© Evgeniy Anikeev iStockphoto

4. Mai 2021

Ihre Einschätzung ist gefragt! Ohrschmerzen bei Kindern und Erwachsenen

Ohrschmerzen sind in der Hausarztpraxis eine häufige Beratungsursache. Doch nicht immer ist bei Schmerzen, welche die Patienten am oder im Ohr angeben, tatsächlich das Ohr schuld. Im Folgenden gibt es hierzu einen Überblick über die Häufigkeiten und Ursachen von Ohrschmerzen sowie zum Umgang mit Otitis media und Otitis externa.

Bei Kindern gehören Ohrschmerzen und die damit verbundenen Erkrankungen zu den häufigsten Beratungsursachen und fanden sich in der Contentstudie auf Rang 3 der Häufigkeitsstatistik. Auch bei den 5- bis 14-Jährigen war das so.1 Mittelohrentzündung, Cerumen und Ohrschmerzen im Allgemeinen finden sich unter den 50 häufigsten Beratungsergebnissen der einschlägigen wissenschaftlichen Fälleverteilungsstatistiken, die das gesamte Patientenklientel umfassen. Es lohnt sich also durchaus, mit den aktuellen Vorgehensweisen vertraut zu sein.

Ursachen in Verbindung mit dem Alter sehen

Je nach Alter sind die Ursachen unterschiedlich. Ist es bei den kleinen Kindern die Mittelohrentzündung, die am häufigsten für die Schmerzen verantwortlich ist, so ist es bei Jugendlichen und Erwachsenen eher die Gehörgangsentzündung. Je älter die Patienten sind, desto häufiger ist es, dass nicht ohrbezogene Ursachen die Schmerzen auslösen. Bei Erwachsenen ist besonders an die Halswirbelsäule oder das Kiefergelenk zu denken.2 Nicht zu vergessen ist die Verlegung des Gehörgangs mit Ohrschmalz, was ebenfalls Schmerzen verursachen kann. Die häufigsten Ursachen für Ohrschmerzen sind altersabhängig in Tabelle 1 dargestellt.

Beschwerdeschilderung als Wegweiser

Bereits vor der körperlichen Untersuchung findet man oft schon aufgrund der Patientenangaben Hinweise, die auf ein bestimmtes Erkrankungsbild hindeuten. So ist es bei Kindern häufig ein vorbestehender Infekt oder die Angabe von früheren Ereignissen, was auf eine Otitis media hinweist. Bei Erwachsenen weisen Schwimmbadbesuche oder die Rückkehr von einem Badeurlaub auf eine Otitis externa hin. Zudem sollte man immer auch an nicht ohrbedingte Ursachen denken und Fragen im Hinblick auf diese stellen (z.B. Schmerzen beim Kauen als Hinweis für Kiefergelenksaffektion).

Nicht nur das Ohr untersuchen

Bei kleinen Kindern und Säuglingen sollte man sich bei der Untersuchung nicht auf das Ohr beschränken, sondern diese am besten an einem Ganzkörperstatus orientieren. Je älter die Patienten, desto mehr kann eine Beschränkung auf eine symptomorientierte Untersuchung erfolgen. Bei Erwachsenen sollten zudem Kiefergelenk und Halswirbelsäule orientierend einbezogen werden. Eine otoskopische Untersuchung darf natürlich nie fehlen.

Bei einer Otitis media zeigt sich das Trommelfell stark gerötet und ist oft vorgewölbt, gelegentlich kann das Trommelfell auch perforiert sein. Bei der Otitis externa ist der Gehörgang in Abhängigkeit vom Ausmaß der Entzündung verschwollen, gelegentlich bis hin zur kompletten Obstruktion, wobei die Untersuchung meistens bereits bei geringer Berührung sehr schmerzhaft ist. Hier sind auch oft die regionalen Lymphknoten geschwollen. Tragusdruckschmerz kann bei beiden bestehen, ist jedoch bei Otitis externa häufiger.

Gefährliche Verläufe bedenken

Hinter Ohrschmerzen können sich ernstere Erkrankungen verbergen, die immer bedacht werden sollten. Dazu gehören Abszesse, Mastoiditis und Innenohrbeteiligung ebenso wie intrakranielle Prozesse (Meningitis, Thrombose, Abszesse) oder schwere Zahn- und Kiefergelenksentzündungen. Langfristig ist eine Hörminderung, die durch die Entzündungen entstehen kann, zu bedenken (Tab. 2).

Wie behandeln?

Grundsätzlich sollten auf jeden Fall die Schmerzen behandelt werden, hier bieten sich Paracetamol oder Ibuprofen als erste Wahl an.

Bei der Otitis externa richtet sich die Behandlung nach der Schwere der Entzündung. Bei leichteren Entzündungen reicht die Reinigung des Gehörgangs (vorsichtige Spülung) und eine lokale antiseptische oder antimikrobielle Therapie, ggf. unter Zusatz eines Kortikoids (z.B.Ciprofloxacin mit Dexamethason oder Fluocinolon) aus. Bei ausgeprägter Schwellung ist die Einlage eines medikamentengetränkten Streifens zu erwägen, ebenso bei Pilzinfektionen. Eine systemische Antibiotikatherapie (Cotrimoxazol) ist nur in Ausnahmefällen notwendig, etwa bei Allgemeinsymptomen, über den Gehörgang hinausgehenden Entzündungen, Immunsuppression, schlecht eingestelltem Diabetes mellitus.3

Die Behandlung der Otitis media orientiert sich vor allem am Alter der Patienten und am Ausmaß der Entzündung. Grundsätzlich gilt: Je kleiner das Kind, desto rascher sollte man Spezialisten oder gar die Klinik hinzuziehen.

Bei anhaltendem oder sehr hohem Fieber sollte ebenso wie bei Vorliegen schwerer Grunderkrankungen oder Immunsuppression großzügig eine stationäre Behandlung veranlasst werden. Immer sollte auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr geachtet werden. Bei kleineren Kindern (sechs Monate bis zwei Jahre), die nicht schwer krank wirken, kann eine Antibiotikatherapie (1. Wahl: Amoxicillin, 2. Wahl: Cephalosporin 2. Generation, z.B. Cefuroxim) zurückgestellt und stattdessen engmaschig kontrolliert werden. Bei Fieber und Begleiterkrankungen wird sofort antibiotisch behandelt (Tab. 3). Je älter die Kinder sind, desto zurückhaltender kann der Einsatz von Antibiotika erfolgen. Immerhin heilen etwa 80% aller Mittelohrentzündungen ohne Antibiotikaeinsatz aus.

Abschwellende Nasentropfen sollen nicht routinemäßig eingesetzt, jedoch bei einer begleitenden Rhinosinusitis empfohlen werden.

Ist die Behandlung effektiv? – Kontrollen vereinbaren

Bei Otitis externa sollte der Behandlungserfolg nach zwei bis drei Tagen überprüft werden. Zeigt sich keine Besserung, so ist ein Nachweis des verursachenden Erregers anzustreben und die Therapie anzupassen.

Patienten mit Otitis media sollten nach zwei bis drei Tagen kontrolliert werden, vor allem auch im Hinblick auf eine möglicherweise erforderliche Antibiotikatherapie. Um Verzögerungen in der Sprachentwicklung zu vermeiden, die durch persistierenden Paukenerguss auftreten können, sind weitere Kontrollen nötig. Bei persistierendem Erguss sollte eine Audiometrie vorgenommen und der Spezialist hinzugezogen werden.

Entzündungen vorbeugen, Rezidive vermeiden

Um Rezidive der Gehörgangsentzündung zu vermeiden, ist es sinnvoll, die Patienten dazu anzuhalten, den Gehörgang trocken zu halten (falls Wasser eindringt, empfehlen, den Gehörgang zu föhnen). Vor Urlaubsreisen ist es ratsam, dass sich anfällige Patienten einer Gehörgangsreinigung unterziehen.

Zur Vorbeugung von Otitis media sollten die Kinder gestillt werden und die Eltern zum Verzicht auf Rauchen sowie zu einem vollständigen Impfschutz nach STIKO animiert werden. Auf einen Schnuller ist besser zu verzichten, keinesfalls sollte er zum Dauernuckeln verwendet werden. Bei Patienten mit rezidivierenden Mittelohrentzündungen ist es notwendig, die Ursachen zu ermitteln. Nicht selten liegen Adenoide vor, die operativ beseitigt werden müssen. Von einer Langzeitantibiotikatherapie ist abzuraten.

Gerade die umfassende Betrachtung in Bezug auf die Schmerzen ist die Domäne von uns Hausärztinnen und Hausärzten.

Autor:
Dr. med. Dipl-Oek. Bernhard Riedl
Facharzt für Allgemeinmedizin Wenzenbach
Lehrkoordinator
Allgemeinmedizin an der TU München

Neueste Artikel
COVID-19-Impfung

Warum nicht jeder Jugendliche geimpft werden soll

Die Ständige Impfkommission (STIKO) beim Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt, Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren nur dann mit Comirnaty® zu impfen, wenn sie unter Vorerkrankungen ...