18. März 2021

EBM-Entpauschalierung

Neue und extrabudgetär vergütete Leistungen nicht vergessen!

Der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM) ist über einen längeren Zeitraum zusehends einer Pauschalierung anheimgefallen, ganz besonders im hausärztlichen Bereich. Die Verantwortlichen im zuständigen Bewertungsausschuss (BA) haben aus Abrechnungsstatistiken der Vergangenheit Versicherten-, Grund- oder Konsiliarpauschalen geschaffen, die dazu geführt haben, dass sich eine Art fachgruppenspezifische Basismedizin entwickelt hat. Der „Denkfehler“, den man dabei begangen hat, wurde mittlerweile wohl erkannt.

Zu einer Herausnahme von Leistungen aus den Pauschalen konnte man sich bisher nicht durchringen. Es gibt aber zunehmend wieder Einzelleistungsvergütungen im EBM. Streng genommen kann man drei Kategorien unterscheiden: solche, die aus der Erkenntnis entstanden sind, dass vertragsärztliche Leistungen nicht global pauschaliert werden können, Folgen der zunehmenden Digitalisierung und – wenn auch nur zeitlich begrenzt – Regelungen, die aus der SARS-CoV-2-Pandemie resultieren.

Neue Abrechnungsinstrumente rasch gedeckelt

All diese Leistungsgruppen haben eine Gemeinsamkeit: Sie werden zunächst extrabudgetär vergütet. Diejenigen, die nicht auf Dauer vereinbart wurden, können sich in der Regel nur zeitlich begrenzt dieser „Freiheit“ erfreuen. Nach einer Art Testphase werden sie nämlich auch „eingedeckelt“ – allerdings auf der Grundlage der bis dahin abgerufenen Leistungsmenge. Hier liegt dann die Gefahr einer solchen Taktik. Wenn Neuerungen nicht sofort in den Praxen angenommen werden, fällt das Abrechnungsvolumen zunächst „mager“ aus. Wenn man sich an die neuen Abrechnungsinstrumente gewöhnt hat, sind sie in einer Größenordnung unter dem „Deckel“ verschwunden, die den Anforderungen im Praxisalltag nicht gerecht wird.

Digitalisierungsleistungen: „Late Adopter“ haben das Nachsehen

Besonders gefährdet sind hier die neuen Digitalisierungsleistungen. Videosprechstunden halten zwar zunehmend Einzug in bundesdeutsche Praxen, die Vergütung wird sogar durch Abrechnungsregelungen und einen Zuschlag gefördert. Das wird aber nicht zeitlich unbegrenzt geschehen. Wer erst später diesen indirekten Arzt-Patienten-Kontakt (APK) einführt, läuft Gefahr, dies dann unter einem Budget tun zu müssen, das nicht mehr aktuell ist. Ähnlich dürfte die Situation bei den neu eingeführten Telekonsilien sein. Hier wird jetzt etwas bezahlt, was insbesondere wir Hausärzte schon immer (kostenlos) gemacht haben: das Einholen von Auskünften über Patienten bei anderen Ärzten im niedergelassenen Bereich oder im Krankenhaus. Weil wir dabei eine „Digitalisierungskaskade“ mitmachen müssen, laufen wir Gefahr, diese neuen Leistungen zunächst hintenanzustellen. Da eine elektronische Übermittlung der Befunde und Stellungnahmen im Rahmen solcher Telekonsilien verlangt wird, braucht man die Ausbaustufe eHealth beim VSDM-Konnektor und den Anschluss an einen KIM-Dienst. Das ist aber erst zum dritten Quartal 2021 Pflicht, vorher können auch andere elektronische Übermittlungswege genutzt werden. So lange sollte man aber nicht warten, denn voraussichtlich ab dem vierten Quartal 2021 braucht man das, weil man sonst keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen mehr ausstellen kann.

Autor:
Dr. med. Gerd W. Zimmermann
Facharzt für Allgemeinmedizin Hofheim/Taunus Kommentar von Dr. med. Gerd W. Zimmermann


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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