© Ponomariova_Maria iStockphoto

7. November 2022

Erkältungskrankheiten

Was tun bei akutem Husten?

Die Erkältungszeit ist angebrochen. Viele Patienten leiden unter akutem Husten und suchen ärztliche Hilfe. Dr. med. Sabine Gehrke-Beck, Berlin, erklärt, wie sie in ihrer Praxis vorgeht.

Akuter Husten kann sehr quälend sein. Wie gehen Sie diagnostisch vor?

▸▸▸S. Gehrke-Beck: Der erste Schritt ist immer die Anamnese. Da derzeit Menschen mit Infekten auch telefonisch krankgeschrieben werden dürfen, kommen nicht alle Hustenpatienten in die Praxis. Die wichtigsten Indikatoren, um jemand einzubestellen und abzuhören, sind hohes Fieber oder Luftnot. Außerdem Grunderkrankungen, die eine Lungenentzündung wahrscheinlicher machen. Doch meist lässt sich schon anhand der Anamnese – Schnupfen, etwas erhöhte Temperatur, Infekte im Umfeld – sagen, dass es sich bei dem Husten um eine Infektion der oberen Atemwege oder um eine Bronchitis handelt. Beim Abhören ist dann nichts Ergiebiges mehr zu erwarten, eine Antibiotikagabe ist ebenfalls nicht nötig. Wenn die Patienten in die Sprechstunde kommen, dann höre ich sie immer ab, weil die meisten sich das zur eigenen Sicherheit auch wünschen.

Welches sind die häufigsten Erreger bei infektiös bedingtem Husten?

▸▸▸ S. Gehrke-Beck: Das wissen wir nicht. Es sind wahrscheinlich Viren, die aber nicht näher bestimmt werden. Das einzige Virus, das wir jetzt häufiger bestimmen und von dem wir wissen, dass es Husten verursacht, ist SARS-CoV-2. Die vielen anderen Viren, die zirkulieren, können wir nicht bestimmen. Sehr selten kommen auch bakterielle Pneumonien vor. Und auch da bestimmt man bei einer ambulanten Pneumonie nicht, welche Erreger vorhanden sind. Man kann davon ausgehen, dass es meist Pneumokokken sind.

Sehen Sie noch häufig COVID-19-bedingten Husten oder haben sich die neuen Virusvarianten aus Ihrer Erfahrung eher auf die oberen Atemwege verlagert?

▸▸▸S. Gehrke-Beck: Bei COVID-19 ist immer noch Husten mit dabei. Im Akutfall ist das meist nicht so dramatisch. Natürlich gibt es auch viele Patientinnen und Patienten, die zwar nicht unbedingt Long-COVID, aber doch prolongierte Verläufe haben und länger zum Beispiel unter trockenem Husten leiden. Das ist aber auch bei anderen Infekten immer wieder der Fall.

Auf welche Komplikationen/Verschlimmerungen ist zu achten, um eine weitergehende Diagnostik einzuleiten („Red Flags“)?

▸▸▸S. Gehrke-Beck: Es ist besonders bei telefonischen Krankschreibungen wichtig, mit den Patienten zu besprechen, wann sie in die Praxis kommen sollen, um sich abhören zu lassen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn sich die Symptomatik deutlich verschlechtert und Fieber und/oder Luftnot dazukommen. In der jetzigen Situation ist es sinnvoll, auch den Impfstatus abzufragen. Sind die Patienten nicht geimpft, sollte man den schweren Verlauf einer SARS-CoV-2-Infektion mit ihnen besprechen. Wenn es beispielsweise in der zweiten Woche deutlich schlimmer wird, sollten sie zügig ärztliche Hilfe suchen.

Ansonsten versuche ich immer, einen realistischen Ausblick zu geben, denn das Symptom Husten hält oft länger an als andere. Dass der Husten zwei oder drei Wochen dauert, ist kein Grund zur Sorge. Erst nach acht Wochen gilt Husten als chronisch, dann muss man ihn zwangsläufig abklären. Meist rate ich den Patienten, nach vier Wochen in die Sprechstunde zu kommen. Sind sie dann auf dem Weg der Besserung, mache ich keine weitere Diagnostik. Ich überlege, was ich zur Beschleunigung der Heilung tun könnte oder ob es eine Differenzialdiagnose gibt, die man ausschließen sollte.

Der Markt der „Hustenmittel“ ist kaum überschaubar. Was empfehlen Sie Ihren Patienten, um die Beschwerden zu lindern?

▸▸▸S. Gehrke-Beck: Den eindeutigen Beweis, dass irgendein Mittel im klinisch relevanten Ausmaß den Husten tatsächlich so lindert, dass man sagen kann: „Das müssen Sie sich kaufen, sonst wird es nicht schnell genug besser“, den gibt es nicht. Ich frage die Menschen, was sie selbst schon machen. Die meisten nehmen ohnehin etwas ein oder helfen sich mit Hausmitteln. Das meiste davon kann man auch loben und sagen, dass es richtig ist. Wenn jemand konkret fragt, sage ich deutlich, dass nichts erwiesenermaßen wirklich hilft, dass der Husten auch ohne Medikamente vorbeigeht. Letztendlich muss man dem Körper die Möglichkeit geben, den Infekt selbst loszuwerden. Da kann vielleicht auch ein gutes Buch helfen.

Würden Sie auch Antibiotika verordnen? Wenn ja, wann?

▸▸▸S. Gehrke-Beck: Antibiotika gebe ich bei einer bakteriellen Pneumonie mit hohem Fieber und entsprechenden Auskultationsbefunden. Man kann den Patienten zum Röntgen schicken, um den Verdacht zu bestätigen. Da das aber manchmal nicht sofort möglich ist, kann die Behandlung auch auf den dringenden klinischen Verdacht hin begonnen werden. Abgesehen davon verordne ich Antibiotika bei einer bakteriellen Tonsillitis und in Ausnahmefällen bei einer Sinusitis, wenn sie hochfieberhaft ist und starke Kopfschmerzen verursacht. In diesem Fall ist Husten kein Leitsymptom.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Dr. Corina Ringsell

Unsere Interviewpartnerin
Dr. med. Sabine Gehrke-Beck
Institut für Allgemeinmedizin
Charité – Universitätsmedizin Berlin


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
Neueste Artikel
Wie leitliniengerecht wird im Real-World-Setting behandelt?

Therapie der COPD

Für die Behandlung der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) gibt es etablierte Leitlinien, die evidenzbasierte Empfehlungen bei verschiedenen Krankheitsausprägungen aussprechen ...

Akute Atemwegsinfekte mit Halsschmerzen und Husten

Rationale Antibiotikatherapie

Akute Atemwegsinfekte sind häufige Beratungsanlässe in der Hausarztpraxis. Die Mehrheit ist viral bedingt und selbstlimitierend, in bestimmten Fällen können Patientinnen und Patienten ...