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5. Oktober 2021

Typ-2-Diabetes und gestörter Glukosestoffwechsel

Neue Aspekte der Ernährungsmedizin

Dass der Typ-2-Diabetes eine ernährungsabhängige Erkrankung ist, gehört heute zu den Binsenweisheiten der Medizin. Die in der Praxis pauschalisierenden wie von Patienten gefürchteten Diabetes-Diäten gehören aber der Vergangenheit an.

In der Versorgung von Diabetikern waren in den letzten Jahren wesentliche Neuerungen zu verzeichnen. Vor diesem Hintergrund erlebt auch die wissenschaftlich orientierte Ernährungsmedizin einen Aufschwung und bietet für die Praxis neue, konkrete Ansätze für eine erfolgversprechende Verbesserung der Glukoseeinstellung – ganz im Gegensatz zu den bislang endlos frustrierenden Versuchen, durch allgemeine Aufmunterung zur Änderung des Lebensstils einen verbesserten Zuckerstoffwechsel herbeizuführen.

Mediterranes Ernährungsmuster wirkt präventiv

Darauf, dass sich ein Typ-2-Diabetes grundsätzlich bereits in seiner Entstehung durch eine gesunde Ernährung verhindern lässt, macht Prof. Dr. Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke aufmerksam. Jenseits aller Modeerscheinungen verschiedener Diäten und spezieller Ernährungsformen verweist er auf die allen gemeinsame Grundlage, bestimmte Ernährungsmuster zu verfolgen. So sei die Entscheidung für ein Lebensmittel stets mit der Entscheidung gegen ein anderes verbunden. Dabei seien die einzelnen Komponenten innerhalb einer Lebensmittelgruppe durchaus austauschbar. Die individuelle Zusammenstellung und Gewichtung der Lebensmittelgruppen wie Getreide, Fleisch, Fisch, Gemüse und Obst mache dann auch das individuell ausgeprägte Ernährungsmuster aus. Als typisches, am meisten bekanntes und am besten untersuchtes Beispiel für ein Ernährungsmuster nennt Schulze die sogenannte mediterrane Diät mit hohem Verzehranteil von Getreideprodukten, Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten, Fisch und Olivenöl sowie einem geringen Verzehr von Milchprodukten, Fleisch und Wurst. Bei einem solchen Ernährungsmuster mindere sich das Risiko signifikant, neu an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken, wie die PREDIMED-Studie gezeigt hat.

Diabetesremission durch schnelle Gewichtsreduktion

In Bezug auf Menschen mit bereits bestehendem manifestem Typ-2-Diabetes gibt es einen generellen Konsensus, eine gesunde Ernährung anzustreben, konstatiert Prof. Dr. Andreas F. H. Pfeiffer vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung an der Berliner Charité. Der Tagesbedarf liegt demnach bei etwa 400g Gemüse und 300g Obst (für Mikronährstoffe, Kalium, Vitamine und Metalle), bei 40g Nüssen, nichttropischen Pflanzenölen bzw. Ölsaaten sowie 30–50g Ballaststoffen aus Getreide. Gegenüber diesem allgemeinen Konsens bestehe Uneinigkeit bezüglich des Kohlenhydratgehaltes (low, moderate oder high carb) und der Proteinmenge und -art. Gesichert seien allerdings die Zusammenhänge aus Energieüberladung durch zu viel Essen, Übergewicht und der Stoffwechselblockade durch übermäßige ATP-Bildung in den Mitochondrien.

Umgekehrt lasse sich ein Typ-2-Diabetes insbesondere bei jungen Menschen, der auf diese Weise durch einen erhöhten BMI auffällig wird, innerhalb von nur wenigen Wochen zur Remission bringen. So berichtet er von einer 21-jährigen Patientin, die mit Hilfe einer hypokalorischen Ernährung mit bis zu 600kcal/d schon nach zwei Wochen normoglykämisch wurde. In der DiRECT-Studie zeigte sich über solche Einzelbeobachtungen hinaus ein klarer Zusammenhang des Ausmaßes der Gewichtsreduktion mit der Aussicht einer Diabetesremission – selbst bei Menschen mit einer Diabetesdauer von über sechs Jahren. Nach zwölf Monaten lag die Erfolgsquote mit 86% in der Gruppe am höchsten, die mit mehr als 15kg am meisten an Gewicht abgenommen hatte. „Eine schnelle Gewichtsabnahme durch hypokalorische Ernährung führt bei adipösen Menschen mit Insulinresistenz nicht nur zu schnellen Erfolgen, sondern auch langfristig zu einer wesentlichen Verbesserung des Stoffwechsels bis hin zur Diabetesremission“, erklärt Pfeiffer und betont: „Dies macht allerdings eine enge und dauerhafte Betreuung vor allem auch nach der Gewichtsreduktion erforderlich.“ Dabei spielen die Kohlenhydrate neueren Daten zufolge nicht die entscheidende Rolle. Im Gegenteil stellte sich heraus, dass mit sehr niedriger Aufnahme von Kohlenhydraten die Mortalität eher wieder ansteigt – ebenso wie auch bei sehr hohem Verzehr. Wichtiger sei vielmehr die Qualität der Kohlenhydrate, die bevorzugt ballaststoffreich sein sollten.

Auch der Zeitpunkt des Essens beeinflusst den Stoffwechsel

Wie PD Dr. Olga Pivovarova-Ramich vom DIfE in Potsdam-Rehbrücke berichtet, ist auch der Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme von besonderer Bedeutung: „Jedes Mal, wenn wir essen oder Insulin spritzen, wird unser circadianer Rhythmus im Fettgewebe ein- oder umgestellt.“ So führe eine Verschiebung der Essenszeiten um fünf Stunden – wie so oft am Wochenende – zu einer Verschiebung der inneren Uhr. Und insbesondere durch Nahrungsaufnahme zu später Stunde oder gar in der Nacht führe die Desynchronisierung der inneren Uhr zu einem Anstieg des Risikos von Stoffwechselerkrankungen. So sinken Glukosetoleranz und Insulinsensitivität infolge von Kalorienzufuhr während der nächtlichen inaktiven Phase. Und vor allem fettreiches Essen während der Nacht führe zu einer wesentlich höheren Gewichtszunahme als tagsüber, erklärt Pivovarova-Ramich. Untersuchungen bei bereits bestehender Glukosestoffwechselstörung hätten zudem gezeigt, dass nach fett- und kohlenhydratreichem Essen abends und nachts das Blutzuckerniveau höher ist als bei entsprechendem Verzehr tagsüber. Sie führt dies darauf zurück, dass dann die Flexibilität des Stoffwechsels nicht mehr ausreiche, solche Belastungen zu kompensieren, was in einem Anstieg vor allem der postprandialen Werte zum Ausdruck komme.

Insulinresistenz auch im Gehirn

Dass die Insulinresistenz selbst im Gehirn eine wichtige Rolle spielt, macht Prof. Dr. Hendrik Lehnert, Universität Salzburg, deutlich. Dies habe erhebliche klinische Implikationen, da Insulin im Gehirn für die Modulation zahlreicher relevanter physiologischer Funktionen verantwortlich ist: „Es reduziert die Nahrungsaufnahme, erhöht die periphere Insulinsensitivität, verringert den Belohnungswert einer Nahrung und erhöht kognitive Leistungen.“ Zudem habe sich gezeigt, dass die Insulinresistenz im Gehirn eng verknüpft ist mit Adipositas und erhöhter viszeraler Fettmasse und dass eine erhöhte Insulinsensitivität Prädiktor einer erhöhten Abnahme der viszeralen Fettmasse im Rahmen eines Lebensstilinterventionsprogrammes ist. Innovative Therapiekonzepte könnten deshalb künftig in einer Erhöhung der Konzentration von Insulin und anderen anorexigen wirkenden Hormonen im Gehirn bestehen, die möglicherweise durch intranasale Verabreichung herbeigeführt werden könnte.

Bericht:
Martin Wiehl

Virtueller Kongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) 2021


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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