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Kindliche und juvenile

Bauchschmerzen und Durchfallerkrankungen

Bauchschmerzen und DurchfallerkrankungenBauchschmerzen bei Kindern sind ein häufiger Konsultationsanlass in der Hausarztpraxis. Nicht zu Unrecht geben sie den Eltern Anlass zur Sorge, denn Bauchschmerzen können ein Indiz für eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung (Appendizitis, Darmverschluss o. Ä.) sein. Gleichwohl sind sie in den meisten Fällen harmlos, selbst wenn sie das Kind in seinem Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen können.

Die Ursachen für Bauchschmerzen sind je nach Alter des Kindes oder Jugendlichen unterschiedlich: Während in den jüngeren Lebensjahren (3 bis 11 Jahre) die Gastroenteritis die häufigste Ursache für akute Bauchschmerzen ist, nimmt ab dem zwölften Lebensjahr die Appendizitis die Spitzenrolle ein. Altersspezifische Ursachen für Bauchschmerzen sind auch Invagination bzw. Volvulus (Säuglinge, Kleinkinder), Verstopfung (2 bis 5 Jahre) und Pneumonie (5 bis 11 Jahre). Erkrankungen des Genitals als Ursache für Bauchschmerzen, etwa Dysmenorrhoe, Extrauteringravidität sowie Hodentorsion, finden sich bei älteren Kindern bzw. Jugendlichen.2, 6 Viele dieser Ursachen für akute Bauchschmerzen lassen sich mittels eines genauen Anamnesegesprächs sowie gründlicher klinischer Untersuchung in der hausärztlichen Praxis mühelos herausfinden; wichtige Fragen, die es hierzu zu klären gilt, sind in Tabelle 1 aufgelistet.

Der Allgemeineindruck des Patienten – krank oder nur wenig beeinträchtigt – ist dabei eines der wichtigsten diagnostischen Kriterien für das weitere Vorgehen. Abwartendes Offenlassen der Diagnose ist natürlich nur dann möglich, wenn das Kind keinen sehr kranken Eindruck macht. Nicht selten zeigt sich der Durchfall, die Verstopfung oder die erste Regelblutung als Ursache der präsentierten Bauchschmerzen erst im weiteren Verlauf der Erkrankung.

Diagnostik

Im hausärztlichen Setting – das Kind wird mit akuter Symptomatik vorgestellt, eine Entscheidung für oder gegen eine stationäre Einweisung muss zeitnah gestellt werden – sind unsere wichtigsten Handwerkszeuge das Anamnegespräch und die klinische Untersuchung (Tab. 2). Die Urinuntersuchung sollte routinemäßig bei kindlichen bzw. juvenilen Bauchschmerzen durchgeführt werden.

Laboruntersuchungen können der Entscheidungsfindung dienen. Hier hängt es davon ab, welche Möglichkeiten unsere Praxis bietet: Erhalten wir die Laborergebnisse noch am selben Nachmittag/Abend? Können wir CRP quantitativ in der Praxis bestimmen?

Hält die akute Symptomatik länger an, ohne dass sich uns die Ursache aus Anamnese und Klinik erschließt, sind natürlich ein erweitertes Labor mit großem Blutbild, BSG, Leber- und Nierenwerten sowie eine Abdomen-Sonografie angebracht.

Die stationäre Einweisung ist dann indiziert, wenn wir eine akute Appendizitis oder ein akutes Abdomen nicht sicher ausschließen können (Tab. 3).

Chronische Bauchschmerzen

Haus- und Kinderärzte können ein Lied davon singen: besorgte Mütter, die ihre äußerst gesund erscheinenden Kinder mit „dauernden“ Bauchschmerzen vorstellen, um Allergietestung „auf alles“ bitten, die Schulatteste fordern für unverhältnismäßig lange Fehlzeiten. Wir sollen die Ursache und natürlich auch die Therapie für diese Bauchschmerzen finden und dem Spuk, der manchmal die Familie sehr in Atem halten kann, ein Ende bereiten.

Zwischen 19 und 24% der Kinder leiden an chronischen Bauchschmerzen. Besonders betroffen sind die Drei- bis Zehnjährigen. Chronische Bauchschmerzen sind definiert mit einer Dauer von länger als zwei Monaten mit mindestens zwei Bauchschmerzepisoden pro Woche. Nur 5 bis 10% der chronischen Bauchschmerzen haben eine organische Ursache.1, 3, 4

Meiner Erfahrung nach lohnt es sich, die Eltern bei der Diagnostik der Bauchschmerzen mit ins Boot zu holen. Man sollte sie mit ihren Sorgen ernst nehmen, ohne in die leider häufig praktizierte Überdiagnostik mit Ein- und Überweisungen zu allen möglichen Fachrichtungen einzusteigen. Hilfreich ist hierfür eine klare Struktur unserer Diagnostik, die eine mögliche organische Ursache (Tab. 4) auch für die Eltern nachvollziehbar ausschließt. Ein Bauchschmerztagebuch sowie die Kontrolle von Wachstum und Gewicht geben uns im weiteren Verlauf diagnostische Sicherheit.

Rezidivierende oder chronische Bauchschmerzen ohne organische Ursache werden funktionelle Bauchschmerzen genannt. Nicht jedem nichtorganischen Bauchschmerz liegt eine Psychopathologie zugrunde, die psychotherapeutisch angegangen werden muss. Ziel der Beratung der Eltern ist der angemessene Umgang mit den Beschwerden ihres Kindes: ablenken, Bewegung oder Ruhe anregen, ausreichendes Trinken.7 Nicht hilfreich sind ständige Diäten oder Fernhalten von der Schule.

Bei starken Beschwerden, anhaltendem Schulabsentismus sowie offensichtlicher psychischer Auffälligkeit ist selbstverständlich eine kinderpsychiatrische oder -psychologische Abklärung erforderlich.

Durchfallerkrankungen

In der hausärztlichen Praxis gehört Durchfall zu den 20 häufigsten Konsultationsanlässen. Durchfall bei Kindern ist in der Regel harmlos, kann aber auch ernsthafte Probleme bereiten. Insbesondere kleine Kinder und Säuglinge können bei heftigen Durchfällen dehydrieren und bedürfen dann gelegentlich stationärer Therapie.

Rund 80% der akuten Durchfallerkrankungen bei Kindern werden durch Viren verursacht. Gefürchtet sind aufgrund ihrer enormen Kontagiosität insbesondere in den Gemeinschaftseinrichtungen die Rota- und Noroviren. Seit Einführung der Rotavirusimpfung für Säuglinge ist die Zahl der stationären Einweisungen von Rotavirus-infizierten Kindern deutlich gesunken. Beide Durchfallviren haben einen saisonalen Gipfel: das Rotavirus von Februar bis April, das Norovirus über den gesamten Winter.

Bakterielle Gastroenteritiden sind bei Kindern deutlich seltener als bei Erwachsenen. Wie bei den Erwachsenen sind auch hier Salmonellen, Campylobacter, enteropathogene E. coli und Yersinien die häufigsten Auslöser. Die Ansteckung geschieht in der Regel über verunreinigte Lebensmittel (nicht durchgegartes Fleisch, Eier). Bakteriell verursachte Durchfallerkrankungen sind häufig heftiger und länger andauernd. Bei mehr als zwei bis drei Tage andauerndem Fieber sowie blutigen Stühlen sollte frühzeitig an eine bakterielle infektiöse Gastroenteritis gedacht werden. Eine Erregerbestimmung ist in den seltensten Fällen erforderlich und hat in der Regel keine therapeutischen Konsequenzen.

Die Therapie der akuten Durchfallerkrankung besteht im Ausgleich des Flüssigkeitsverlusts. Besonders Kleinkinder, Kinder mit Grunderkrankungen und fiebernde Kinder sind von Austrocknung bedroht. Den Grad der Exsikkose erkennen wir klinisch am starken Gewichtsverlust, am Allgemeinzustand des Kindes (apathisch) und an der mangelnden Urinproduktion (trockene Windel!) (Tab. 5). Falls die orale Rehydrierung mit Wasser, Tee, selbst oder industriell gefertigter Elektrolytlösung nicht gelingt, ist eine stationäre Einweisung indiziert. Medikamente gegen Durchfall wie Loperamid sind im Kindesalter nicht angezeigt.

Diätetisch sollte auf fette und zuckerhaltige Nahrung verzichtet werden. Cola ist aufgrund des sehr hohen Zuckergehalts obsolet!5 Stillkinder dürfen weiter gestillt werden, Flaschenkinder ihre Flaschennahrung weiter trinken.

Bei klinisch guter Verfassung und ausreichender Flüssigkeitsaufnahme können auch länger andauernde wässrig-breiige Stühle toleriert werden. Hilfreich kann dann die Gabe von stuhlfestigenden Lebensmitteln sein.

Autorin
Lisa Degener
Fachärztin für Allgemeinmedizin, Altenberge

1 Bufler P et al.: Chronische Bauchschmerzen bei Kindern und Jugendlichen. Deutsches Ärzteblatt 2011; 108: 295-304 2 Deximed: https://deximed.de/home/b/paediatrie/symptome/bauchschmerzen-bei-kindern-akute (abgerufen 22.10.2016) 3 Krause L, Mauz E: Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen bei Kindern und Jugendlichen in Thüringen. Repräsentative Ergebnisse einer regionalen Modulstudie in KiGGS Welle 1. Schmerz 2018; 32: 105-14 4 Kullmer U, Gehring S: Somatische Differenzialdiagnosen chronischer Bauchschmerzen, Monatsschr Kinderheilkd 2012; 160: 32-95 S2k-Leitlinie akute infektiöse Gastroenteritis im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter (www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/068-003l_S2k_AGE-Akute-infektioese-Gastroenteritis-Saeuglinge-Kinder-Jugendliche-2019-05.pdf; Abgerufen 20.11.2020)6 Meyer T: Bauchschmerzen beim Kind. Was muss operiert werden? Allgemeinarzt 2020; 42: 16-207 Noeker M: Wie erkenne und behandle ich Kinder mit psychosomatischem Bauchschmerz? Pädiatrie 2011; 5: 4-11

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