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17. März 2021

Kasuistik

Hyperreagibles Bronchialsystem

Vor allem in der Erkältungs- und Grippesaison werden immer wieder Patienten in der Praxis vorstellig, die nach überstandener Infektion an hartnäckigem Husten leiden. Der folgende Fallbericht zeigt das diagnostische und therapeutische Vorgehen in der Hausarztpraxis.

Der Fall

Eine 73-jährige Patientin kommt wiederholt wegen Hustens in die Sprechstunde. Aktuell: „Ich huste immer noch, aber es ist besser. Soll ich das Spray weiter nehmen?“

Vorgeschichte

Die Patientin ist seit mehr als 40 Jahren in der Praxis bekannt. Sie leidet an fortschreitender Polyarthrose, hatte vor zehn Jahren ein Blasenkarzinom mit anschließender Chemotherapie. Sie zeigt wiederkehrende depressive Verstimmungszustände und hat eine Hypertonie. Dauertherapie: Valsartan 80 mg 1x1, Moxonidin 0,3 mg 1x1, Metoprolol 95 mg 1x1.

Vor vier Wochen stellte sie sich wegen einer akuten Erkältungssymptomatik mit starkem Husten und anhaltendem Hustenreiz ohne Auswurf vor. Die körperliche Untersuchung ergab nichts Auffälliges. Die laborchemische Untersuchung zeigte leicht erhöhtes C-reaktives Protein (CRP) bei sonst unauffälligem Blutbild. Die Patientin erhielt daraufhin Noscapin täglich 2x1, allerdings ohne Erfolg.

Nach drei Wochen stellte sie sich erneut wegen des starken Hustenreizes vor, der sehr quälend, aber ohne Auswurf sei: „Ich huste und huste, aber es löst sich nichts.“ Die Untersuchung ergab auskultatorisch und perkutorisch im Bereich des Thorax weiterhin keinen pathologischen Befund, die Racheninspektion war unauffällig, Lymphknoten nicht vergrößert. Auch sonst war die Patientin unauffällig; Blutdruck 160/75 mmHg, Puls 60/min.

Bewertung

Nach einem akuten grippalen Infekt kam es zu einem anhaltenden, starken und quälenden Hustenreiz, der schon bei geringen Einflüssen, zum Beispiel Einatmen von kalter Luft, provoziert wird. Der Husten ist hart, bellend und meist ohne Auswurf. Der Hustendrang kann besonders beim Schlafen empfindlich stören. Trotz mehrfacher Gabe von Schleimlösern und Antitussiva über Wochen keine Besserung. Wiederholte Untersuchungen, einschließlich Labor und Lungenfunktion, waren unauffällig.

Beratungsergebnis: Bild eines hyperreagiblen Bronchialsystems

Behandlung

Wir verordneten die konsequente Inhalation eines Kortisonpräparates (Budesonid) über mehrere Wochen. Nach 14 Tagen Inhalationstherapie waren die Beschwerden fast abgeklungen. Es erfolgte eine erneute Kontrolle nach 14 Tagen. Meist klingen die Beschwerden vollständig ab. Falls sie jedoch andauern, so ist eine erweiterte fachärztlich-pulmologische Untersuchung angeraten.

Hintergrund: hyperreagibles Bronchialsystem

Der körpereigene Bronchialreflex, der durch Verengung des Bronchialsystems das Abhusten von Fremdkörpern bewirkt, ist bei diesen Patienten unverhältnismäßig stark ausgeprägt. Die Beschwerden treten gerade nach viralen Infekten häufig auf. Die Betroffenen weisen eine erhöhte Empfindlichkeit der Bronchien gegenüber feuchter und kalter Atemluft auf. Weitere Auslöser sind unter anderem Reizstoffe wie Abgase, Feinstaub, Zigarettenrauch, Parfum, Chemikalien, Allergene wie Pollen oder Hausstaubmilben sowie gastroösophagealer Reflux. Es ist meist eine anhaltende leichte Entzündung der Schleimhaut ohne Infektionserreger nachzuweisen.

Autor:
Prof. Dr. med. Hans-Dieter Klimm
Facharzt für Allgemeinmedizin
Kuppenheim


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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