© Dennis Johnson

13. Juni 2022

Manuelle Medizin

Nackenschmerzen manuell lindern

Wie viele – oder wenige – Griffe braucht man als absolutes Minimum in der hausärztlichen Praxis, die Manuelle Medizin tagtäglich zur Diagnostik und/oder Therapie einsetzt? Diese Frage führte zu einem Workshop Manuelle Medizin auf der practica in Bad Orb mit dem Titel „Fab Four“. Anhand des Fallbeispiels Nackenschmerz möchte ich Ihnen zwei meiner „Fab Four“-Techniken vorstellen.

Ich möchte Sie einladen, ein wenig in die Manuelle Medizin hineinzuschnuppern. Vielleicht finden Sie die eine oder andere Anregung, die Sie in Ihre Herangehensweise bei Patienten mit Nacken- und Rückenschmerzen integrieren können.

Manuelle Medizin auf eine Formel reduziert?Zu einfach!

MM=Ctx > 2M+W

Werfen wir vorab einen kurzen Blick in die Weiterbildungsordnung, in der es zur Manuellen Medizin heißt: „Die Zusatz-Weiterbildung Manuelle Medizin/Chirotherapie umfasst (…) die Erkennung und Behandlung reversibler Funktionsstörungen des Bewegungssystems mittels manueller Untersuchungs- und Behandlungstechniken.“

Manuelle Medizin kann also synonym zu Chirotherapie verwendet werden (MM=Ctx). Das alleinige Wissen um die verschiedenen Techniken, die zur Manuellen Medizin zählen, reicht dabei zur sorgfältigen Behandlung nicht aus. So bieten die erforderlichen 120 Stunden Grundkurs und 200 Stunden Aufbaukurs Zeit zum gegenseitigen Untersuchen und Üben, bevor man sich bei der Ärztekammer zum kollegialen Fachgespräch anmelden kann.

2M+W beinhaltet sehr vereinfacht drei verschiedene Behandlungstechniken der Manuellen Medizin: die Manipulation, die Mobilisation (2M) und nennen wir es weitere Techniken (W). Zu Letzteren zählen unter anderem Triggerpunkttechniken, Muskeldehnungstechniken und Querfriktion. Manuelle Medizin = Chirotherapie ist also mehr als das Wissen um die Techniken Manipulation, Mobilisation und weitere Techniken. Das Berücksichtigen der Indikation – nämlich die reversible Funktionsstörung – und das Eruieren der Kontraindikationen sind unabdingbar und wichtiger Bestandteil der Weiterbildung in Manueller Medizin.

Frau Müller hat Nackenschmerzen

Ihre Patientin Frau Müller ist Lehrerin (Deutsch, Sport). In unregelmäßigen Abständen sucht sie Sie mit Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich auf. Auch dieses Mal berichtet sie von Verspannungen und der schmerzhaft eingeschränkten Kopfdrehung nach links. Sie erklärt sich beides durch das lange Korrigieren. Das regelmäßige Schwimmen zweimal pro Woche und die wöchentliche Yogastunde kommen seit COVID-19 zu kurz, ein sportlicher Ausgleich fehlt zurzeit.

Frau Müller ist 33 Jahre alt, nimmt keine Medikamente ein, hat keine Vorerkrankungen und keine Voroperationen. Sie bietet keine Kontraindikationen oder „Red Flags“ im Sinne von Fieber, Meningismus, Trauma, Vernichtungskopfschmerz oder neurologischen Ausfallerscheinungen, sodass Sie Ihre Patientin nach der Anamnese untersuchen. Bei der aktiv durchgeführten HWS-Rotation objektiviert sich die Empfindung der einseitig eingeschränkten Beweglichkeit Ihrer Patientin. Sie notieren HWS-Rotation li./re.: 60/0/80, auch die Seitneigung nach rechts ist eingeschränkt und beträgt li./re. 45/0/30. Die Nacken- und Schultermuskulatur stellt sich beidseits tonisiert dar. Insbesondere imponiert rechts ansatznah ein Triggerpunkt des M. levator scapulae, den Sie etwa eine Daumenbreite proximal des Angulus superior der Scapula aufgesucht haben. Dieser schmerzhafte Punkt löst bei Ihrer Patientin ein charakteristisches Ziehen in Richtung rechtes Ohr aus.

Triggerpunktbehandlung des M. levator scapulae (Abb. 1, 1a)

Sie entscheiden sich für eine Triggerpunktbehandlung. Anstelle der ischämischen Technik (Sie drücken auf den Triggerpunkt z.B. für 90 Sekunden oder bis der Tonus unter Ihrer Fingerkuppe abnimmt) wählen Sie eine Technik, bei der sowohl Ihre Patientin als auch Sie arbeiten: Mit Ihrem gedoppelten Daumen drücken Sie auf den Triggerpunkt des rechten M. levator scapulae, während Ihre Patientin kontrolliert ihren Kopf nach links dreht. Nach fünf Wiederholungen kontrollieren Sie erneut die HWS-Rotation im Seitenvergleich und stellen eine Verbesserung fest.

© Dennis Johnson

Abb. 1: Triggerpunktbehandlung des M. levator scapulae

Abb. 1a: M. levator scapulae: begrenzt die Rotation zur Gegenseite, hebt Scapula nach kranial, Seitneigung ipsilateral

Frau Müller fragt Sie, was sie denn selber machen könnte, woraufhin Sie ihr eine Triggerpunkt-Eigenbehandlung für den M. sternocleidomastoideus zeigen. Gerne mitbeteiligt bei Kopfschmerz und Schwindel, verkürzt der M. sternocleidomastoideus hyperton vor allem bei unseren Patienten, die viel sitzen, bei denen bedingt durch Arbeit am Schreibtisch der Kopf immer weiter nach vorne wandert und die HWS eine Flexions- und Translationsbewegung ausführt.

Triggerpunkt-Eigenbehandlung „Zündschlüsselgriff“ (Abb. 2, 2a)

Sie demonstrieren Frau Müller das Vorgehen und leiten Ihre Patientin gleichzeitig an: Die linke Hand arbeitet am rechten M. sternocleidomastoideus, im Anschluss dann die rechte Hand am linken M. sternocleidomastoideus. Mit Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger ihrer linken Hand greift Frau Müller die Sehne ihres rechten M. sternocleidomastoideus ursprungsnah auf, führt eine sanfte Drehung aus (wie wenn man den Zündschlüssel drehen würde – bringt den Muskel somit in eine Vordehnung) und rotiert ihren Kopf kontrolliert ca. fünfmal nach links und rechts. Analog behandelt sie dann mit ihrer rechten Hand den linken M. sternocleidomastoideus. Nach der Eigenbehandlung kontrollieren Sie nochmals die aktive Rotation der HWS im Seitenvergleich. Oft stellen Ihre Patientin und Sie eine Verbesserung des Bewegungsausmaßes fest.

Sie informieren Ihre Patientin, dass sie unter Umständen zunächst muskelkaterartige Beschwerden entwickeln kann, und weisen sie darauf hin, sich bei einer Verschlechterung wieder zu melden. Da es sich bei Frau Müller um eine wiederkehrende Problematik handelt, regen Sie sie im Sinne der Rezidivprophylaxe an, sich wieder regelmäßiger zu bewegen und auch Yoga wieder in den Alltag zu integrieren.

Abb. 2: Triggerpunkt-Eigenbehandlung „Zündschlüsselgriff“

Abb. 2a: M. sternocleidomastoideus: Rotation zur Gegenseite, Seitneigung ipsilateral, bds.: Extension, Flexion und Translation

KeyPoints

  • Stelle gute Indikationen! → Liegt eine reversible Funktionsstörung vor?

  • Qualität statt Quantität! → Auch wenige, dosierte Griffe oder Techniken können viel Gutes tun.

  • Patientenmitarbeit ist wichtig! → Manuelle Medizin kann ein Baustein auf dem Weg zur Heilung oder Linderung sein. Rezidivprophylaxe und Bewegung durch Patienten ist essenziell.

Autorin
Dr. med. Mirjam Schrön
Fachärztin für Allgemeinmedizin, Zusatzbezeichnung: Manuelle Medizin
Miesbach

Interessenkonflikte: Die Autorin hat ihre manualmedizinische Ausbildung beim Bayerischen Ärzteseminar für Manuelle Medizin gemacht und ist aktiv in manualmedizinischer Fort- und Weiterbildung.

Bischoff HP, Moll H. Lehrbuch der Manuellen Medizin. Spitta, Balingen 2018

Gautschi R. Manuelle Triggerpunkt-Therapie

Schünke M, Schulte E, Schuhmacher U. Prometheus Lernatlas der Anatomie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart/New York 2004

Stahlhofer H, Stahlhofer T. Ganzheitliche manuelle Behandlung. Kiener, München 2018


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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