5. Oktober 2021

COVID-19: Mehr als ein Jahr Homeoffice

Jetzt kommen die Schmerzen

Im März 2020 kam, bedingt durch die Coronavirus-Pandemie, für viele Arbeitnehmer unerwartet die Versetzung ins Homeoffice. Die Mehrzahl von ihnen empfand das Arbeiten im Homeoffice zunächst als Entlastung, da so Privat- und Berufsleben einfacher zu vereinbaren waren. Doch das Homeoffice hat besonders für Rücken und Nacken durchaus Nachteile.

Zwar wurde in einer Umfrage der Zeitgewinn durch den Entfall der Zeit für den Weg zur Arbeit von 85% der Befragten als positiv empfunden.1 Für viele kam die Umstellung von der Arbeit im Büro auf das Homeoffice jedoch unvorbereitet. Die häuslichen Gegebenheiten waren oft noch nicht danach ausgerichtet. Zum Teil saßen die Arbeitnehmer mit Laptop und gebeugter Körperhaltung am Küchentisch auf ungeeigneten Stühlen. Da zunächst auch unklar war, wie lange der Zustand andauern würde, und die Möbelhäuser geschlossen hatten, änderten viele der Homeoffice-Neulinge die Arbeitsbedingungen nur verzögert.

Dazu kam der Bewegungsmangel, da wegen des Lockdowns der tägliche Gang zur Arbeit entfiel und Sport- sowie Rehakurse ausfallen mussten. Für manche Berufstätige war der Gang zum Supermarkt die einzige Bewegungseinheit des Tages.

Aus Homeoffice-Tätigen werden Patienten

Ein Jahr später sind aus vielen Homeoffice-Arbeitern Patienten geworden. Da es sich fast ausschließlich um Bildschirmarbeitsplätze handelt, die ins Homeoffice verlegt wurden, nahmen Schmerzen am Bewegungsapparat, vor allem Nacken- und Schulterschmerzen, aber auch Schmerzen am unteren Rücken zu. Laut einer Forsa-Umfrage vom November 2020 berichtete jeder dritte befragte Beschäftigte im Homeoffice von vermehrten Verspannungen und Schmerzen am Bewegungsapparat.1

Eine Studie, die Auswirkungen eines „nur“ dreimonatigen Lockdowns in der Türkei untersuchte, ergab eine signifikante Zunahme besonders von Schmerzen der unteren Lendenwirbelsäule (LWS) im Vergleich zu der Kontrollgruppe, die weiter ihren Arbeitsplatz im Büro nutzte.

Diese schmerzgeplagten Patienten suchen nun vermehrt die ärztliche Sprechstunde auf. In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich um funktionelle Beschwerden, die mit vermehrten Verspannungen, Triggerpunkten und myofaszialen Verkürzungen einhergehen. Häufig tritt dann zusätzlich ein aufsteigender Spannungskopfschmerz auf. Zudem ist nach Ablauf eines Jahres die Abschwächung der unteren Rückenmuskulatur, besonders im Bereich des lumbosacralen Übergangs, ein häufiges Pro-blem, da die Patienten ihre gewohnten Rückenübungen während der Pandemie meist eingestellt haben.

Auch im Homeoffice aktiv bleiben!

In erster Linie ist es nun wichtig, die Patienten zum Verhalten im häuslichen Büro aufzuklären. Der Arbeitsplatz sollte optimiert werden, indem ein höhenverstellbarer Stuhl empfohlen und der Bildschirm auf die richtige Höhe gebracht wird.

Regelmäßige Übungen für den Bewegungsapparat müssen wieder erfolgen. In einer Lockdown-Situation kann man auf digitale Möglichkeiten (geeignete YouTube-Videos oder angeleitete Rückenübungen) verweisen, die den Patienten Anleitung bieten. Milde, selbst applizierte Wärme ist oft hilfreich. Bei anhaltenden oder stärkeren Beschwerden kann eine osteopathische oder physiotherapeutische Behandlung Linderung bringen.

Nacken- und Rückenschmerzen vorbeugen

Trotz der Nachteile, die das Homeoffice mit sich bringt, möchten die meisten Arbeitnehmer auch künftig zumindest teilweise zu Hause arbeiten, um die größere Flexibilität zu erhalten. Hier ist eine Beratung zu ergonomischen Sitz- und Stehmöglichkeiten, besonders aber zur Kräftigung und Dehnung des Bewegungsapparates erforderlich. Vor allem ist die Motivierung des Arbeitnehmers, die vorgeschlagenen Übungen auch durchzuführen, wichtig.

Inzwischen sind spezielle Übungsprogramme für Computerarbeitsplätze im Homeoffice entwickelt worden. Sie sollen mit funktionellen Fitnessübungen, bestehend aus einer Kombination aus Kräftigung, Dehnung und Aerobic-Einheiten, der verminderten Muskelaktivität, den muskuloskelettalen Beschwerden, aber auch den psychischen Folgen wie vermehrten Angstzuständen und depressiven Verstimmungen entgegenwirken.2

Solche Anstrengungen scheinen vor allem auch deshalb vonnöten zu sein, da vieles dafür spricht, dass sich hybride Arbeitsmodelle mit flexibleren Arbeitszeiten und mehr Freiheiten in der Arbeitsortwahl durchsetzen werden. Hier sind präventive Ansätze gefragt, die einer höheren Krankheitsrate mit vermehrten Beschwerden am Bewegungsapparat vorbeugen können.

KeyPoints

  • Viele Arbeitnehmer möchten auch nach Ende der Homeoffice-Pflicht zumindest teilweise von zu Hause aus arbeiten.

  • Um Nacken- und Rückenschmerzen vorzubeugen, sollten sie hinsichtlich der optimalen Einrichtung des Arbeitsplatzes beraten werden.

  • Zudem sollten sie zu mehr Bewegung motiviert werden. Inzwischen gibt es spezielle Übungsprogramme, um die durch das Homeoffice besonders belasteten Partien zu stärken.

Autorin:
Dr. med. Ute Beckmann
Privatärztliche Praxis für ­osteopathische Medizin
Büdingen
Interessenkonflikte: Die Autorin hat keine deklariert.

1 forsa Politik- und Sozialforschung GmbH: Erfahrungen mit Homeoffice. Ergebnisse einer Befragung unter abhängig Beschäftigten in Bayern. 30. November 2020 (f20.0512/39563 De, Ma)

2 Shariat A et al. Novel stretching and strength-building exercise recommendations for computer-based workers during the COVID-19 quarantine. Work 2020; 66(4): 739–49


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
Neueste Artikel
Axiale Spondyloarthritis

Möglicher neuer Therapieansatz entdeckt

Für die meisten Patienten mit axialer Spondyloarthritis (SpA) gibt es derzeit nur wenig therapeutische Optionen. Und auf die zugelassenen Behandlungen sprechen 40–50% der Patienten nicht ...