2. April 2022

Was bedeutet sie für die Praxen?

Die neue „Kodierunterstützung“

Ein neuer digitaler Helfer sollte eigentlich schon seit dem 1. Januar 2022 die Praxisverwaltungssysteme (PVS) bei der Abrechnung oder bei der Angabe der Diagnose auf dem Behandlungsausweis unterstützen. Das geht aber wohl nicht so schnell wie erhofft. Da die Maßnahme jedoch gesetzlich vorgeschrieben ist, wird sie kommen und darauf sollte man vorbereitet sein.

Die KBV hat bereits die erforderlichen inhaltlichen und technischen Voraussetzungen für eine umfassende Kodierunterstützung für Praxen in den Praxisverwaltungssystemen (PVS) definiert. Nicht alle KVDT-zertifizierten Hersteller haben es bisher aber geschafft, das in ihr PVS einzufügen. Eine Übergangsregelung erlaubt deshalb, dass Praxen ggf. bis längstens zum 30. Juni 2022 rechtssicher von der Anwendung befreit sind. Praxen, deren PVS-Anbieter die Anwendung zeitgerecht umgesetzt haben, müssen sie allerdings seit dem 1. Januar 2022 anwenden, in allen anderen Fällen dürfen die bisherigen Vorgaben und Regelungen weiter verwendet werden, bis ein Update bereitsteht.

Zum Hintergrund: „Plausibilisierungs“-Check

Die neue zentrale Funktion ist ein sog. Kodier-Check zur „Plausibilisierung“ von gewählten Kodes, der im Hintergrund des PVS läuft. Er wird (zunächst) in vier Diagnosebereichen mit hohen Fallzahlen und einer komplexen Kodierung starten: Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes mellitus und Folgen eines Bluthochdrucks. Wenn ein Kode aus diesen Diagnosebereichen eingegeben wird, meldet sich der Kodier-Check und gibt z.B. den Hinweis, dass ein spezifischer ICD-10-GM-Kode vorhanden ist. Der Anwender kann diesen Kode übernehmen oder ablehnen. Die Software ist so voreingestellt, dass der Kodier-Check direkt bei der Kodierung läuft, man kann die Einstellung aber so anpassen, dass die Überprüfung erst bei der (Test-)Abrechnung erfolgt.

Die Funktion, Behandlungsdiagnosen eines Quartals so zu kennzeichnen, dass sie auch in den Folgequartalen automatisch in die Abrechnungsunterlagen übernommen werden können, bleibt nach Angabe der KBV erhalten. Neu ist, dass diese Funktion künftig auch für anamnestische Diagnosen bereitsteht.

Eine zusätzliche Funktion bietet die Kodierunterstützung speziell für den „akuten Herzinfarkt“ und den „akuten Schlaganfall“, da akute Diagnosen als Dauerdiagnosen ungeeignet sind und für Herzinfarkt und Schlaganfall die ICD-10-GM spezifische Kodes für die dauerhafte Schädigung und Behandlung bereitstellt.

Fazit: mehr bürokratischer Aufwand

Diese „Kodierunterstützung“ wird bei der Quartalsabrechnung zu mehr bürokratischem Aufwand führen, denn man kann sie nicht grundsätzlich vermeiden. Was nämlich nur zwischen den Zeilen steht, ist die heimliche Auswirkung auf die Kodierungstiefe. Eigenmächtige Entscheidungen über die Art der Kodierung und deren Auswirkung auf das Abrechnungsergebnis sind künftig kaum noch möglich! Man kann die Kodierempfehlungen zwar ignorieren, muss sich z.B. im Falle von Prüfmaßnahmen aber fragen lassen, warum man das gemacht hat.

Immerhin: Die Übergangslösung sorgt für einen Einführungsaufschub – allerdings nicht für alle Praxen: Wer mit seinem PVS-Anbieter zu schnell bei der Umsetzung war, darf das nun schon seit dem 1. Quartal 2022 anwenden! Wer zu langsam war, hat durch die Entscheidung der KBV voraussichtlich bis zum Beginn des 3. Quartals 2022 eine „Galgenfrist“.

Autor
Dr. med. Gerd W. Zimmermann
Facharzt für Allgemeinmedizin
Hofheim am Taunus

Bisher erschienen

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www.allgemeinarzt.digital/berufspolitik/wie_ich_es_sehe


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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