© Franz-Günter Runkel

24. Oktober 2022

Neuer Lehrstuhl für Allgemeinmedizin in Köln

Klimawandel wird wichtiges Thema bei Forschung und Lehre

Die 37-jährige Professorin Dr. med. Beate Müller hat am 1. April dieses Jahres die Leitung des neugegründeten Instituts für Allgemeinmedizin an der Universitätsklinik Köln übernommen. Sie ist Lehrstuhlinhaberin der neuen W3-Professur für Allgemeinmedizin. Ein Fokus ihrer Tätigkeit liegt auf der Bestimmung und Gestaltung der Rolle der Hausarztpraxis im Klimawandel. Die Redaktion besuchte die neue Ordinaria im Institut.

Noch ist die Einrichtung des Instituts unvollkommen, denn Beate Müller leistet in Köln Pionierarbeit. Nach und nach werden Mobiliar und Mitarbeiterstab ergänzt, sodass der Betrieb anlaufen kann. Am 12. September 2022 hat die Hochschulambulanz Allgemeinmedizin eröffnet, und im Wintersemester wird Prof. Müller mit ihren Vorlesungen starten. „Die ersten 200 Tage sind bald vergangen und ich fühle mich sehr wohl und willkommen. Mein Eindruck ist, dass die Allgemeinmedizin jetzt gesehen wird“, erzählt Prof. Müller. Vor ihrer Berufung gab es in Köln keinen Lehrstuhl, sondern einen Schwerpunkt Allgemeinmedizin mit den Honorarprofessoren Prof. August-Wilhelm Bödecker und Prof. Jörg W. Robertz. Beide sind Hausärzte und erhielten ihre Honorarprofessuren als Dank für ihr großes Engagement in der Lehre.

Mit der Einrichtung eines offiziellen Lehrstuhls wird das Fach Allgemeinmedizin nun an der Universität zu Köln deutlich aufgewertet. In Nordrhein-Westfalen ist Köln eine der letzten Universitäten, die die Allgemeinmedizin mit einer ordentlichen Professur ausgestattet hat. Vor Köln hatte Prof. Martin Mücke im Oktober 2021 als Direktor das neue Institut für Digitale Allgemeinmedizin an der Universitätsklinik der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen übernommen.

Hochschulambulanz als Lehrpraxis und für lebensnahe Versorgungsforschung

© Franz-Günter Runkel

Abb.: Klimasensible Gesundheitsberatung, Versorgungssicherheit und Digitalisierung sind die Grundpfeiler der Arbeit des neuen Lehrstuhls für Allgemeinmedizin an der Universität Köln.

In der Patientenversorgung setzt das neue Institut auf eine Hochschulambulanz, die seit dem 12. September offiziell eröffnet ist. Die Ambulanz dient insbesondere als Lehr- und Forschungspraxis und damit als Praxislabor für neue Lehrprojekte und für Studien. „Wir möchten unter anderem hausärztliche Anlaufstelle sein für Patientinnen und Patienten, die z.B. aufgrund von Arbeit oder Studium neu nach Köln kommen und noch keine Hausarztpraxis haben.“ Alle Patientinnen und Patienten, die in der Region hausärztlich angebunden sind, sollen weiter in ihren Praxen versorgt werden.

Einen praktischen Bezug zu Patientinnen und Patienten sowie zu den Hausarztpraxen sollen die Forschungsprojekte haben. Bislang befasste sich Prof. Müller mit der Rolle der Hausarztpraxis im Klimawandel, Themen der Patientensicherheit in der ambulanten Versorgung oder mit digitalen Gesundheitsanwendungen. Diese Schwerpunkte werden auch in Zukunft auf ihrer Agenda bleiben. So soll es zum Beispiel um die Reduktion des CO2-Fußabdrucks einer hausärztlichen Praxis sowie um Forschungsprojekte rund um Nachhaltigkeit, Patientensicherheit und Klimaschutz gehen. Auch das Thema klimasensible Gesundheitsberatung wird angegangen. Immer mehr Menschen sterben an Hitzewellen. Deshalb ist die Analyse des Medikationsplans ein wichtiges Thema der Forschung, so Prof. Müller. Praktisch geht es z.B. um die Anpassung von Diuretika und die Reduktion der Blutdruckmittel. „Hierzu existieren noch keine validen Daten und wir wollen an diesen Fragen forschen. Gesundheit im Klimawandel ist immer häufiger ein Thema für Forschungsförderer wie den Innovationsfonds oder Bundesministerien. Ich bin zuversichtlich, dass mein Institut bald mit den ersten Projekten starten wird.“ Schließlich gehören auch die nachhaltige Geldanlage sowie Medizinprodukte mit Bio-Label in den Themenkreis.

Lehrziel: Besseres Fehlermanagement in der Hausarztpraxis

Beim Thema Sicherheit in der ambulanten Versorgung wird Prof. Müller einem besseren Fehlermanagement nachgehen. Konkret wird erforscht, wie Praxen besser mit Fehlern umgehen können. „Statt Abmahnung und Entlassung bauen wir auf Systemverbesserung zur Steigerung der Fehlerresilienz einer Praxis“, unterstreicht Prof. Müller. Das Kölner Institut zählt zu den Betreuern des hausärztlichen CIRS-Systems „jeder-fehler-zaehlt.de“. Critical Incident Reporting Systems, kurz CIRS, sind Fehlerberichts- und Lernsysteme zur anonymen Meldung von kritischen Ereignissen oder Fehlern im Gesundheitswesen und darüber hinaus. „Unsere Idee ist eine Maßnahmen-Plattform, auf der sich Praxen über mögliche Instrumente zur Fehlervermeidung informieren können. Das Ziel unserer Forschung ist die Sammlung und Evaluierung dieser Lösungsansätze.“

Grundlagenforschung zu DiGA

„Weitere Schwerpunkte in der Forschung sind digitale Gesundheitsanwendungen. Ich habe zum Beispiel ein Projekt durchgeführt, bei dem COVID-19-Infizierte per App und gekoppelten Messgeräten während ihrer Quarantäne in engem Kontakt mit der Hausarztpraxis stehen konnten. Gerade für die hausärztliche Versorgung auf dem Land halte ich solche digitalen Tools für sehr wichtige Hilfsmittel, um eine gute Patientenbetreuung zu gewährleisten“, so die Allgemeinärztin. Dabei hat Prof. Müller weniger die Entwicklung digitaler Anwendungen selbst im Blick, sondern mehr die Patientensicherheit und den Nutzen für Erkrankte und Hausarztpraxen gleichermaßen.

Interprofessionelle Lehrveranstaltungen

Auf den gut etablierten allgemeinmedizinischen Lehrveranstaltungen in Köln will Prof. Müller aufbauen, die Themen ihrer Forschungsschwerpunkte einbringen und gemeinsam mit anderen Disziplinen interprofessionelle Lehrveranstaltungen konzipieren. Die Studierenden in der Hochschulambulanz werden praktische Fähigkeiten wie Untersuchung und Anamnese erlernen. Die Neugründung des Lehrstuhls erlaubt es zudem jetzt auch, Studierende zu promovieren. Das Kompetenzzentrum Weiterbildung Nordrhein ist in Bonn angesiedelt, aber das Kölner Institut ist ein Standort für Seminare, begleitend zur Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin.

Das sich verändernde Klima wird auch in der Ausbildung der Studierenden eine große Rolle spielen. In jeder allgemeinärztlichen Veranstaltung soll künftig der Klimawandel Thema sein. „Es soll aber keine moralische Keule sein, sondern die gezielte Einbindung klimasensibler Inhalte in die Lehre. In einer Asthma-Vorlesung zum Beispiel kann man erwähnen, dass Pulverinhalatoren einen geringeren CO2-Ausstoß haben als Dosieraerosole. Im Allgemeinen will ich die Lehre in Köln modernisieren und neue, vielfältige Vorbilder einsetzen.“

Im Profil

Prof. Beate Müller studierte Humanmedizin und promovierte in Frankfurt am Main. 2012 entschied sie sich für die Weiterbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin im Krankenhaus in Düren sowie in einer hausärztlichen Praxis im Sauerland. 2015 wechselte sie an das Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo sie Anfang 2017 die Leitung des Arbeitsbereichs Patientensicherheit übernahm. 2020 absolvierte Prof. Müller ihre Facharztprüfung und arbeitete neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit als Fachärztin für Allgemeinmedizin in einer hausärztlichen Praxis in Offenbach. Die Allgemeinärztin ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Autor
Franz-Günter Runkel
Der Autor betreut als freier Redakteur die Ressorts Berufs- und Gesundheitspolitik, Wissenschafts- und Hochschulpolitik.


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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