitnahe Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) erbeten, ob die Impfung zusammen mit einer COVID-19-Impfung verabreicht werden kann. Das Paul-Ehrlich-Institut erwarte bei der sog. Co-Administration von inaktivierten Influenza- und COVID-19-mRNA-Impfstoffen (Impfungen am gleichen Tag an unterschiedlichen Extremitäten) keine deutlichen Unterschiede in der Immunogenität, heißt es in dem GMK-Beschluss.

Intensivmediziner wünschen sich etwas Vorlauf zur Hospitalisierung

Die neuen Pandemiekriterien haben eine überwiegend positive Resonanz ausgelöst. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Intensivmedizin (DIVI), Prof. Gernot Marx, befürwortet die Hospitalisierungsrate grundsätzlich als Maßstab. „Allerdings geben wir zu bedenken, dass insbesondere die Inzidenz der Altersgruppe 35 plus eine sehr gute Korrelation mit der Hospitalisierung zeigt.“ Mit ihr habe man einen Vorlauf von ca. elf Tagen in Relation zur Hospitalisierung. Außerdem müsse man die Krankenhauskapazitäten vor Ort betrachten, so Marx. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft unterstützt die Neufassung des Infektionsschutzgesetzes ebenfalls im Grundsatz. Der Vorstandsvorsitzende Dr. Gerald Gass fordert aber auch, „dass es nicht nur die Neuaufnahmen im Krankenhaus sein sollten“. Er plädierte für einen Dreiklang aus Neuinfektionen, Hospitalisierungsinzidenz und Belegung der Intensivstationen. Um einen föderalen Flickenteppich zu vermeiden, fordert die DKG eine intensive Abstimmung zwischen Bund und Ländern. Einheitliche Kriterien seien notwendig.

Berlin baut die Hospitalisierung in die Warnampel ein

In der Hauptstadt wird die COVID-19-Warnampel in Zukunft berücksichtigen, wie viele Menschen nach einer Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden müssen. Das hat der Senat bei seiner Sitzung auf Vorschlag von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) beschlossen. Es sei darum gegangen, die Ampel weiterzuentwickeln, die Berlin schon im Mai 2020 eingeführt habe. Damals sei Berlin mit der Idee, auf drei Indikatoren zu setzen, bundesweit Vorreiter gewesen. „Das Ampelsystem hat sich wirklich bewährt“, so die Senatorin. Nach dem Beschluss des Senats soll es bei drei Indikatoren bleiben – der R-Wert, der anzeigt, wie viele andere ein Infizierter im Schnitt ansteckt, spielt im Berliner Ampelsystem schon länger keine Rolle mehr. Stattdessen wird jetzt als neuer Indikator die Hospitalisierungsinzidenz eingeführt. Ab einem H-Wert von vier springt die Berliner Ampel auf Gelb um, bei acht dann auf Rot.

Inwieweit die Neuregelungen im Infektionsschutzgesetz einen pandemischen Flickenteppich in Deutschland verhindern werden, bleibt abzuwarten. Der Trend geht eher wieder in Richtung föderaler Binnenlösungen mit einer stärkeren Ausrichtung auf die Hospitalisierung. Am besten wäre es sicher, wenn eine Durchimpfung der Bevölkerung weitere Notlagen gar nicht erst entstehen ließe. Das ist gut für die Bevölkerung – und sicher auch für die Allgemeinärzte.

Bericht:
Franz-Günter Runkel

  1. www.aend.de/article/214083

  2. 2 www.aerzteblatt.de/nachrichten/127039/Coronakrise-Bundestag.

  3. KBV-Praxisnachrichten, 07.09.21. Neuer Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz zu Auffrischimpfungen.


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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