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1. Juni 2022

Spezielle Diätformen bei der Prävention und Therapie des Typ-2-Diabetes

Welche Diät ist für wen geeignet?

Ungesunde Ernährung betrifft vor allem ärmere Bevölkerungsschichten und führt besonders in westlichen Ländern zu Adipositas und Typ-2-Diabetes. Gesunde Ernährung ist hier nach aktuellen Daten für Menschen mit geringem Einkommen nicht bezahlbar. Für die angestrebte Gewichtsreduktion werden „low carb“, Formula-Diäten und Intervallfasten häufig der fettarmen Diät vorgezogen. Doch wie effektiv und sicher sind diese Ernährungsformen?

Die Ernährungstherapie bildet die Grundlage, um einem Typ-2-Diabetes vorzubeugen und ihn zu behandeln. Die verschiedenen Diätoptionen unterscheiden sich vor allem im Makronährstoffverhältnis, in der Kalorienbilanz sowie in praktischen Aspekten, der Erschwinglichkeit und der kulturellen Akzeptanz.

„Low fat“: Goldstandard auf Abruf

Die über viele Dekaden empfohlene „Low-fat“-Ernährung war in Diabetespräventionsstudien erfolgreich, ihr Nutzen bei der kardiovaskulären Vorbeugung hat sich jedoch als weniger konsistent gezeigt. Die Empfehlung einer fettarmen Ernährung geht auf Beobachtungsstudien seit den 1950er-Jahren zurück. In diesen internationalen Kohorten zeigte sich eine Assoziation der Zufuhr von gesättigten Fetten mit der (kardiovaskulären) Mortalität.1–3 Verschiedene Präventionsstudien der letzten Dekaden untermauern, dass durch eine komplexe Intervention mit Fettreduktion die Diabetesinzidenz um etwa 50% sinkt. Zur Diabetesremission gibt es weniger Daten.5

Zeitgenössische epidemiologische Studien bewerten die kardiovaskuläre Bedeutung der gesättigten Fette sehr zurückhaltend,6–8 auch in Interventionsstudien fehlt der klare Low-fat-Nutzen für Herz und Gefäße.9–11 Bei vielen Surrogatparametern schneidet „low fat“ ebenfalls nur mäßig ab: Körpergewicht, Blutdruck, Blutglukose und Blutfette sinken mit anderen Ernährungskonzepten besser ab.12–15 Diese Diskrepanz zwischen jahrzehntelanger Empfehlung und aktueller wissenschaftlicher Enttäuschung hat vermutlich mehrere Ursachen. So lässt mangelnde Compliance im praktischen Alltag die Fettzufuhr kaum sinken, zugleich bleiben gerade die Ballaststoffe bei „low fat“ zugunsten einfacher Kohlenhydrate oftmals unnötig auf der Strecke. Auch regionale Vorlieben und das limitierte Budget vieler Haushalte erschweren die langfristige Umsetzung.16

„Low carb“: starke Gewichtsreduktion, variabler metabolischer Benefit

Mit mehr als 150 randomisiert-kontrollierten Studien in mehr als 60 Metaanalysen ist die kohlenhydratarme Ernährung eine der am besten untersuchten Diätformen. Trotzdem lassen die Testreihen an insgesamt mehr als 30.000 Personen, darunter nur etwa 3.000 Menschen mit Diabetes, zu vielen Parametern noch Fragen offen. Konsistent gezeigt ist die Überlegenheit gegenüber „low fat“ mit Blick auf Gewichtsreduktion,15 Körperfettanteil,17 Blutdruck,13 Triglyzeride,12 HbA1c und Nüchternglukose.14 Beim LDL- und HDL-Cholesterin ist der Nutzen strittig.12,18 Bei Diabetespatienten sind die diätspezifischen Benefits (im Vergleich mit Gesunden) teils geringer.18,19 Durch den hohen Anteil an Eiweiß, (zumeist gesättigtem) Fett und Purinen sind Outcomes wie Nierenfunktion, Entzündungshaushalt, Harnsäure und Fettleber von großem Interesse, aber noch nicht ausreichend durch Interventionsdaten abgedeckt.20–22

Die Diätcompliance ist vergleichbar oder besser als bei „low fat“.23 Problematisch sind fehlende Langzeitinterventionsdaten zu kohlenhydratarmen Ernährungskonzepten, die hohen Lebensmittelkosten16 und die in der Regel schlechte Ökobilanz samt Tierwohlfragen.24

Formula-Diäten: kurzfristig stark, einfach umsetzbar, aber auch sicher?

Kalorienarme Mahlzeitenersatzprodukte finden in zahlreichen aktuellen Studien, aber auch längst in der klinischen Praxis breite Anwendung. Sie versprechen eine einfach umsetzbare, schnell und stark gewichtssenkende Diät. Dieser Nachweis ist durch viele Interventionsdaten eindrucksvoll erbracht.5,25,26 Auch für die Diabetesremission und mikrovaskuläre Komplikationen (Nephropathie, Neuropathie) gibt es Hinweise auf einen günstigen Effekt.26–28 Für herzgesunde Menschen mit Typ-2-Diabetes ist zudem ein kardiovaskulärer Nutzen zu erkennen, abhängig von der erzielten Gewichtsreduktion.29 Allerdings: Nur knapp ein Drittel der Patienten bewältigt eine Formula-Diät lang und konsequent genug für eine Gewichtsreduktion von mehr als 10%.

Die effiziente Nachbetreuung nach einem Formula-Programm ist essenziell; sonst droht der rasche Rebound-Effekt.25,26 Zudem riskieren Patienten mit kardialer Vorerkrankung gegebenenfalls sogar eine erhöhte Mortalität durch intensive Lebensstilumstellung.30 Auch hinsichtlich Knochenstabilität und kognitiver Funktion ist eine radikale Gewichtsreduktion bei älteren Menschen mit Typ-2-Diabetes mittels Formula-Programm möglicherweise von Nachteil.31–33

Die variantenreiche Produktpalette der Formula-Diäten ist nur unzureichend untersucht. Jenseits der starken metabolisch erwünschten Wirkungen müssen wichtige Risiken (Gallensteine, Sarkopenie, Nährstoffmangel, Essstörungen) und Endpunkte (kardiovaskuläre Ereignisse, Frakturen) im Blick behalten werden. Mit klinischem Monitoring und ausreichender Nachsorge sind Formula-Diäten bei ausgewählten Patienten jedoch ein geeignetes Mittel zur Gewichtsreduktion.

Intervallfasten: präklinisch gehypt, klinisch nur begrenzt wirksam

Einen regelrechten Boom erleben seit einigen Jahren die verschiedenen Formen des Intervallfastens. „16:8“ und „23:1“ lassen hierbei jeden Tag nur wenig Zeit zum Essen, Alternate-Day-Fasting und „5:2“ verknappen ganze Tage zu Hungerphasen. In verschiedenen Tiermodellen bewirkt vor allem das „time-restricted eating“ (16:8) einen dramatischen Vorteil für Lebenszeit und Stoffwechsel.34 Der Mensch praktiziert das Intervallfasten schon lange im Rahmen meist religiös motivierter Fastenphasen (z.B. Ramadan). Beobachtungsstudien zu diesem Setting beschreiben bei Gesunden nur geringe, transitorische metabolische Verbesserungen, vor allem der Lipide.35 Menschen mit Diabetes zeigen aber teilweise eine glykämische Verschlechterung durch die geballte Kalorienzufuhr zum Fastenbrechen.36

Die Datenlage der bisherigen 50 RCTs ist zu verschiedenen Fastenformen, Kaloriendefiziten, Nährstoffvorgaben, Kohorten und Laufzeiten sehr heterogen. Gesunde erfahren nur gegenüber Ad-libitum-Ernährung einen Gewichtsvorteil mit Intervallfasten, nicht gegenüber einer konventionellen Kalorienreduktion.37–39 Bei Menschen mit Diabetes scheint das Intervallfasten aber stärker auf das Körpergewicht zu wirken.40 Umso erstaunlicher ist, dass ein Benefit sich nur für die Nüchternglukose, nicht aber für HbA1c und Nüchterninsulin ergibt.38,40–42 Die Wirkung auf Lipidprofil und Inflammation ist strittig.43,44 Potenziell ungünstig ist vermutlich die geringere Eiweißzufuhr beim unkompensierten Ausfall ganzer Mahlzeiten: Mehrere RCTs verweisen auf den überproportionalen Verlust an Muskelmasse unter 16:8- und Alternate-Day-Fasten. Dies könnte den schwachen metabolischen Nutzen erklären und ein eigenständiges Sarkopenierisiko abbilden.45,46 Die Langzeitcompliance ist beim Intervallfasten sehr fraglich.47 Lange Interventionsstudien existieren bislang kaum, aber international laufen aktuell weit mehr als 100 Projekte, die in naher Zukunft eine bessere Datenlage liefern werden. Der derzeitige Wissensstand genügt nicht zur Empfehlung irgendeiner Form des Intervallfastens.

KeyPoints

  • Adipöse Menschen mit Typ-2-Diabetes profitieren von gewichtsreduzierenden Diäten meist metabolisch, aber nicht unbedingt in Langzeit-Outcomes.

  • Kohlenhydratarme Ernährung ist Low-fat-Diäten in vielen Stoffwechselaspekten bei vergleichbarer Compliance kurz- bis mittelfristig überlegen, aber Langzeitdaten fehlen.

  • Formula-Diäten bewirken eine schnelle, starke Gewichtsreduktion, allerdings bei limitierter Compliance und unklaren mittel- und langfristigen systemischen Risiken.

  • Intervallfasten zeigt beim Menschen gegenüber konventioneller Kalorienreduktion keine relevanten metabolischen Vorteile bei bislang zu vage bekannten Nebenwirkungen.

Autor
Dr. med. Stefan Kabisch
(Studienarzt)
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin
Campus Benjamin Franklin
Studienambulanz Diabetologie/ Deutsches Zentrum für Diabetesforschung e.V.

Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert.

1 Keys A et al.: Am J Epidemiol 1986; 124(6): 903-15

2 Gordon T et al.: Circulation 1981; 63(3): 500-15

3 Jiao J et al.: BMJ 2019; 366: l4009

4 Uusitupa M, et al.: Nutrients 2019; 11(11): 2611

5 Churuangsuk C et al.: Diabetologia 2022; 65(1): 14-36

6 Neuenschwander M et al.: PLoS Med 2020; 17(12): e1003347

7 Mazidi M et al.: Clin Nutr 2020; 39(12): 3677-86

8 Hooper L et al.: Cochrane Database Syst Rev 2020; 8(8): CD011737

9 Look AHEAD Research Group et al.: N Engl J Med 2013; 369(2): 145-54

10 Howard BV et al.: JAMA 2006; 295(6): 655-66

11 Ramsden CE et al.: BMJ 2016; 353: i1246

12 Neuenschwander M et al.: Eur J Epidemiol 2019; 34(9): 837-52

13 Schwingshackl L et al.: Crit Rev Food Sci Nutr 2019; 59(16): 2674-87

14 Schwingshackl L et al.: Eur J Epidemiol 2018; 33(2): 157-70

15 Ge L et al.: BMJ 2020; 369: m696

16 Kabisch S et al.: Nutrients 2021; 13(9): 3037

17 Hashimoto Y et al.: Obes Rev 2016; 17(6): 499-509

18 Huntriss R et al.: Eur J Clin Nutr 2018; 72(3): 311-25

19 Silverii GA et al.: Acta Diabetol 2020; 57(11): 1375-82

20 Suyoto PST: Diabetes Metab Res Rev 2018; 34(7): e3032

21 Oyabu C et al.: Br J Nutr 2016; 116(4): 632-8

22 Ahn J et al.: Clin Nutr 2019; 38(5): 2023-30

23 Schmidt I: Analyse zur Diätcompliance bei ,,Low-Carb“- und ,,Low-Fat“-Studien, Dissertation, Charité Berlin, 2017

24 Clarke C, Best T: Appetite 2019; 141: 104324

25 Look AHEAD Research Group et al.: N Engl J Med 2013; 11; 369(2): 145-54

26 Lean ME et al.: Lancet 2018; 391(10120): 541-51

27 Look AHEAD Research Group.: Diabetologia 2017; 60(6): 980-88

28 Look AHEAD Research Group.: Lancet Diabetes Endocrinol 2014; 2(10): 801-9

29 Look AHEAD Research Group et al.: Lancet Diabetes Endocrinol 2016; 4(11): 913-21

30 Look AHEAD Research Group et al.: N Engl J Med 2013; 11; 369(2): 145-54

31 Johnson KC et al.: J Bone Miner Res 2017; 32(11): 2278-87

32 Wing RR: Obesity (Silver Spring) 2021; 29(8): 1246-58

33 Espeland MA et al.: J Gerontol A Biol Sci Med Sci 2021; Nov 12: glab342

34 Ulgherait M et al.: Nature 2021; 598(7880): 353-8

35 Jahrami HA et al.: Nutr Metab Cardiovasc Dis 2021; 31(8): 2273-301

36 Tahapary DL et al.: Diabetes Metab Syndr 2020; 14(5): 1559-70

37 Allaf M et al.: Cochrane Database Syst Rev 2021; 1(1): CD013496

38 Harris L et al.: JBI Database System Rev Implement Rep 2018; 16(2): 507-47

39 Schwingshackl L et al.: Crit Rev Food Sci Nutr 2021; 61(8): 1293-304

40 Borgundvaag E et al.: J Clin Endocrinol Metab 2021; 106(3): 902-11

41 Moon S et al.: Nutrients 2020; 12(5): 1267

42 Pureza IROM et al.: Clin Nutr 2021; 40(4): 1788-99

43 Meng H et al.: Nutrition 2020; 77: 110801

44 Wang X et al.: Nutrition 2020; 79-80: 110974

45 Templeman I et al.: Sci Transl Med 2021; 13(598): eabd8034

46 Lowe DA et al.: JAMA Intern Med 2020; 180(11): 1491-99 Erratum in: JAMA Intern Med 2020; 180(11): 1555

47 Enríquez Guerrero A et al.: Eur J Clin Nutr 2021; 75(7): 1024-39


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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