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28. Juni 2021

Antworten auf häufige Fragen

Anschlussheilbehandlung und Rehabilitation

Was muss ein Hausarzt über Rehabilitation und Anschlussheilbehandlung seiner Patientinnen und Patienten wissen? Welche formellen Voraussetzungen müssen Ärztinnen und Ärzte, aber auch die Betroffenen berücksichtigen? Wer hat Anspruch auf ein Heilverfahren? Wann greifen Umschulungsmaßnahmen?

Dass die Anschlussheilbehandlung (AHB) und Rehabilitation effektiv und letztendlich auch für das Gesundheitssystem kostensparend sind, wurde in vielen Veröffentlichungen (z.B. „Pilotprojekt Ergebnismessung in der Orthopädie, aktuelle Ergebnisse“ des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf in Kooperation mit Qualitätskliniken.de) gezeigt.

Was ist eine Anschlussheilbehandlung (AHB)?

Die AHB ist eine ganztägig ambulante oder stationäre Leistung zur medizinischen Rehabilitation. Sie kommt nur bei bestimmten Erkrankungen in Betracht und schließt sich unmittelbar (spätestens zwei Wochen nach der Entlassung) an eine stationäre Krankenhausbehandlung an.

Die AHB – speziell im Bereich Endoprothetik für Hüfte/Knie und Schulter – ist und bleibt ein wichtiger Teil unseres Gesundheitssystems. Das Durchschnittsalter endoprothetisch versorgter Patienten verschiebt sich in Richtung unter 70 Lebensjahre und durch die „Baby-Boomer-Jahrgänge“ werden die Operationszahlen in den nächsten Jahren um mindestens 30% steigen.

Wer zahlt eine AHB?

Unter Federführung der Deutschen Rentenversicherung (DRV) wurde der Indikationskatalog für die AHB festgelegt. Im Bereich Orthopädie/Traumatologie ist dies die Indikationsgruppe 04. Sie umfasst in erster Linie alle operativen Verfahren am Bewegungs- und Stützapparat aufgrund von degenerativen Veränderungen oder Traumafolgen. Nachdem die Rentenversicherung der Kostenträger für alle Anschlussheilverfahren für berufstätige Patienten ist, gibt es zu diesem Indikationsbereich eine Ergänzung: die medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR).

Als Kostenträger kommen sämtliche Krankenkassen – natürlich auch Privatkassen – und die Rentenversicherungsträger (DRV Länder und DRV Bund) in Frage. Für alle erwerbstätigen Patienten ist primär die Rentenversicherung als Kostenträger zuständig, auch für Privatversicherte, die in einem gewissen Lebensabschnitt Einzahlungen in die Rentenversicherung geleistet haben.

Wer sichert die Qualität der AHB?

Im Bereich Qualitätssicherung setzt primär die Rentenversicherung die Kontrollstandards. Hier sind vor allem der sogenannte RTS (Reha-Therapie-Standard für Hüfte/Knie/Wirbelsäule), die Patientenbefragung, die Laufzeit der Entlassberichte und das sogenannte Peer-Review-Verfahren zu nennen. Ein interner Qualitätsstandard gilt bei den Kliniken mit regelmäßiger Zertifizierung als gesetzt. Darüber hinaus sind viele Kliniken in weiteren Qualitätsorganisationen aktiv tätig, etwa Qualitätskliniken.de/Berlin.

Was ist der Unterschied zum Heilverfahren?

Zum Heilverfahren werden solche Patienten beim Kostenträger vorgeschlagen, die eine zunehmende Verschlechterung bei degenerativen Veränderungen des Bewegungs- und Stützapparates haben oder an komplexen Funktionsstörungen leiden, die sie zunehmend beeinträchtigen. Ziel der Maßnahme aus Sicht der Rentenversicherung ist es, eine weitergehende Erwerbsminderung zu vermeiden. Für die Krankenkassen geht es vor allem darum, eine weitergehende Pflegebedürftigkeit zu verhindern.

Beide Behandlungsverfahren (Anschlussheilbehandlung und allgemeines Heilverfahren) können sowohl stationär als auch ambulant durchgeführt werden. Welche Form gewählt wird, hängt maßgeblich von der Mobilität des Rehabilitanden ab.

Der richtige Zeitpunkt für den Gelenkersatz

Bei der endoprothetischen Versorgung von degenerativ veränderten Gelenken handelt es sich immer um einen Wahleingriff. Die Patienten spüren genau, wann der Zeitpunkt gekommen ist, an dem die Mobilität gefährdet ist. Dies ist auch der Zeitpunkt, wo sie einer neuen und in der Regel schmerzfreien Situation entgegensehen und die Dinge, die um eine Operation herum passieren, gerne auf sich nehmen.

Wie findet man die richtige Klinik?

Prinzipiell steht jedem Patienten nach dem Patientenrechtegesetz die freie Wahl der Klinik zu. Voraussetzung ist, dass diese Klinik mit dem entsprechenden Kostenträger einen Behandlungsvertrag besitzt. Die Auswahl der Rehabilitationsklinik ist oft beeinflusst durch Weiterempfehlung von Patienten oder Operateuren aufgrund guter Erfahrungen sowie Bewertungen in den entsprechenden Internetforen. Aber auch die Internetauftritte der einzelnen Kliniken verraten viel über das Engagement bezüglich Qualitätsstandards sowie Schwerpunkte.

Für wen ist die stationäre Nachsorge ratsam?

Aus meiner Sicht ist besonders für ältere, aber auch für jüngere Patienten eine stationäre Nachsorge nach endoprothetischer Versorgung von Hüfte/Knie/Schulter dringend angezeigt und effektiv. Gerade durch die rasche Verlegung aus der Akutklinik entstehen zum Teil Aufgaben, die nur im stationären Setting bewältigt werden können (regelmäßige Wundkontrollen, Laborkontrollen, Verlaufsmanagement, gesicherte Thromboseprophylaxe etc.).

Wie sieht das Behandlungskonzept aus?

Bei der stationären Aufnahme in der Rehabilitationsklinik werden die Reha-Ziele zusammen mit dem Patienten definiert. Zudem wird ein flexibles und modulares Therapieregime festgelegt, welches auf evidenzbasierte Grundlagen zurückgreift. Hierzu hat jede Klinik ein von den Kostenträgern anerkanntes Behandlungskonzept. In der Regel besteht die Behandlung aus komplexen manuellen Behandlungsansätzen, koordinativem und gerätegestütztem Muskelaufbautraining (Abb. 1–3) sowie entstauenden Maßnahmen. Darüber hinaus werden edukative Vortrags- und praktische Ausbildungsmodule integriert.

Verantwortlich für das Einleiten und Koordinieren der Nachsorge sind die Rehabilitationskliniken. Dafür stehen – je nach Kostenträger – eine Reihe von Möglichkeiten zur Verfügung.

Was ist IRENA?

Die Rentenversicherungsträger unterstützen ein sogenanntes IRENA (Intensivierte Reha-Nachsorge)-System, das die sportive und therapeutische Nachsorge in bestimmten zugelassenen Zentren ermöglicht. Ansonsten findet die Weiterversorgung über Heilmittelverordnungen statt. Manche Fitnessstudios bieten Reha-Sport als ergänzende freiwillige Maßnahmen an.

Was geschieht bei Berufsunfähigkeit?

Sollte ein Patient nach der Operation seinen ursprünglichen Beruf nicht mehr ausüben können, sind die Rentenversicherer und Berufsgenossenschaften für Umschulungsmaßnahmen verantwortlich.

Muss beim Versorgungsamt ein Antrag auf einen Grad der Behinderung (GdB) gestellt werden, geben die Sozialberatungen der Rehabilitationskliniken fundierte Auskunft und helfen auch beim Ausfüllen der dafür erforderlichen Formulare.

Sport mit Endoprothese − was geht?

Was eine sportliche Betätigung mit Endoprothese angeht, gibt es sehr unterschiedliche Empfehlungen. Prinzipiell ist empfehlenswert, den Operateur und den Rehabilitationsmediziner konkret darauf anzusprechen. Aufgrund ihrer Zusammenarbeit und jahrelanger Erfahrung können sie fundierte Auskünfte geben.

Autor:
Dr. med. Stefan Triebel
Facharzt Orthopädie Facharzt Physikalische und Rehabilitative Medizin Chefarzt Orthopädie
Ärztlicher Direktor
Reha-Zentrum Bad Gögging
Fachklinik Bad Gögging


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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