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17. März 2021

Sinnvolle Therapieoptionen

Chronische Pharyngitis

Als chronisch wird eine anamnestisch und klinisch fassbare Pharyngitis mit einer Dauer von mehr als drei Monaten bezeichnet. Im Gegensatz zur akuten Pharyngitis liegt der chronischen Pharyngitis zumeist eine über längere Zeit bestehende Exposition gegenüber unterschiedlichen Noxen zugrunde.

Zu den möglichen Noxen zählen in erster Linie Verbrennungsprodukte von Tabak/Nikotin, Alkohol, Staub in der Atemluft, Chemikalien und Reizgase, aber auch der Reflux von Magensaft.1–5

Dies bedingt eine erhöhte Inzidenz chronischer Rachenentzündungen in städtischen Gebieten aufgrund erhöhter Luftverschmutzung.6, 7 Neben chemischen Noxen können auch Entzündungen in angrenzenden Organsystemen eine chronische Pharyngitis bedingen. So können eine chronische Tonsillitis, Sinusitis oder Bronchitis ebenso wie eine eosinophile Ösophagitis zur Entstehung einer persistierenden Rachenentzündung beitragen.4 Darüber hinaus können eine Obstruktion der Nasengänge und die damit verbundene Mundatmung sowie Schnarchen eine länger bestehende Rachenentzündung auslösen. Ursachen hierfür sind beispielsweise eine Septumdeviation sowie Nasenmuschelhyperplasie infolge einer Allergie.8, 9 Überdies können klimakterische Schleimhautveränderungen im Rahmen hormoneller Umstellung oder Nebenwirkungen von Medikamenten zu einer chronischen Pharyngitis führen.

Chronische Pharyngitis durch Medikamente

Eine chronische Pharyngitis kann auch als Nebenwirkung bestimmter Medikamente auftreten, vor allem unter Antidepressiva, Antihypertonika, Antihistaminika und Spasmolytika. Sie ist zudem als zentrale Nebenwirkung einer Radiotherapie im Kopf-Hals-Bereich bekannt, meist ausgelöst durch die ausgeprägte Schleimhauttrockenheit aufgrund eingeschränkter Funktionstüchtigkeit der Speicheldrüsen. Bei ausgeprägter Trockenheit der Schleimhäute ohne erkennbare Genese kommen differenzialdiagnostisch auch seltenere Erkrankungen wie ein Sjögren-Syndrom in Frage.10

Symptomatik

Charakteristische Symptome der chronischen Pharyngitis sind Trockenheitsgefühl mit Räusperzwang, Reizhusten, persistierendes Fremdkörpergefühl und Heiserkeit. Weiterhin beschreiben Patienten vielfach den Verhalt zähen Schleimes im Hals, was sich durch wiederkehrende Schluckbeschwerden äußert.

Je nach klinischem Erscheinungsbild werden in der Fachliteratur eine atrophische Form der chronischen Halsentzündung (Pharyngitis sicca) und eine hyperplastische Form unterschieden. Die Pharyngitis sicca stellt sich klinisch mit ausgeprägter Xerostomie sowie enoraler und pharyngealer Schleimhautatrophie dar. Lymphatisches Gewebe ist nur in geringem Maße sichtbar und häufig ebenfalls atrophiert.11

Die hyperplastische Form dagegen manifestiert sich in einer deutlichen Hyperplasie der Schleimhaut, besonders des lymphatischen Gewebes. Je nach Lokalisation der lymphoepithelialen Hyperplasie unterscheiden einige Autoren daher spezifisch zwischen einer Pharyngitis granulosa mit prädominanter Hyperplasie des lymphatischen Gewebes der Rachenhinterwand und der Pharyngitis lateralis mit einer Hyperplasie der Seitenstränge.

Bei der Hals-Nasen-Ohren-ärztlichen Befunderhebung ist eine allgemeine Anamnese und die gezielte Abfrage auslösender Noxen notwendig. Darüber hinaus müssen weitere Faktoren ermittelt werden, unter anderem Allergien, nasale Obstruktion, posteriore Rhinorrhoe, Refluxsymptomatik, Xerostomie und Xerophthalmie.

Spiegelbefundlich können eine Septumdeviation, Rhinitis, Polyposis nasi oder eine Laryngitis gastrica Hinweise auf die Ursache der chronischen Rachenentzündung liefern.

Therapeutische Optionen

In der Fachliteratur finden sich nur wenige systematische Evaluationen therapeutischer Optionen für die Behandlung der chronischen Pharyngitis. Vielfach übertragen die Empfehlungen nichtantibiotische Therapieverfahren einer akuten Pharyngitis auf die chronische Form. Die in klinischen Studien evaluierten Patientenkollektive sind häufig klein, unspezifisch charakterisiert und sehr heterogen, sodass die Übertragbarkeit auf den individuellen Patienten mit chronischer Pharyngitis häufig in Frage zu stellen ist. Die Übertragung therapeutischer Empfehlungen der akuten auf die chronische Pharyngitis ist methodisch sicherlich zu hinterfragen. Auf der anderen Seite ist es jedoch nicht unwahrscheinlich, dass nichtantibiotische Behandlungen mit nachgewiesener Wirksamkeit bei akuter Halsentzündung auch Beschwerden der chronischen Halsentzündung lindern können. Begründen kann man diese Annahme damit, dass Analgesie und entzündungshemmende Effekte wahrscheinlich unabhängig von der Ätiologie wirksam sind und die Beschwerden reduzieren können.3

Die zentralen therapeutischen Ansatzpunkte sind jedoch das gezielte Vermeiden auslösender Noxen und die konsequente Behandlung von Komorbiditäten wie Allergie, Reflux, Sinusitis etc.12, 13

Medikamentöse Optionen

In einem kleinen Patientenkollektiv konnten gute therapeutische Effekte durch die nasale Anwendung topischer Kortikosteroide erreicht werden.12 Daneben können, besonders bei Pharyngitis sicca, die Symptome durch den Speichelfluss anregende Mittel (Sialagoga), die Erhöhung der Luftfeuchtigkeit oder die topische Anwendung von Solelösung gelindert werden.14

Im Vergleich einiger chemisch definierter Mucilaginosa zur Befeuchtung der oralen und pharyngealen Schleimhaut zeigte sich bei Patienten mit akuter Pharyngitis, dass der Verbleib eines Schutzfilms auf der oropharyngealen Schleimhaut unterschiedlich lange ausfiel (Abb. 1).14Auch für Amylmetacresol/Dichlorbenzylalkohol-Lutschtabletten (Strepsils®, Reckitt Benckiser Healthcare Ltd., Slough, UK) wurde eine deutliche Symptomreduktion proklamiert, wobei das Studienkollektiv allerdings lediglich 22 Personen umfasste.15 Eine Studie aus dem Jahr 1986 an einem Kollektiv von knapp 40 Patienten zeigte eine deutliche Symptomreduktion der pharyngealen Beschwerden bei systemischer Anwendung von Flurbiprofen.16

Abb. 1: Verbleib des Schutzfilms auf der oropharyngealen Schleimhaut bei Therapie mit Isländisch Moos, Carbomer, Xanthan, Arabischem Gummi und Hyaluronsäure (Präparat A), Carbomer, Carrageen, Xanthan und Hyaluronsäure (Präparat B), Carbomer, Xanthan und Hyaluronsäure (Präparat C) und Xanthan, Carbomer und Hyaluronsäure (GeloRevoice®, Präparat D); mod. nach14

Auch für alternative Heilverfahren wie Akupunktur oder traditionelle chinesische Heilmittel wurde eine Wirksamkeit hinsichtlich der Symptomlinderung bei chronischer Pharyngitis beschrieben.17, 18 Ein evidenzbasierter Nachweis dafür liegt jedoch bislang nicht vor.

Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass kaum große, randomisierte und kontrollierte Studien existieren. Letztere werden jedoch dringend benötigt, um die therapeutischen Optionen bei chronischer Pharyngitis besser einordnen und bewerten zu können. Auch neue Analyseverfahren wie Machine Learning oder Deep Learning könnten dabei helfen, Patientengruppen besser zu charakterisieren und Subgruppen-spezifische therapeutische Ansatzpunkte zu entwickeln.19

Autoren:
Prof. Dr. med. Ludger Klimek
Präsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen
Zentrum für Rhinologie und Allergologie
Wiesbaden

Dr. med. Annette Sperl

Dr. Ingrid Casper
Zentrum für Rhinologie und Allergologie Wiesbaden

Dr. med. Jonas Eckrich

Dr. med. Jan Hagemann

Dr. med. Laura Freudelsperger
Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Kopf-Hals-Chirurgie
Mainz

1. Kamargiannis N et al.: Chronic pharyngitis is associated with severe acidic laryngopharyngeal reflux in patients with Reinke‘s Edema. Ann Otol Rhinol Laryngol 2011; 120: 722–6


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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