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16. November 2022

Berufspolitisches Oktoberfest bei der 47. practica

„Wir müssen den Weg eines freiwilligen Primärarztsystems weitergehen“

Ob persönlich oder online – mehr als 1.080 Teilnehmer zählte das Institut für hausärztliche Fortbildung (IHF) bei der 47. practica in Bad Orb. Gewohnt direkt und schlagkräftig ging es beim Berufspolitischen Oktoberfest zu – wie immer ein Höhepunkt der Fachtagung. Im Mittelpunkt standen der primärärztliche Anspruch der Allgemeinärzte, die weitere Akademisierung von MFA, die Annäherung zwischen Allgemeinärzten und hausärztlichen Internisten und die Gefahren von Praxisbeteiligungen durch Private-Equity-Kapitalgesellschaften.

Bei Brezeln und Bier entstand schnell eine angeregte Atmosphäre und Moderator Dr. med. Hans-Michael Mühlenfeld musste nicht lange um Beiträge bitten. Dr. med. Markus Beier, frisch gewählter Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands und des Bayerischen Hausärzteverbands, begriff die gegenwärtige Umbruchsituation als eine Chance, den „Weg eines freiwilligen Primärarztsystems weiterzugehen. Es geht um nicht mehr oder weniger als die Hausarztzentrierte Versorgung und unseren Ansatz des Primärarztes.“

Fracksausen verspürte Dr. med. Günther Egidi, stellvertretender DEGAM-Sektionssprecher Fortbildung, der sich um den primärärztlichen Anspruch sorgte. „Schaffen wir es überhaupt, den primärärztlichen Anspruch einzulösen?“ Hausärzte würden leider immer weniger und immer älter. „Das ist ja ein gewaltiger Sprung nach vorne, wenn wir die primärärztliche Schnittstelle und die Steuerung für uns beanspruchen.“

Patientenunabhängige Pauschalen für die Praxen

Der Skepsis setzt Verbandschef Dr. Beier Optimismus entgegen: „Weitere strukturelle Änderungen müssen mit der Schaffung eines primärärztlichen Systems einhergehen. Dem Quartalswahnsinn der Chronikerpauschale im EBM unterliegen wir ja genauso. Für ein Primärarztsystem brauchen wir kontaktunabhängige Pauschalen wie die P1-Pauschale in der Hausarztzentrierten Versorgung. Ich fordere eine Jahrespauschale, die von der Zahl der Arztbesuche unabhängig ist. Das System muss grundlegend umgestellt werden.“

Hoffen auf die primärärztlichen Praxisassistenten

Diese Revolution im Gesundheitssystem bedarf jedoch einer stabilen Personalbasis. Prof. Dr.med. Nicola Buhlinger-Göpfarth, Vorsitzende des Hausärzteverbands Baden-Württemberg und stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, sprach die Notwendigkeit qualifizierten Personals an. „Die primärärztliche Praxisassistentin ist ein großartiges Projekt des Hausärzteverbands, um die VERAH weiter akademisch zu qualifizieren. Derzeit gibt es 90 Studierende.“ Allerdings sei damit nicht der Krieg zu gewinnen. „Wir müssen ihn aber gewinnen, wenn die Hausarztpraxis der zentrale Ort der Versorgung bleiben soll.“ Dr. med. Sandra Blumenthal, DEGAM-Sektionssprecherin Fortbildung und wissenschaftliche Leitung der practica, verwies auf die flächendeckende und qualitativ hochstehende Struktur in der Weiterbildung. Ihr optimistischer Appell: „Wir schaffen das!“

Fest steht aber, dass komplexe Fälle in der allgemeinärztlichen Praxis Zeit brauchen. „Diese Zeit habe ich aber nur, wenn ich mich nicht gleichzeitig um ein Attest fürs Fitnessstudio und die Blasenentzündung kümmern muss“, gab Buhlinger-Göpfarth zu bedenken. Die Beratungszeit betrage im Bundesdurchschnitt fünf Minuten pro Fall. In Zukunft könnten es vielleicht nur noch drei Minuten oder noch weniger sein. „Das kann so ja nicht gehen. Aber muss wirklich jeder dieser Beratungsanlässe von einem Arzt gesehen werden? Wir brauchen dafür qualifiziertes Personal.“ Allerdings seien primärärztliche Praxisassistentinnen auch teuer und die Finanzierung der Mehrkosten fehle, weil der VERAH-Zuschlag bereits in die Praxisrechnung eingeflossen sei.

Als Ausweg aus der Finanzierungslücke für akademisch qualifiziertes Praxispersonal nannte die baden-württembergische Landesvorsitzende die Teampraxis. „Deshalb müssen wir nun auf die Kostenträger zugehen und darüber verhandeln, diese Praxiszuschläge in die Hausarztzentrierte Versorgung aufzunehmen“, so Buhlinger-Göpfarth.

Mit einer ihn verstörenden Erfahrung aus eigener Praxis meldete sich Dr. Uwe Popert, DEGAM-Sektionssprecher Hausärztliche Praxis und Facharzt für Allgemeinmedizin aus Kassel, zu Wort. Er ärgerte sich über den Brief eines Rheumatologen, nachdem Dr. Popert eine Patientin überwiesen hatte. Aus Überlastung konnte die rheumatologische Praxis nicht alle Patienten annehmen und bat zur Zeitersparnis um Zusendung eines zusätzlichen Anmeldebogens. „Was tun wir dagegen?“, fragte Dr. Popert zornig. „Der Rheumatologe wälzt seine Arbeit auf uns ab. Der Anmeldebogen hatte zudem weniger Platz für wichtige Informationen als das Überweisungsformular.“

Es handelte sich um eine ukrainische Patientin mit einem CREST-Syndrom und die wichtige Frage der Substitution von Medikamenten war in diesem Fragebogen gar nicht unterzubringen. Viele Praxen hätten aus Überlastung einen Aufnahmestopp für neue Patienten verhängt. Poperts Fragen waren folgerichtig: „Wie können wir uns um die Patienten kümmern, die unsere Hilfe wirklich brauchen? Wie können wir die draußen halten, die sich selbst helfen können?“

Gleichstellung von Allgemeinärzten und hausärztlichen Internisten

Überlastung herrscht in vielen Praxen und die Antworten sind vielfältig. Anke Richter-Scheer, Vorsitzende des Hausärzteverbands Westfalen-Lippe und stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, baut in diesem Umbruchprozess sehr auf die hausärztlichen Internisten. „In allen Landesverbänden kocht jetzt wieder das Thema der Gemeinsamkeit des Facharztes für Allgemeinmedizin mit dem Facharzt für Innere Medizin ohne Schwerpunkt hoch. Ich möchte gerne eine Gleichstellung der hausärztlichen Internisten in der Allgemeinmedizin erreichen.“

In der Weiterbildungsordnung gibt es keinen chirurgischen Pflichtteil mehr. „Wenn ich einen hausärztlichen Internisten zum Allgemeinarzt ausbilde, habe ich einen Facharzt für Allgemeinmedizin ausgebildet. Es kann nicht sein, dass wir diesen Kleinkrieg innerhalb des Verbands weiterführen“, mahnte Richter-Scheer. Ihr Credo: „Wir gehören zu einer ärztlichen Familie und müssen zusammenhalten.“ Die Landesvorsitzende forderte ein politisches Umdenken im Deutschen Hausärzteverband. Deshalb sprach sie sich für eine stärkere Annäherung und bessere Kooperation mit dem Berufsverband Deutscher Internistinnen und Internisten (BDI) aus.

Auch Armin Beck, Vorsitzender des Hausärzteverbands Hessen und Bundesschatzmeister des Deutschen Hausärzteverbands, kündigte an, dieses Thema im hessischen Landesverband anzugehen und mit DEGAM, KV und der Landesärztekammer darüber zu sprechen. „Es ist Zeit, das umzusetzen.“

Das fand auch der langjährige DHÄV-Bundesvorsitzende Ulrich Weigeldt: „Ein Drittel des Hausärzteverbands sind Internisten. Wenn jemand aus dem internistisch-hausärztlichen Spektrum kommt und eine vollständige hausärztliche Versorgung über fünf Jahre sichergestellt hat, dann muss auch da die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin möglich sein.“ Nachfolger Dr. Beier formulierte zwei Forderungen: Der Quereinstieg für Internisten müsse überall möglich sein und die Weiterbildungsbefugnis der Allgemeinärzte für die Innere Medizin müsse schnell kommen.

Abwehrschild gegen expansive Private-Equity-Kapitalgesellschaften

Damit unabhängige Allgemeinärzte den Umbruch erleben werden, war sich die Runde einig darin, Private-Equity-Kapitalgesellschaften in Deutschland abzuwehren. Dr. Beier berichtete über ein Paket von Abwehrmaßnahmen gegen die Praxisübernahmen durch internationale „Heuschrecken“. Man habe Abwehrinstrumente entwickelt. „Es wird nun eine der Aufgaben des Hausärzteverbands sein, diese Message gegen Private Equity so schnell wie möglich in Politik und Öffentlichkeit zu transportieren.“ Exemplarisch nannte Dr. Beier die Forderung nach einem Transparenz-Register und die Begrenzung der MVZ-Gründung auf Niedergelassene und Kliniken vor Ort.

Dramatisch steigende Energie- und Inflationskosten kamen auch in Bad Orb zur Sprache. DHÄV-Chef Beier glaubt nicht an eine Sonderzahlung zur Kostendeckelung für 2022. Umso klarer betonte er jedoch die Notwendigkeit, für 2023 eine finanzielle Regelung zu finden. „Wir müssen dafür sorgen, dass der Ausgleich für die Praxen im nächsten Jahr kommt.“

Das Schlusswort Dr. Beiers bezog sich dann wieder auf die Pandemie und die oft kleingeredete Rolle der Hausärzte im Impfprozess. Insgesamt haben 94 Mio. COVID-19-Impfungen im Bereich der niedergelassenen Vertragsärzte stattgefunden. Die anwesenden Allgemeinärzte beim Oktoberfest gaben ihre Impfzahlen auf einem Statistikbogen an und am Ende konnte Beier mit Stolz auf 350.000 Impfungen verweisen.

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Abb. 1: Auf dem Podium des Oktoberfestes saßen (v.l.n.r.) Armin Beck, Vorsitzender des Hausärzteverbands Hessen, Anke Richter-Scheer, Vorsitzende des Hausärzteverbands Westfalen-Lippe, Prof. Dr. med. Erika Baum, wissenschaftliche Co-Leiterin der practica, Dr. med. Markus Beier, frisch gewählter Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands, und Prof. Dr. med. Nicola Buhlinger-Göpfarth, Vorsitzende des Hausärzteverbands Baden-Württemberg.

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Abb. 2: Der langjährige DHÄV-Bundesvorsitzende Ulrich Weigeldt sprach sich für die Integration der hausärztlichen Internisten aus. Schräg hinter ihm steht Moderator Dr. med. Hans-Michael Mühlenfeld.

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Abb. 3: Um Anspruch und Wirklichkeit des primärärztlichen Berufsverständnisses sorgte sich Dr. med. Günther Egidi aus Bremen (mit Mikrofon). Vor ihm ist Dr. med. Uwe Popert aus Kassel zu sehen, der die Frage der Patientenselektion in überlasteten Praxen ansprach.

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Abb. 4: Dr. med. Sandra Blumenthal verwies auf die flächendeckende und qualitativ hochstehende Struktur in der Weiterbildung.

Autor
Franz-Günter Runkel
Betreut als freier Redakteur die Ressorts Berufs- und Gesundheitspolitik sowie Wissenschafts- und Hochschulpolitik


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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