14. Dezember 2021

Neuer Bundesgesundheitsminister

Robin Hood und Nervensäge – Lauterbach wurde es doch

Die Stimme des Volkes rief nach Karl Lauterbach und Bundeskanzler Olaf Scholz ging das Risiko ein, den kauzigen Rheinländer mit den wirren Haaren und der typischen Nickelbrille an die Spitze des Bundesgesundheitsministeriums zu setzen. Im Netz ist Lauterbach populär: #wirwollenKarl sammelte eine regelrechte Fangemeinde, deren Forderung ebenso deutlich war wie das Ergebnis einer Umfrage, in der sich 59% der Befragten den Epidemiologen auf dem Stuhl des Gesundheitsministers wünschten. Was ist von Lauterbach als Gesundheitsminister zu erwarten?

Seine Kompetenz ist unumstritten. Von 1998 bis 2005 war Prof. Dr. med. Dr. sc. Karl Lauterbach Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie (IGKE) der Universität zu Köln. 2008 wurde Lauterbach Adjunct-Professor an der Harvard School of Public Health in Boston. 1999 bis 2005 war er Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, 2003 wirkte er mit in der Rürup-Kommission für die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der Sozialen Sicherungssysteme. Während der COVID-19-Pandemie avancierte er zum ebenso lästigen wie gefragten Erklärer und Mahner vor den Risiken des SARS-CoV-2-Virus. Ungezählte Male war er zu Gast in den Talkshows der Republik und trat als Experte, aber auch als Nervensäge in Erscheinung.

Seine SPD hat ihre liebe Mühe und Not mit ihm. Seinen Leverkusener Bundestagswahlkreis hat er seit 2005 stets aus eigener Kraft als Direktkandidat gewonnen. In der SPD-Bundestagsfraktion gilt Lauterbach als schwierig und eigensinnig. Das imperative Mandat war ihm stets ein Fremdwort.

Die Reaktion der Ärzteverbände auf seine Ernennung war freundlich, aber distanziert. KBV-Vorstandschef Dr. Andreas Gassen teilte mit: „Mit Herrn Lauterbach steht künftig ein versierter Kenner des komplexen Gesundheitswesens an der Spitze des Bundesgesundheitsministeriums.“ Geschätzt wird seine Expertise und die Aussicht, ohne lange Einarbeitung mit der COVID-19-Pandemie fertig zu werden. Für die Bundesärztekammer stellte Präsident Dr. Klaus Reinhardt fest: „Prof. Lauterbach ist ein ausgewiesener Kenner des deutschen Gesundheitswesens und war von Beginn der Pandemie an stets mahnende Stimme, vorausschauend zu handeln und ausreichende Schutzvorkehrungen zu treffen. Die Herausforderungen im Gesundheitswesen sind groß und vielfältig.“

Für die Allgemeinärzte steht der Name Lauterbach für die Einführung der Hausarztzentrierten Versorgung gemeinsam mit Ulla Schmidt. Seinem umstrittenen Lieblingsprojekt „Bürgerversicherung“ stehen Allgemeinärzte eher neutral gegenüber. Seine COVID-19-Erklärstunden im TV lösten gemischte Reaktionen aus. Die einen sahen ihn als Panikmacher und Wendehals, andere bewunderten seine Klarheit. Auf Karl Lauterbach ruhen nun riesige Hoffnungen; seine Fallhöhe ist enorm. Das kann der große Wurf der Kanzlerschaft Scholz werden, aber es kann auch in einem Desaster enden.

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