29. März 2021

Unterscheidung in der Praxis

Asthma oder COVID-19?

Trockener Husten ist eines der Leitsymptome der COVID-19-Infektion, aber auch von anderen Atemwegserkrankungen wie Asthma bronchiale. Die differentialdiagnostische Abklärung durch den Arzt trägt dazu bei, betroffene Patienten zu beruhigen, die aktuell knappen Ressourcen zu schonen, und erlaubt, eine korrekte Therapie einzuleiten. Dabei helfen zehn einfache differentialdiagnostische Hinweise.

Oft ähneln sich allergische Erkrankungen und virale Infekte der Atemwege in ihrer klinischen Präsentation, wie das Fallbeispiel zeigt. Die Beschwerden können leicht verwechselt werden oder zu differentialdiagnostischer Unsicherheit führen – Fehldiagnosen sind daher keine Seltenheit.

Fallbeispiel

Daniel R. (31) ist wegen seines Gesundheitszustandes sehr beunruhigt. Er ist in einer EDV-Firma angestellt und betreibt seit mehreren Wochen Homeoffice. Prinzipiell hält er sich an die Vorgaben zum „Social Distancing“ der Regierung, weswegen er eine Infektion mit dem Coronavirus eigentlich ausschließt. Jedoch hatte er vor einer Woche im Supermarkt eingekauft und, als er mit seinem Einkaufswagen an der Kasse stand, hinter sich einen unproduktiven Husten vernommen. Zudem führte er beim Verstauen der Waren in den PKW einige Telefonate mit dem Handy. Anschließend widmete sich Daniel seinem Garten. Seither bemerkt er zunehmenden unproduktiv-trockenen Husten, einige Male auch Atembeschwerden, Engegefühl des Thorax und Kratzen im Hals.

Daniel leidet bereits seit längerer Zeit an einer allergischen Rhinitis auf Birkenpollen und seit drei Jahren auch an einem leichten Asthma, üblicherweise beginnen die Beschwerden jedoch erst im April und nicht schon – wie jetzt – in der ersten Märzhälfte. In Anbetracht der aktuellen Situation möchte Daniel einen Coronavirus-Test durchführen lassen. Er bittet daher seinen Hausarzt um eine Einschätzung der Situation.

1. Unproduktiver, trockener Husten

Unproduktiver trockener Husten ist nicht nur bei COVID-19 ein Leitsymptom, sondern kommt auch bei Asthma bronchiale häufig vor, besonders bei beziehungsweise nach körperlicher Anstrengung. Im Gegensatz zu COVID-19 sistiert dieser Husten meist rasch nach Inhalation eines schnell wirkenden Betamimetikums.

Typisch für Asthma bronchiale ist bei Exazerbation die Atemeinschränkung, die sich bis zur Atemnot steigern kann, meist verbunden mit giemenden, pfeifenden, brummenden oder rasselnden Atemgeräuschen sowie einem verlängerten Exspirium und Besserung nach Inhalation eines Betamimetikums.

2. Atemnot

Atemnot ist ebenfalls ein oft beschriebenes Symptom bei COVID-19. Diese wird verursacht durch eine Sauerstoff-Diffusionsstörung und tritt meist erst mit Beginn der Pneumonie auf. Sie äußert sich durch Kurzatmigkeit aufgrund der Hypoxie, geht nicht mit spastischen Atemgeräuschen einher und wird auch nicht durch die Inhalation von Betamimetika vermindert.

Praxis-Tipp

Richtig inhalieren – anschaulich dargestellt

Das beste inhalative Asthmamedikament ist unwirksam, wenn es nicht richtig inhaliert wird. Unter Vermeidung des persönlichen Kontaktes können Ärzte ihren Patienten beispielsweise die Website der Deutschen Atemwegsliga empfehlen:

www.atemwegsliga.de/richtig-inhalieren.html

3. Saisonale Beschwerden

Saisonale allergische Beschwerden der Atemwege treten immer zur selben Jahreszeit auf. Ein Zusammentreffen mit der bestehenden Pandemie ist bei Frühblüherallergie als Zufall zu betrachten. Dass der Patient im Fallbeispiel bereits Mitte März auf Birkenpollen reagiert, liegt daran, dass die Pollenzeit von Birke und Esche, bedingt durch den Klimawandel, in den letzten Jahren deutlich früher einsetzte. Die Blütezeit der Gräser ist Anfang Mai zu erwarten. Die Hyperreaktivität der Atemwege nimmt kontinuierlich zu, die Symptome werden immer häufiger und intensiver. Bei ganzjährigen Allergenen (z.B. Hausstaubmilben, Tierhaare) ist das Asthma anamnestisch leicht auf die auslösenden Situationen zurückzuführen (Staubsaugen, Bettenmachen, Tierkontakt etc.). COVID-19 ist dagegen geprägt von einem plötzlichen Krankheitsbeginn.

4. Fieber

Neben trockenem Husten ist das zweite Hauptsymptom von COVID-19 allmählich oder rapide ansteigendes Fieber, unter Umständen bis über 39°C oder 40°C. Bei allergischem Asthma tritt Fieber praktisch nie auf.

5. Halsschmerzen und geschwollene Lymphknoten

Bei COVID-19 werden gelegentlich Halsschmerzen und Lymphknotenschwellungen beschrieben. Diese unterscheiden sich deutlich von kratzenden oder juckenden Rachenbeschwerden im Rahmen eines Oralen Allergie Syndroms(OAS), das bei Birkenpollenallergie häufig vorkommt (verbunden mit Juckreiz der Konjunktiven, der Gehörgänge, des Gaumens und mit Rhinitis bei Genuss von Stein- und Kernobst, Kiwis oder Nüssen).

6. Rhinitis, Konjunktivitis, Juck- und Niesreiz

Die allergische Rhinitis kann sowohl als obstruktive Rhinopathie als auch als Fließschnupfen imponieren, meist einhergehend mit Juck- und Niesreiz, bei begleitender allergischer Konjunktivitis mit Rötung, Fremdkörpergefühl, Brennen der Augenlider oder einfach nur Juckreiz der Carunculae. Die Nasenbeteiligung bei COVID-19 zeigt eher obstruktiven Charakter ohne Juckreiz.

7. Muskel- und Gelenkschmerzen

Typische Virus-assoziierte Symptome wie Muskel- oder Gelenkschmerzen treten bei allergischen Erkrankungen der Atemwege nie auf, Stirn-Kopfschmerz findet sich mitunter bei chronischer Sinusitis, in erster Linie bei ganzjährigen Allergien. Kopfschmerzen bei COVID-19 werden eher als helmartig und massiv beschrieben.

8. Geruchs- und Geschmacksverlust

Geruchs- und Geschmacksverlust (Anosmie, Ageusie) treten bei COVID-19 gelegentlich auf, nicht jedoch bei allergischen Erkrankungen.

9. Übelkeit, Erbrechen, Durchfall

Übelkeit und Erbrechen oder Durchfall könnten auch durch Nahrungsmittelallergien oder -intoleranzen ausgelöst werden. Dabei geben die Symptomatik und das Anamnesegespräch Aufschluss.

10. Müdigkeit und Abgeschlagenheit

Letztlich ist die abnorm starke Müdigkeit und Abgeschlagenheit auch in Ruhe schon zu Beginn der Viruserkrankung auffällig. Ein schwerer Asthmaanfall kann zu Erschöpfung der Atemmuskulatur führen, im Vordergrund steht jedoch immer der Bronchospasmus. Müdigkeit und Abgeschlagenheit treten bei allergischen Beschwerden nur in Verbindung mit Juckreiz der Nase oder der Konjunktiven auf.

Empfehlungen zur Kortikosteroidtherapie

Bei vorbestehendem Asthma sollte die bewährte inhalative Kortikosteroidtherapie nicht abgesetzt werden. Bronchopulmonale Virusinfekte führen häufig auch zur Exazerbation des Asthmas. Eine Reduktion der Therapie um das wichtigste „Asthma-stabilisierende“ Medikament sollte unbedingt vermieden werden. Diesbezügliche Empfehlungen und Stellungnahmen wurden auch von der Deutschen und Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie ausgegeben.

Autor:
Prim. i. R. Dr. med. Gert Wurzinger
Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Interessensgemeinschaft
Allergenvermeidung, der Österreichischen Lungenunion und Alpha 1-Österreich

beim Verfasser


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
Neueste Artikel
COPD

Patientenleitlinie aktualisiert

Etwa 6 von 100 Erwachsenen leiden an COPD (Chronic Obstructive Pulmonary Disease). Bei dieser Lungenkrankheit sind die Atemwege ständig verengt. In einer gesunden Lunge gelangt der ...

Allergische Rhinitis und Asthma – ein Update

Ein Atemweg, eine Krankheit

Dieser Artikel soll auf Grundlage der aktuellen Studienlage einen Überblick geben über die klinischen Charakteristika sowie die gemeinsame Pathophysiologie und Therapie der allergischen ...