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14. März 2019

Wundmanagement

Die aktuellen Herausforderungen kritisch betrachtet

<p class="article-intro">Chronische Wundheilungsstörungen und das damit verbundene Wundmanagement stellen bedingt durch die multifaktorielle Pathogenese eine brisante und aktuelle Herausforderung dar. Dieser Artikel beleuchtet die Kernsituation des Wundmanagements und behandelt die Problematik, die zurzeit diskutiert wird.</p> <hr /> <p class="article-content"><p>Die Herausforderungen betreffen nicht nur Allgemeinmediziner, die meist als erste Ansprechlaufstelle von den Betroffenen aufgesucht werden, sondern auch Fach&auml;rzte unterschiedlicher klinischer Orientierung. Oft sind fach&uuml;berschreitendes Denken und Handeln gefordert. Ein interdisziplin&auml;res Verhalten steht somit au&szlig;er Diskussion.<br /> Ebenso verh&auml;lt es sich im Pflegebereich: Die Kompetenzebene von diplomierten Pflegekr&auml;ften und Wundmanagern ist nicht exakt definiert und es kommt oft zu &Uuml;berschreitungen der Zust&auml;ndigkeitsbereiche. In der Regel handeln Pflegepersonen und Wundmanager auf Anordnung der &Auml;rzte, sie sind jedoch in ihrer T&auml;tigkeit eigenverantwortlich. Um Missverst&auml;ndnissen vorzubeugen, hat der Gesetzgeber Richtlinien vorgegeben. Es existiert einerseits die M&ouml;glichkeit, dass &Auml;rzte T&auml;tigkeiten delegieren k&ouml;nnen, andererseits die Remonstrationspflicht f&uuml;r den Pflegebereich. Vielerorts funktioniert diese f&auml;cher&uuml;bergreifende interdisziplin&auml;re Zusammenarbeit, vielerorts funktioniert sie aber auch nicht. Bedenkt man die Vielzahl der Ursachen, die f&uuml;r eine chronische Wundheilungsst&ouml;rung infrage kommen, beispielsweise das diabetische Fu&szlig;syndrom, wird man unweigerlich mit einer weitgestreuten Pathogenese konfrontiert.<br /> Neben der Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus liegt der Fokus der Wundheilungsst&ouml;rung auf Ver&auml;nderungen des Gef&auml;&szlig;systems (Arterien, Venen, Lymphbahnen) und der Nerven (diabetische Polyneuropathie), erweitert durch die zutiefst humanen Risikofaktoren (Bewegungsarmut, &Uuml;bergewicht, Rauchen etc.).<br /> Diese multifaktorielle Pathogenese schreit f&ouml;rmlich nach einer interdisziplin&auml;ren Reaktion. Erschwerend kommt die &bdquo;Chronizit&auml;t&ldquo; der Erkrankung hinzu. Der chronisch kranke Patient fordert die Gew&auml;hrleistung der Kontinuit&auml;t, bezogen auf die behandelnden Personen und die Zeit. Hier sto&szlig;en wir an Grenzen, nicht nur im Management der chronischen Wunde, sondern auch an die Grenzen des Gesundheitssystems. Unl&ouml;sbar scheint die Frage, wie das Management des chronisch kranken Patienten im Allgemeinen zu bewerkstelligen sei.</p> <h2>Interdisziplinarit&auml;t gro&szlig;geschrieben</h2> <p>Das Management der chronischen Wunde fordert interdisziplin&auml;res Verhalten ein, mehr denn je. Und das ist die Herausforderung, mehr als nur eine aktuelle.<br /> Schon 1989 wurde auf Gehei&szlig; der WHO im Rahmen der St.-Vincent-Deklaration ein interdisziplin&auml;rer Ma&szlig;nahmenkatalog erstellt und von allen anwesenden Gesundheitsexperten auch unterschrieben. Ziel war und ist es, die Anzahl der Amputationen beim diabetischen Fu&szlig; um 50 % zu senken. Wurde das Ziel erreicht? Nein, im Gegenteil, die Anzahl der Amputationen ist im Steigen begriffen. Unter den europ&auml;ischen OECD-Mitgliedsl&auml;ndern weist &Ouml;sterreich die h&ouml;chste Amputationsrate nach diabetischem Fu&szlig;syndrom auf.<br /> Auf dem Weg zur Amputation, der Ultima Ratio, spielt das Wundmanagement eine entscheidende Rolle.<br /> &bdquo;Modernes Wundmanagement&ldquo; impliziert auf den ersten Blick: &bdquo;Mit welcher Wundauflage wird eine chronische Wunde verbunden?&ldquo; Getan &ndash; aber nicht mehr!<br /> Von der Industrie wird eine Vielzahl von Wundverb&auml;nden zur Verf&uuml;gung gestellt. Allesamt hervorragende Produkte, wenn richtig angewandt. Trotzdem werden, bei ca. 40 Mio. Verbandwechseln pro Jahr in &Ouml;sterreich, nur 20 % der Patienten mit modernen Wundprodukten behandelt. Die &uuml;berwiegende Zahl der Patienten wird nach wie vor mit traditionellen Wundverb&auml;nden versorgt. Es stellt sich zudem auch die Frage, ob das &bdquo;moderne Wundmanagement&ldquo; richtig angewandt wird. Eine fachgerechte Versorgung chronischer Wunden im Sinne des &bdquo;modernen Wundmanagements&ldquo; w&uuml;rde nicht nur die Behandlungsdauer verk&uuml;rzen und die Materialkosten reduzieren, sondern auch Einsparungen von bis zu 200 Mio. Euro nach sich ziehen und vor allem die Patientenzufriedenheit erh&ouml;hen. Die L&ouml;sung der Problematik ist in der Definition des &bdquo;modernen Wundmanagements&ldquo; zu suchen. Das &bdquo;moderne Wundmanagement&ldquo; muss unserer Ansicht nach neu definiert werden. Management &ndash; f&uuml;r alle Lebensbereiche gesehen &ndash; bedeutet eine zielorientierte Vorgangsweise nach menschlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten in der Umsetzung geforderter Ma&szlig;nahmen zu einer Probleml&ouml;sung.<br /> Umgesetzt auf das Wundmanagement kann es somit nicht bedeuten: &bdquo;Mit welcher Wundauflage wird eine chronische Wunde verbunden?&ldquo; Das ist aktuell zu wenig. Das ist weder &bdquo;evidence-based&ldquo; noch der Weg zum State of the Art.<br /> Alle, die sich zumuten, die aktuelle Herausforderung &bdquo;modernes Wundmanagement&ldquo; anzunehmen, m&uuml;ssen sich dieser Verantwortung bewusst sein und sich ihr stellen. Die Herausforderung anzunehmen bedeutet, sich voll und ganz der Thematik Wundbehandlung zu widmen. So nebenbei Wunden zu verbinden ist eindeutig zu wenig, man muss sich einer umfassenden interdisziplin&auml;ren Verantwortung stellen.<br /> K. Anders Ericsson hat sich mit dem Erwerb der Fachkompetenz auseinandergesetzt. Sei es in Kunst, Wissenschaft, Sport oder jeglicher Sparte. Detailliert wird beschrieben, wie Fachkompetenz erworben wird. Einerseits ist es erforderlich, sich mit der Materie dauerhaft zu besch&auml;ftigen. In Zahlen ausgedr&uuml;ckt bedeutet das, sich etwa 10 000 Stunden intensiv mit der Materie auseinanderzusetzen. Andererseits sind Interesse und Liebe zum erw&auml;hlten Beruf Voraussetzung. Das bedeutet, man muss schon sein ganzes Leben der Berufung widmen.<br /> Wie so oft sind auf dem Weg dorthin gesundheits- und sozialpolitische Barrieren und interdisziplin&auml;re H&uuml;rden zu &uuml;berwinden. Kompetenzbereiche (Arzt &ndash; Pflege) sind neu zu definieren. Kooperation wird gefordert.</p> <ul> <li>Wer will seine medizinische Laufbahn dem &bdquo;modernen Wundmanagement&ldquo; opfern und unterordnen, mit all seinen Facetten?</li> <li>Wer setzt sich mit der Herausforderung &bdquo;Hospitalismus&ldquo; auseinander?</li> <li>Wem ist es m&ouml;glich, dem Patienten eine Kontinuit&auml;t an Personen (Arzt und Pflege) und Zeit zu garantieren?</li> <li>Wer ordnet seine Abteilung oder seine Ordination den Bed&uuml;rfnissen der &bdquo;modernen Wundbehandlung&ldquo; unter?</li> </ul> <p>Diese und viele andere Punkte sind die wahren Herausforderungen und das erfordert Managementqualit&auml;ten und St&auml;rke.<br /> All jenen Kollegen und Pflegekr&auml;ften, die diese zeigen, ist f&uuml;r ihre aufopfernde T&auml;tigkeit Respekt zu zollen. Der Dank der Betroffenen ist ihnen ohnehin sicher. Eine B&uuml;ndelung der Kr&auml;fte w&auml;re w&uuml;nschenswert und f&uuml;r die Zukunft ist zu hoffen, dass das &bdquo;moderne Wundmanagement&ldquo; neu definiert seinen Platz im klinischen Alltag finden wird.<br /> Das Motto sollte lauten: &bdquo;Wie getan und wie gekonnt&ldquo; und nicht, wie es derzeit &uuml;blich ist, &bdquo;Wie getan, aber nicht wie gekonnt!&ldquo;</p></p>
Autor(en):
Dr. Adalbert Strasser

Facharzt für Chirurgie<br> E-Mail: adalbert.strasser@aon.at

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