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19. April 2022

Ukraine-Krieg und Flüchtlingselend

„Ich bin durch die Hölle gegangen und dachte, ich sterbe“

Seit dem 24. Februar herrschen Krieg, Bombardements und Vertreibung in der Ukraine. Zum Teil werden Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten und zivile Wohnblocks zu Angriffszielen. Der Krieg der Russischen Föderation hat bereits für zehntausende Tote auf beiden Seiten gesorgt, Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer sind auf der Flucht. Ärzte und Hilfsorganisationen leisten an den Grenzen der Nachbarstaaten medizinische Hilfe, versorgen die Flüchtlinge mit Medikamenten, Nahrungsmitteln, Decken und Hygieneartikeln.

Seit dem Beginn der kriegerischen Handlungen leben die Menschen in der Ukraine in größter Unsicherheit. Viele Menschen verlassen fluchtartig ihre Häuser und versuchen sich in Sicherheit zu bringen. Ziele sind neben vermeintlich sichereren Regionen der Ukraine auch benachbarte Länder wie Polen, Slowakei, Rumänien oder Moldawien. An den Grenzen müssen die Menschen oft stundenlang in klirrender Kälte in ihren Autos ausharren. Entsprechend geschwächt und verängstigt treffen sie dann in den Notunterkünften der Nachbarstaaten ein.

Antibiotika und Schmerzmittel sind in der Ukraine knapp

In den Kriegsgebieten ist das Ukrainische Rote Kreuz mit 3.000 Ehrenamtlichen und 550 Mitarbeitern im Einsatz, um medizinische Hilfe zu leisten, Menschen zu evakuieren und in Erster Hilfe auszubilden. Sebastian Zausch, Kommunikationsleiter der Hilfsorganisation „Humedica“, berichtet, dass in der Ukraine vor allem Erste-Hilfe-Kits, Einweg-OP-Kits, Artikel für die Wundversorgung, Kompressen für Verbrennungen, OP-Handschuhe sowie Medikamente aller Art gebraucht werden. Mangelwaren sind Antibiotika und Schmerzmittel. Bislang hat „Humedica“ noch nicht entschieden, wann Ärzteteams in die Ukraine geschickt werden können. In Deutschland haben sich bislang ca. 800 Ärztinnen und Ärzte zum Hilfseinsatz in der Ukraine oder benachbarten Staaten bereiterklärt.

In den ostukrainischen Gebieten Donezk und Luhansk ist die Hilfsorganisation „Ärzte der Welt“ im Einsatz. Dort herrscht bereits seit rund acht Jahren medizinische Unterversorgung. Sowohl der physische als auch der psychische Zustand der Menschen sei schlecht, berichtet das „Deutsche Ärzteblatt“. „Sollte sich der Konflikt weiter verschärfen, droht ein Kollaps der medizinischen Versorgung“, stellt Stephanie Kirchner von „Ärzte der Welt“ fest.

Eine Familie wartet in einem Wärmezelt an der ukrainisch-slowakischen Grenze auf Nachrichten vom Vater, der in der ukrainischen Armee kämpft.

Schlangen an Geldautomaten und heulende Sirenen

An der slowakisch-ukrainischen Grenze arbeitet Marta Wnorowska als Projektkoordinatorin für „Ärzte ohne Grenzen“ („Médecins Sans Frontières“, MSF). Vom 24. Februar bis Mitte März sind 195.000 Flüchtlinge über die Grenze in die Slowakei gekommen. „Uschhorod ist eine Stadt nahe der slowakischen Grenze in der Ukraine, die ein Verteilzentrum für humanitäre Hilfe in der Ukraine geworden ist. Obwohl das Leben in Uschhorod relativ normal verläuft, ist die Atmosphäre von Unruhe erfüllt. Es gibt Schlangen an den Geldautomaten, Mangelartikel in den Apotheken und manchmal sind Sirenen zu hören. Vor dem Krieg hatte die Stadt 100.000 Einwohner, aber die Zahl hat sich seitdem verdreifacht. Die Stadt ist überfüllt mit Flüchtlingen, es gibt Verkehrsstaus und die Behörden befürchten Versorgungsengpässe“, beschreibt Wnorowska die Situation.

Es gibt drei Transitpunkte an der Grenze zwischen der Ukraine und der Slowakei: Vysne Nemecke, Ubla und Slemense. „Im Schnitt überqueren täglich rund 10.000 Menschen die Grenze. Auf ukrainischer Seite bilden sich Staus von bis zu drei Kilometern vor der Grenze. 90% der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder, der Rest alte Leute. Die Menschen sind hungrig, traumatisiert und vollkommen erschöpft. Trotzdem gehen sie schnell, entschlossen und schweigend bei Temperaturen von bis zu zehn Grad minus. Auf slowakischer Seite werden die Flüchtlinge mit Essen und warmer Kleidung willkommen geheißen“, so Wnorowska.

Auf ukrainischer Seite baut „Ärzte ohne Grenzen“ einen Stützpunkt in Uschhorod auf. „Wir schauen auch auf Städte wie Ivano-Frankvisk, um die Situation im Südwesten der Ukraine bewerten zu können. Das größte Problem des Gesundheitssystems ist im Moment die mögliche Unterbrechung der Versorgung mit notwendigen medizinischen Gütern. In Uschhorod fehlen bereits Insulin, Narkose- und Schmerzmittel“, weiß die Projektkoordinatorin von MSF.

Flüchtlinge an der ukrainisch-slowakischen Grenze warten auf Hilfe.

Die Hässlichkeit des Kriegs und die Schönheit der Mitmenschlichkeit

An der polnischen Grenze leitet Felipe van Braak ein Team von Notärzten. „Die Hässlichkeit des Konflikts und die Schönheit, die er in Menschen zum Vorschein bringen kann – wir erleben beides hier in Polen“, schreibt van Braak. Mehr als 1,7 Mio. ukrainische Flüchtlinge sind in Polen und die Zahl steigt täglich. „Ich habe niemals zuvor eine spontane Mobilisierung von Hilfe dieses Ausmaßes erlebt. Es war berührend, das zu erleben.“ Auf der polnischen Seite warten Freiwillige und begrüßen die Flüchtlinge mit warmer Suppe, SIM-Karten, Hygieneartikeln und warmer Kleidung. „Ich sprach mit einem Flüchtling aus Kiew, der mir von seiner Reise erzählte: ,Ich bin durch die Hölle gegangen und dachte, dass ich sterben werde. Seit meiner Ankunft in Polen habe ich nichts als Freundlichkeit erfahren.‘“

MSF-Teamleiter Felipe van Braak findet, dass die reichen Länder Europas viel mehr tun müssen. Eine der größten medizinischen Sorgen ist die Kontinuität der Versorgung für Menschen mit chronischen Krankheiten. Flüchtlinge aus der Ukraine brauchen notwendige Medikamente gegen Bluthochdruck, Diabetes, Epilepsie, psychische Störungen, Tuberkulose und andere Krankheitsbilder. „Wenn sie keinen regulären Zugang zu diesen Arzneimitteln erhalten, werden sich ihre Erkrankungen so verschlimmern, dass möglicherweise Hospitalisierungen notwendig werden. Ich bin nicht sicher, ob Polens Gesundheitssystem auf einen solchen Höchststand in der Versorgung vorbereitet ist.“

An die polnisch-ukrainische Grenze ist auch die Tübinger Allgemeinärztin Gunver Werringloer gereist. Dort ist sie für die Hilfsorganisation „LandsAid“ im Einsatz. „Die polnischen Freiwilligen sind unglaublich engagiert und haben in der kurzen Zeit schon viele gute Strukturen geschaffen. In Radymno, einer grenznahen Stadt, kommen täglich zwischen 1.000 und 3.000 Menschen an“, sagte Werringloer dem „Deutschen Ärzteblatt“. Die polnischen Helfer seien emotional enorm aufgewühlt von den dramatischen Ereignissen in der Ukraine und der Not der Flüchtlinge. Die Situation in den umkämpften Gebieten jenseits der Grenze kann die Tübinger Allgemeinärztin nicht genau beurteilen. Die Flüchtlinge litten vor allem an Atemwegsinfektionen, gastrointestinalen Erkrankungen, Stressreaktionen und zum Teil auch Erfrierungen.

Mitglieder des Teams Rumänien von Humedica gehen an der Autoschlange der Flüchtlinge entlang und bieten Hilfe an.

Bis zu 48 Stunden Wartezeit an der moldawischen Grenze

Keinen Deut besser ist die Lage in Moldawien und Rumänien. „Humedica“-Vorstand Johannes Peter hatte Kontakt zu Einsatzteams in Moldawien. „Unsere Teams berichten aus Moldawien, dass Menschen bis zu 48 Stunden an den Grenzübergängen in der Kälte ausharren müssen.“ Der hausärztlich tätige Internist Dr. Christian Scholber hat sich für „Humedica“ in Rumänien eingesetzt. Die Kleinstadt Siret ist einer der Anlaufpunkte für Menschen, die aus der Ukraine nach Rumänien fliehen. Täglich kommen rund 6.000 Flüchtlinge über die Grenze. Scholber war dort als Teil eines „Assessment-Teams“ der Humedica, um sich ein Bild der Lage zu machen und weitere Hilfe zu planen, berichtete der Ärztenachrichtendienst ÄND.

„Es war eine irritierende Situation“, schildert Scholber dem ÄND. „Menschen, die eben noch im Büro saßen, sind aus dem Alltag gerissen. Als wenn Sie in Hamburg zufällig 100 Leute von der Straße nehmen, denen einen Rollkoffer in die Hand drücken und sie über die Grenze schickten. Rumänien bewältigt das sehr gut“, lobt Scholber. Zahlreiche Hilfsorganisationen seien vor Ort, etwa die „Ärzte der Welt“, der Türkische Rote Halbmond, die „Swiss Foundation for Innovation (SFI)“ oder „Emergency Response Albania (ERA)“.

© Joel Carillet

Eine Gruppe Geflüchteter am Bahnhof Lwiw (Lemberg)

Busse zur Weiterreise nach Deutschland standen bereit

Für die Flüchtlinge seien Zelte aufgebaut. Es gebe Unterstützung für Familien, Behinderte – sogar Gebärdensprachendolmetscher seien vor Ort gewesen. „Viele Flüchtlinge haben Angehörige oder Freunde, zu denen sie dann weiterreisen“, berichtet Scholber. Die Ukrainer seien gut vernetzt und gut organisiert. So hätten zur Weiterreise – auch nach Deutschland – Busse bereitgestanden. Viele seien auch von Bekannten abgeholt worden. „Es bleiben nur wenige Gestrandete dort, und die werden sehr gut versorgt“, lobt Scholber. Die Flüchtlingscamps, die sein Team besichtigt habe, seien vorbildlich. Einige Flüchtlinge hat Scholber medizinisch versorgt.

Dramatisch ist die Situation in der umkämpften Ukraine selbst. Dort gibt es große Probleme mit der medizinischen Versorgung, die ERA etwa kümmere sich um die Verlegung von Intensivpatienten nach Rumänien. „An die Schwerverletzten im Kriegsgebiet kamen wir natürlich nicht ran“, bedauert Scholber. Zu groß wäre die Gefahr für die Helfer.

Literaturtipp zum Thema Ukraine-Krieg: „ Mit Wort und Tat gegen das Grauen des Kriegs

Konten der Flüchtlingshilfe

Humedica
IBAN: DE35 7345 0000 0000 0047 47

Ärzte der Welt
Spendenzweck: Not- und Krisenhilfe Ukraine
IBAN: DE 06 1203 0000 1004 3336 60

Deutsches Rotes Kreuz
Spendenzweck: Nothilfe Ukraine
IBAN: DE63 3702 0500 0005 0233 07

LandsAid
IBAN: DE66 7005 2060 0000 0140 01

Ärzte ohne Grenzen
IBAN: DE72 3702 0500 0009 7097 00

Autor:
Franz-Günter Runkel
Betreut als freier Redakteur die Ressorts Berufs- und Gesundheitspolitik, Wissenschafts- und Hochschulpolitik im „Allgemeinarzt“


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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