28. Juni 2021

Der interessante Fall

Nervale Komplikationen nach COVID-19

Auch Patienten mit einem milden Verlauf einer COVID-19-Infektion können Langzeitfolgen entwickeln, welche die Lebensqualität der Betroffenen oft stark beeinträchtigen. Häufig kommt es dabei zu neurologischen Komplikationen, wie der folgende Fallbericht zeigt.

Eine mir seit langem bekannte 70-jährige Patientin erkrankte im Februar 2021 an einer SARS-CoV-2-Infektion mit eher mildem Verlauf. Es bestanden Husten, Abgeschlagenheit, Geruchs- und Geschmacksstörungen und ein allgemeines Schwächegefühl, jedoch kein Fieber. Der Ehemann war zeitgleich erkrankt.

Vorgeschichte

Die Patientin hat in der Vorgeschichte keine relevanten Vorerkrankungen. Es besteht Z.n. Hüft-TEP rechts. Die Patientin leidet seit ihrer Kindheit an einer ausgeprägten Beinlängendifferenz mit konsekutiver Skoliose. Eine chronisch entzündliche Darmerkrankung ist bekannt, ansonsten bestehen keine wesentlichen Vorerkrankungen.

Das Problem

Noch während der aktiven COVID-19-Erkrankung begannen starke Schmerzen in der rechten Schulter und im rechten Oberarm. Der Nachtschlaf war schmerzbedingt gestört. Die Schmerzen sistierten nach vier Tagen ohne Therapie. Im Anschluss fiel der Patientin ein Schwächegefühl im rechten Arm auf.

Nach Ablauf der Quarantäne stellte sich die Patientin aufgrund der anhaltenden Schwäche des rechten Arms in meiner ärztlichen Sprechstunde vor.

Körperliche Untersuchung

Bei der klinischen Untersuchung fiel an der rechten Schulter eine ausgeprägte neu aufgetretene Scapula alata (Abb. 1) auf mit Zunahme bei Armelevation und Adduktion rechts. Es bestand zudem eine Hyposensibilität am rechten Oberarm lateral.

Die aktive Bewegung der rechten Schulter betrug für Abduktion/Adduktion 90°–0°–40°, für Flexion/Elevation 90°–0°–40°.

Der Arm konnte aktiv erschwert bis 90° angehoben werden. Die weitere Elevation war nur passiv durch Unterstützung der anderen Hand möglich. Die Adduktionsbewegung bei 90° flektiertem Arm war unmöglich. Die passive Beweglichkeit war schmerzlos frei erhalten. Die Muskulatur schien unauffällig, kein Hinweis auf Muskelatrophien.

Die neurologische Untersuchung durch die neurologische Fachkollegin ergab einen regelrechten Hirnnervenstatus. Bei insgesamt schmächtiger Muskulatur konnten außer der genannten keine weiteren Paresen festgestellt werden. Bei der Elektroneurografie zeigt sich der N. medianus rechts unauffällig in distal-motorischer Latenz (DML) und Amplitude motorischer und sensibler Nervenleitgeschwindigkeit. Die sensible Neurografie im Bereich des Handgelenks sowie die F-Wellen waren ebenfalls unauffällig.

In der Laboruntersuchung zeigten sich keine Entzündungszeichen, CRP war negativ, das Blutbild im Normalbereich. Einzig die AP war mit 126U/l leicht erhöht. Der Borrelientiter war bereits wiederholt negativ gewesen. Der Vit.-D-Wert betrug 32,5ng/ml, Vit. B12864pg/ml. Die SARS-CoV-2-Antikörper waren mit 218U/ml positiv.

Im MRT der Halsweichteile konnte eine Raumforderung im Plexusverlauf oder der Lungenspitze rechts ausgeschlossen werden.

Beratungsergebnis: hochgradiger Verdacht auf eine im Rahmen der COVID-19-Erkrankung aufgetretene Plexusneuritis rechts

Therapie

Therapeutisch wurde die begonnene Substitutionstherapie mit Vitamin D weitergeführt und zusätzlich physiotherapeutische und ärztliche osteopathische Behandlungen veranlasst.

Hintergrund: COVID-19 verursacht häufig neurologische Komplikationen

Eine französische Studie erfasste die Lebensqualität von COVID-19-Patientinnen und -Patienten mit schweren Krankheitsverläufen.1 Dokumentiert wurden die Krankheitsverläufe von 19 Patienten. Alle gaben noch nach drei Monaten einen deutlichen Lebensqualitätsverlust an:

  • 89% klagten über Schmerzen.

  • 47% litten an eingeschränkter Mobilität durch Muskelschwäche.

  • 42% hatten Angstzustände und Depression.

Bei weniger schweren Krankheitsverläufen stehen eher Geruchs- und Geschmacksstörungen, Fatigue-Syndrom sowie Dyspnoe im Vordergrund, die ebenfalls noch nach drei Monaten persistierten, wie in einer niederländisch-belgischen Studie gezeigt wurde.2

Auch ein systematisches Review, das Daten von insgesamt 47.910 Teilnehmern erfasste, zeigte, dass 80% der SARS-CoV-2-Infizierten Langzeitsymptome angaben, wobei die drei häufigsten aus dem neurologischen Fachgebiet stammten. Am häufigsten wurde Fatigue (58%), danach Kopfschmerz (44%) und Aufmerksamkeitsdefizit (27%) angegeben.3 Allerdings kommt es nach der COVID-19-Erkrankung auch zu weniger häufigen, manchmal aber bedrohlichen Erkrankungen.

Der geschilderte Fall, der zum Glück für die Patientin bislang einen gutartigen Verlauf nimmt, zeigt, dass im Rahmen der SARS-CoV-2-Infektion auch bei milden Krankheitsverläufen mit Folgeerkrankungen, besonders aus dem neurologischen Fachgebiet, gerechnet werden muss. Ein erhöhtes Augenmerk auf diesbezügliche Symptome ist daher erforderlich.

Autorin:
Dr. med. Ute Beckmann
Privatärztliche Praxis für osteopathische Medizin Büdingen

1 Valent A et al.: Anaesth Crit Care Pain Med 2020; 39(6): 740–1
2 Goërtz YMJ et al.: ERJ Open Res 2020; 6(4): 00542-2020
3 Lopez Leon S et al.: Res Sq 2021; rs.3.rs-266574; doi: 10.21203/rs.3.rs-266574/v1 (Preprint)


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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