23. Juli 2022

Affenpocken

So kann man sich in der Praxis darauf vorbereiten

Unmittelbare Gefahr, wie z.B. im Rahmen der SARS-CoV-2-Pandemie, scheint nicht im Verzug zu sein. Der bisher schnelle und auch unklare Verbreitungsweg dürfte allerdings dazu führen, dass auch in den ambulanten Praxen Fälle oder Verdachtsfälle auftreten könnten. Die Aufmerksamkeit in der mittlerweile sensibilisierten Bevölkerung kann dazu führen, dass dieses Thema Gegenstand von Konsultationen z.B. in der hausärztlichen Praxis wird. Wie soll man sich dann als Ärztin/Arzt verhalten?

Hintergrund: Nagetiere (und weniger Affen) werden als Hauptreservoir für die Erreger vermutet. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch gilt als selten und ist auch nur bei sehr engem Kontakt möglich. Die Inkubationszeit beträgt im Mittel 10 bis 14 Tage. Einige der aktuell in Deutschland dokumentierten Fälle sind allerdings untypisch, weil sie nicht in Zusammenhang mit betroffenen Ländern, z.B. durch Reisen oder Kontakte zu exportierten Tieren, stehen.

Klinik: Patienten zeigen zunächst Symptome einer Viruserkrankung wie Fieber und Schüttelfrost. Möglich sind auch starke Kopf- und Gliederschmerzen, Halsweh, Husten, Abgeschlagenheit und geschwollene Lymphknoten. Es folgen aber nach etwa ein bis drei Tagen typische Hautveränderungen wie Flecken, Knötchen, Bläschen und Pusteln, die verkrusten und schließlich abfallen. Betroffen sind vor allem Regionen wie das Gesicht, Handinnenflächen und Fußsohlen, seltener Genitalien, Bindehaut und Hornhaut. Beim Befall der Augen droht – wie auch beim Herpes Zoster – in schweren Verlaufsfällen Erblindung. Differentialdiagnostisch kommen Windpocken, Syphilis, Zoster, Scharlach, Herpes Simplex oder auch andere Pockenvirusinfektionen in Betracht. In der Regel heilt die Erkrankung innerhalb von zwei bis vier Wochen aus. Gefährdet für schwerere Verläufe sind neben immungeschwächten Patientinnen vor allem jüngere Menschen und Kinder. Bei Schwangeren kann eine Infektion zu einer Fehlgeburt führen. Affenpocken können auch tödlich verlaufen, wobei der Anteil mit zwei bis zehn Prozent beziffert wird. Impfungen mit dem Lebendimpfstoff gegen die klassischen Pocken bieten vermutlich einen gewissen Schutz vor den Affenpocken (siehe auch Serie: Impfen aktuell | Affenpocken von Dr. med. Markus ­Frühwein, MaHM).

Was kann/sollte man in der Praxis tun? Es handelt sich nach § 6 Abs.1 Nr.5 Infektionsschutzgesetz (IfSG) um eine meldepflichtige Erkrankung. Ein Virusdirektnachweis sollte deshalb unmittelbar über das „Hauslabor“ eingeleitet werden, das ggf. an ein Konsiliarlabor für Pockenviren weiterleitet. Als Untersuchungsmaterial dient ein trockener Abstrich aus offenen Hautläsionen, Vesikelflüssigkeit oder Krustenmaterial. Die Behandlung zielt meist auf das Lindern der Symptome oder das Verhindern bakterieller Sekundärinfektionen ab. Mit Tecovirimat wurde ein in den USA entwickelter Wirkstoff gegen Affenpocken im Januar 2022 auch in der Europäischen Union zugelassen. In der EU ist außerdem seit 2013 ein Pockenimpfstoff verfügbar (Imvanex®), der modifiziertes Vacciniavirus Ankara (MVA) beinhaltet und besser verträglich ist als ältere Pockenimpfstoffe. Er kann ab 18 Jahren eingesetzt werden.

Autor
Dr. med. Gerd W. Zimmermann
Facharzt für Allgemeinmedizin
Hofheim am Taunus


Bisher erschienen

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Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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