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2. Mai 2022

Wo sind die Rezepte gegen den Landärztemangel?

Zwischen Faszination und „ärztlichem Söldnertum“

2035 werden laut einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung 11.000 Hausärzte fehlen, vor allem auf dem Land. Was tun? Während Stipendien- oder Prämienmodelle angehende Allgemeinärzte durch Geldzahlungen zur Niederlassung motivieren wollen, setzen Mentoring-Projekte oder das Modell der Landkindquote auf Motivation und Überzeugung. Motivation oder Söldnertum – der Allgemeinarzt begibt sich auf eine schwierige Gratwanderung.

Dr. med. Carsten Gieseking arbeitet seit Jahrzehnten als Allgemeinarzt auf dem Land. Er ist Partner in einer Gemeinschaftspraxis für Allgemeinmedizin in Müden an der Aller im Dreieck Hannover, Braunschweig, Wolfsburg. Als Vorsitzender des Landesverbands Braunschweig im Deutschen Hausärzteverband und Mitglied der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen ist ihm berufspolitisches Denken nicht fremd.

Medizinstudenten mit Wurzeln auf dem Land

Dr. Gieseking weiß um die Schwere des Problems und gehört zu den Initiatoren eines vom Landkreis Gifhorn getragenen Mentoring-Projekts für Medizinstudenten, die aus dem Landkreis stammen. 16 Allgemeinärzte und zwei Gebietsärzte haben sich beteiligt und bislang 30 Studentinnen und Studenten für Famulaturen und Praktika in eine Praxis auf dem Land geholt. In der Regel sind es junge Leute mit familiären oder privaten Wurzeln im Landkreis Gifhorn.

„Oft wohnen die Studenten dann bei den Eltern und kombinieren private Kontakte mit der Arbeit in der Praxis. Wir zahlen kein Gehalt, sondern bieten Beratung und Berufspraktika“, erzählt Dr. Gieseking. Das Mentoring-Programm besteht aus praktischen Fortbildungen und privaten sozialen Aktivitäten. Dabei geht es z.B. um ein Rhetorik-Seminar für Gesprächsführungen mit Patienten, einen Sonografie-Kurs in der Klinik, eine Einführung in die Rettungsmedizin oder eine private Paddel-Tour in der Gruppe. „Dabei soll es keinen Zwang geben, sondern das Mentoring soll auf Augenhöhe stattfinden. Es entwickeln sich dabei Bindungen zu einer Praxis, die über Famulaturen bis zu einem Teil des Praktischen Jahres führen. Eine Allgemeinärztin ist nach der Facharztprüfung bei einem Kollegen im Landkreis eingestiegen.“

Carsten Gieseking ist skeptisch, ob Geldzahlungen und langfristige Verpflichtungen der Stein der Weisen sind. „Ich finde es schwierig, wenn ein junger Medizinstudent verpflichtet wird, nach dem Studium für fünf oder gar zehn Jahre im Emsland als Hausarzt tätig zu sein. Der Zwang ist groß, wenn große Geldbeträge bei Bruch der Vereinbarung zurückgezahlt werden müssen. Ein erzwungener Hausarzt aber ist in meinen Augen kein guter Hausarzt und wird auch nicht glücklich sein. Wir müssen begeistern und nicht kaufen. Das ist der einzige Weg.“

Mentoring und Landarztquote sind gute Konzepte


Dr. med. Carsten Gieseking, Allgemeinarzt auf dem Land

Viele Bundesländer setzen inzwischen auf Landarztquoten. Ohne Numerus clausus können junge Leute nach dem Abitur Medizin studieren, wenn sie sich für die ländliche Niederlassung als Allgemeinarzt entscheiden. Oft machen Empathie, Motivation und die Fähigkeit zur Improvisation bessere Landärzte als das klassische Einser-Abitur. Die Landarztquote ohne Numerus clausus ist für Gieseking besser, als den Mangel mit Euros beheben zu wollen. Allerdings arbeitet die Politik auch in diesem Modell mit finanziellem Zwang. So droht die sächsische Landesregierung mit einer Strafe von 250.000€, wenn ein „Quotenstudent“ am Ende nicht Landarzt wird.

Im Grunde entspricht das Gifhorner Mentoring-Projekt dem Modell der Landkindquote, das Dr.Andreas Graf von Luckner aus dem Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Freiburg vorgeschlagen hat. Letztlich beruht beides auf dem Motto „Motivation durch Heimatbindung“. „Ich möchte den Spaß an der Arbeit auf dem Land vermitteln. Wir haben den schönsten Job auf der Welt, und das muss in die Köpfe der Studenten. In der Allgemeinmedizin lösen wir 80% aller Patientenanliegen. Die Arbeit ist vielfältig und abwechslungsreich“, so Dr. Gieseking.

Eine allgemeinärztliche Praxis mit Weiterbildungsberechtigung decke ein breites Spektrum ab und könne Studenten faszinieren. Nur über diese Faszination für die Allgemeinmedizin könne man Studenten für die Tätigkeit als Landarzt interessieren. Deshalb schlägt der niedersächsische Allgemeinarzt ein für alle Studenten verpflichtendes Landpraktikum während des Praktischen Jahres vor.

Landarztprämien können die Motivation stärken

Dass sich Motivation und Bezahlung nicht ausschließen müssen, zeigt das Beispiel der bayerischen Landärztin Claudia Franke aus Tiefenbach im Landkreis Landshut. Sie nahm die 100. Landarztprämiedes Freistaats in Anspruch und finanzierte damit Medizintechnik und Praxisbudget bis zur ersten KV-Überweisung. Klaus Holetschek, bayerischer Staatsminister für Gesundheit und Pflege, kam persönlich nach Tiefenbach, um Claudia Franke den Bescheid zu überreichen. „Die Landarztprämie ist eine Förderung der Niederlassung, weil der Mut zur Freiberuflichkeit gefördert wird“, freut sich Franke.

Im Juli 2021 übernahm Claudia Franke den Kassensitz eines älteren Allgemeinarztes in Tiefenbach, zog in einen Neubau um und baute ihre Praxis von Grund auf neu auf. „Die Landarztprämie in Höhe von 60.000€ bezahlt der Freistaat Bayern. Bei mir war die Landarztprämie Teil meines finanziellen Konzepts. Die städtischen Kollegen brauchen mehr Eigenkapital. Mir war diese Förderung sehr willkommen“, unterstreicht die Allgemeinärztin. In Bayern gibt es neben der freistaatlichen Landarztprämie noch die finanzielle Förderung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns und der Landesärztekammer für unterversorgte Gebiete.

Mix aus Anreiz und Begeisterung

Claudia Franke hält viel von landärztlichen Famulaturen, weil die allgemeinärztliche Erfahrung mit der finanziellen Förderung kombiniert wird. „Viele Studenten gehen bewusst aufs Land, weil das Alters- und Behandlungsspektrum sehr breit ist und natürlich auch, weil diese Famulaturen finanziell gefördert werden“, so Franke. Im Rahmen der Pilotprojekte des Konzepts „Beste Landpartie“ werden solche Praktika während des Praktischen Jahres gefördert. Eine Finanzierung der Famulaturen läuft auch über das Projekt FAMULAND der KV Bayerns mit einmonatiger Famulatur und der Finanzierung von Unterkunft und Arbeit. Viele Wege können heute in die allgemeinärztliche Praxis führen. Entscheidend für den Kampf gegen den Ärztemangel ist ein kluger Mix von Anreiz und Motivation.

Bericht: Franz-Günter Runkel


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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