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20. Juli 2021

Kontroverse

Physician Assistants: rotes Tuch für Ärzte oder Riesenchance für Versorgung?

Der Landarztnachwuchs ist dünn gesät und die „Frontkämpfer“ auf dem Lande sind oft in die Jahre gekommen. Um die allgemeinärztliche Versorgung in der Fläche auch morgen zu sichern, wurde der Bachelor-Studiengang „Physician Assistance“ (PA) aus der Taufe gehoben. Nach ärztlicher Delegation greifen die Physician Assistants eigenverantwortlich zu Spritze und Sonografie-Schallkopf. Landärzte verlieren inzwischen ihre Ängste und stellen PA ein, DEGAM und Hausärzteverbände äußern sich hingegen kritisch bis ablehnend und befürchten „Substitution“.

Anfang 2017 einigten sich die Bundesärztekammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die Deutsche Gesellschaft für Physician Assistants (DGPA) und die Hochschulen auf einheitliche Ausbildungsinhalte. Nach einer Schätzung der DGPA arbeiten aktuell in Deutschland ca. 800 PA.1 Im Vergleich mit den rund 500.000 Pflegefachkräften ist die Zahl noch bescheiden, aber es werden jedes Jahr mehr. PA arbeiten Hand in Hand mit Ärzten und übernehmen von diesen an sie delegierte Tätigkeiten.

Anastasia Weizelsetzt als PA-Studentin Medizintechnik sowie künstliche Intelligenz ein, um das dermatologische Hautkrebs-Screening aufzubauen.

Ländliche Frontkämpfer sitzen selten in den Vorständen der Verbände

Bitter nötig ist das zum Beispiel im Emsland in Niedersachsen. Dr. med. Volker Eissing ist Facharzt für Allgemeinmedizin im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Birkenallee in Papenburg. Er ist Gründer, leitender Arzt und Inhaber des MVZ. In den vergangenen 29 Jahren hat er in Papenburg ein Gesundheitsunternehmen in ärztlicher Hand aufgebaut. „Wir gehen im Emsland unter vor Arbeit und wir sind froh über das PA-Modell. Wir sind zum Gesundheitsunternehmen geworden, weil wir die Probleme der Region Emsland anders nicht mehr lösen konnten. Die Sicherung der Gesundheitsversorgung funktioniert nur durch Delegation an qualifizierte Mitarbeiter, die das rechtlich dürfen. Die Frontkämpfer vom Lande sitzen leider zu selten in den Vorständen der Verbände“, bezieht Dr. Eissing gegenüber „Der Allgemeinarzt“ Position.

Der 60-jährige Allgemeinarzt machte aus der Landarztnot eine Tugend und gründete die Emsländische Versorgungsinitiative (EVI). „Ich beschäftige 75 Medizinische Fachangestellte (MFA) und habe vier Allgemeinärzte, eine Unfallchirurgin und eine Neurologin angestellt. Das MVZ betreut rund 10.000 allgemeinärztliche Patienten. Wir behandeln 18.200 Fälle im Quartal. Davon sind 12.300 allgemeinärztliche Fälle“, berichtet Dr.Eissing. Der erste Schritt zur Bewältigung der Patientenmasse war die Qualifizierung von Arzthelferinnen zur nicht-ärztlichen Praxisassistentin (NäPa). „Wer als Hausarzt eine MFA zur NäPa weiterbilden lässt, bekommt dafür extrabudgetär ein Zusatzhonorar. Wer gleichzeitig an der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) teilnimmt, kann dort eine Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (VERAH) einsetzen“, beschreibt der MVZ-Geschäftsführer den Weg.

Angelina Dolgeda,PA-Studentin, soll in Papenburg die Leitung der Labor-Diagnostik übernehmen.

NäPa und VERAH dürfen nicht selbst behandeln

Das NäPa-VERAH-Tandem löst einige, aber nicht alle Probleme. Eine NäPa erhält laut Dr. Eissing nach ihrer Ausbildung ein Zertifikat und ist dadurch berechtigt, allein Hausbesuche zu machen. Das gilt auch für eine VERAH. „Eine NäPa darf nur hinfahren und einen Befund erheben, aber nicht selbst behandeln. Der PA darf hingegen ärztliche Leistungen wie Ultraschall, Echokardiografie und Diabeteseinstellung in Delegation für mich erbringen. Das ist rechtlich erlaubt.“ Eng mit der Frage der rechtlichen Verantwortung ist die der Haftung verbunden. Deshalb wird Dr. Eissing in Zukunft auf Physician Assistants setzen. Noch ist kein PA im Einsatz, aber sieben MFA befinden sich im entsprechenden Bachelor-Studium.

Nach dem Bachelor-of-Science-Abschluss des Septetts warten bereits die PA-Aufgaben in den chronischen, zeitintensiven Krankheitsbildern. „Wir betreuen zurzeit 720 Typ-2-Diabetiker, 2.500 Hypertoniker, 147 Multiple-Sklerose-Patienten sowie viele Schmerzpatienten – große Gruppen an Chronikern mit erheblichem Betreuungsbedarf“, so Dr. Eissing. Weitere Einsatzgebiete sind unter anderem Palliation, koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Osteoporose, Wundmanagement, Rheuma, Parkinson, COPD und Asthma.

Michael Sonntag-Groen wird sich als PA um die chronischen Schmerzpatienten kümmern.

BHÄV bevorzugt neue Perspektiven für MFA

Der Boom der PA hat sich bis in die allgemeinärztlichen Verbände herumgesprochen. Der Bayerische Hausärztetag befasste sich mit der Weiterentwicklung des Berufsbildes der MFA. Der Landesvorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbands (BHÄV), Dr. med. Markus Beier, stellte fest, dass immer mehr PA ausgebildet werden, die in Bereiche drängen, wo eine zur VERAH fortgebildete MFA besser geeignet sei. Er warnte vor einer „Fragmentierung der Behandlung und Verantwortung. Wir tragen Verantwortung für unsere Patienten.“

Stattdessen plädierte er dafür, im hausärztlichen Praxisteam Perspektiven für MFA zu schaffen, und nannte als Beispiel das Fortbildungsangebot des BHÄV zur „Betriebswirtschaftlichen Assistentin in der Hausarztpraxis“ (BEAH). Auch eine Akademisierung der hochqualifizierten VERAH sei eine Möglichkeit, die Attraktivität des Arbeitsplatzes Hausarztpraxis weiter zu steigern. Der Versuch, hausärztliches Handeln durch nichtärztliche Berufe zu substituieren, sei für Allgemeinärzte nicht hinnehmbar.

Mit Bachelor-Studiengang für MFA im Wettbewerb bleiben

Prof. Dr. med. Martin Scherer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), sprach sich für einen Bachelor-Studiengang für MFA aus und verwies auf die guten Institute für Pflegewissenschaften. „Wir brauchen ein ähnliches Angebot für MFA, um im Kampf um Köpfe im Wettbewerb zu bleiben.“

Es gibt auch noch weitere Vorbehalte gegen den PA. 2019 sprach die Allgemeinärztin Anke Richter-Scheer in einem Gastkommentar in „Der Allgemeinarzt“ die offene Frage der Finanzierung an.2 „Wie soll ich als Hausarzt einen PA finanzieren?“ Vor dem hohen Organisations- und Abstimmungsaufwand durch die Fragmentierung der ärztlichen Tätigkeit warnte Prof. Dr. med. Josef Smolle, Medizinische Universität Graz, ein Jahr später in einem weiteren Gastkommentar im „Allgemeinarzt“.3 Riskant sei die vernachlässigte Kontinuität der Versorgung zugunsten einer virtuellen Vernetzung vieler Behandler. Die Identifikation mit der Aufgabe gehe verloren. „Die konzipierten Lehrinhalte des Bachelor-Studiums sind tatsächlich sehr weit gefasst.“

MVZ-Chef kann antiquiertes Standesdenken nicht nachvollziehen

Für Dr. med. Volker Eissing sind das Gedanken aus dem universitären Elfenbeinturm, die im Gegensatz zu den Nöten der ländlichen Praxis stehen. „Es ist antiquiertes Standesdenken, wenn Ärzte Angst um ihre Position haben. Leider waren Ärzte immer Individualisten und keine Teamplayer“, bedauert Dr. Eissing. Dabei bringt der PA keine Nachteile, ganz im Gegenteil: Der PA stärke vielmehr die Position des Arztes, weil der deutsche PA im Gegensatz zum US-Modell nicht allein arbeiten könne, sondern angestellt sei. „Als Allgemeinarzt kann ich mit Hilfe der PA umfangreichere und qualitativ bessere Diagnostik betreiben. Die Marktposition einer Praxis in einem Versorgungsgebiet wird zudem stärker.“

Bericht: Franz-Günter Runkel

1 www.pa-deutschland.de
2 Der Allgemeinarzt 2019; 41 (12): 5
3 Der Allgemeinarzt 2020; 42 (13): 5

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