30. März 2021

Sprechende Medizin

Trotz „Maulkorb“ praktizieren!

Der Vorwurf, dass Hausärzte sich nicht genügend Zeit für ihre Patienten neh-men, ist zeitlos allgegenwärtig. Was aber soll eine Hausärztin/ein Hausarzt machen, wenn die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) hohe Hürden bei den Gesprächsleistungen aufbauen? Aber – für alles gibt es eine Lösung, so auch hier.

Maulkorb durch Begrenzung der Gesprächszeit

Die beiden Gesprächsleistungstypen im EBM nach den Nrn. 03230 bzw. 35100 und 35110 waren bis 2009 einmal komplett budgetiert. Die heutige Nr. 03230 EBM steckte in der Versichertenpauschale und für die psychosomatischen Leistungspositionen gab es eine Fallpauschale von 20 Punkten pro Fall, die man noch nicht einmal ausschöpfen musste, um das resultierende Honorar ausbezahlt zu bekommen. Die alte „Super-Versichertenpauschale“ wurde danach in Grundpauschale, neue Versichertenpauschale und Gesprächsleistung nach Nr.03230 EBM aufgeteilt und die Psychosomatik als förderungswürdige Leistung einem Sonderbudget zugeordnet. Seither können Hausärztinnen und Hausärzte wieder mehr mit ihren Patienten sprechen – allerdings immer noch mit einem „Maulkorb“ bei der Gesprächsleistung nach Nr.03230 EBM.

Zunächst gab es ein internes Budget von 45 Punkten/Fall, das seit dem 1. Januar 2020 auf 125 Punkte angehoben wurde. Seit dem 1. April 2017 wurde das Budget aber geöffnet und die Leistung kann so oft erbracht und abgerechnet werden, wie dies medizinisch notwendig und im Rahmen der Zeitvorgabe von 10 Minuten möglich ist. Bei Budgetüberschreitung resultiert zwar eine Quotierung, aber immerhin noch ein Honorar. Beachtenswert ist dabei auch der Hinweis in der Legende, dass eine Berechnung „je vollendete 10 Minuten“ und damit mehrfach je Sitzung möglich ist.

Auch die Leistungsbeschreibung wurde deutlich entschärft. Die Nr. 03230 EBM steht nun für ein „Problemorientiertes ärztliches Gespräch, das aufgrund von Art und Schwere der Erkrankung erforderlich ist“. Arzt-Patienten-Kontakte, die diese Auflage erfüllen, sind in der hausärztlichen Praxis an der Tagesordnung. Man muss eigentlich nur aufpassen, dass man im Rahmen dieser zuwendungsintensiven Behandlung nicht in die Zeitfalle bei der Plausibilitätsprüfung nach Zeitvorgaben tappt. Ab 12 Stunden pro Tag und mehr als 780 Stunden im Quartal ist man als Hausärztin/Hausarzt zumindest „verdächtig“.

Gesprächsleistungen immer abrechnen!

Aber: Aus Angst vor einer solchen Prüfung erbrachte Gesprächsleistungen nach Nr. 03230 EBM nicht abzurechnen, ist der falsche Weg. Die erwähnten Zeitvorgaben sind nur ein Auswahlkriterium für eine Wirtschaftlichkeitsprüfung. Zuständig ist hier auch nicht die (angeblich) unabhängige gemeinsame Prüfstelle der KV und der Kassen, sondern die KV allein. Wenn in der Patientenakte die Diagnose und die Gesprächsdauer dokumentiert sind, kann eigentlich nichts passieren. Zumindest dann, wenn bei der Prüfung durch die KV alles mit rechten Dingen zugeht.

Autor:
Dr. med. Gerd W. Zimmermann
Facharzt für Allgemeinmedizin Hofheim/Taunus


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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