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24. August 2021

Eisenmangel und Eisenmangelanämie

Ein alter Hut?

Der Eisenmangel zählt weltweit zu den häufigsten Nährstoffmangelerscheinungen, nach Daten der WHO sind weltweit mehr als zwei Milliarden Menschen betroffen.1 Entsprechend oft kommen auch Patienten mit einem Eisenmangel in die hausärztliche Praxis. Dabei ist es wichtig, die Symptome zu erkennen und richtig zu interpretieren, um die geeignete Therapie einleiten zu können. Es folgt ein Überblick über die Diagnostik und Therapiemöglichkeiten des Eisenmangels und der Eisenmangelanämie.

KeyPoints

  • Eisenmangel ist weit verbreitet, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer.

  • Da die Symptome unspezifisch sind, wird der Eisenmangel oft erst diagnostiziert, wenn es bereits zur Eisenmangelanämie gekommen ist.

  • Eisenmangel beeinträchtigt die Lebensqualität und die Leistungsfähigkeit der Patienten erheblich.

  • Für die Therapie stehen oral und intravenös zu verabreichende Präparate zur Verfügung.

Mit einer Prävalenz von 16% leiden Frauen besonders häufig an dieser Mangelerscheinung.2 Die Pathophysiologie des Eisenmangels ist vielfältig, die Gründe können physiologische Ursachen sowie unzureichende Eisenaufnahme bis hin zu gastrointestinalen oder operationsbedingten Blutverlusten sein.2 Aber auch chronisch-entzündliche Erkrankungen wie eine Herz- oder Niereninsuffizienz oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn) gehen durch den Hepcidin-vermittelten Eisenmangel häufig mit einer Eisenmangelanämie einher.2, 3

Symptome werden oft übersehen

Ein Eisenmangel beeinträchtigt die körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit der Betroffenen. Sie leiden an Müdigkeit, Kopfschmerzen, Dyspnoe und Schwindel.4 Da diese Symptome jedoch unspezifisch sind, wird der Eisenmangel in der Praxis oft nicht erkannt. Unbehandelt kann der Eisenmangel zur Eisenmangelanämie führen. Es wird geschätzt, dass ein Drittel der Weltbevölkerung von einer Anämie betroffen ist, wobei der Eisenmangel die häufigste Ursache hierfür ist.2 Sowohl der Eisenmangel als auch die Anämie wirken sich negativ auf die Lebensqualität der Patienten aus.5

Labordiagnostik bestätigt Eisenmangel

Die Diagnostik des Eisenmangels und der Anämie erfolgt labordiagnostisch. Zur Untersuchung des körpereigenen Eisenspeichers wird das Serum-Ferritin und für das Maß des Eisenmangels wird die Transferrin-Sättigung bestimmt (Tab. 1). Zur weiteren Bestätigung eignet sich auch die Quantifizierung des löslichen Transferrin-Rezeptors. Das Vorliegen einer Anämie wird über den Hämoglobin-Wert bestätigt und entsprechend in eine leichte, mäßige oder schwere Anämie unterteilt (Tab. 2).

Therapieoptionen: Traditionell oder modern?

Da der Eisenmangel selten als Krankheitszustand wahrgenommen wird, erfolgt die Behandlung oft erst dann, wenn eine Anämie diagnostiziert wurde. Das Therapieziel ist, dem Körper ausreichend Eisen zur Verfügung zu stellen, die Hämoglobinkonzentration zu normalisieren und den Eisenspeicher des Körpers aufzufüllen. Dabei kann die Eisensupplementierung oral oder intravenös erfolgen.5

Stärken und Einschränkungen der traditionellen oralen Eisentherapie

Traditionelle orale Eisenpräparate enthalten Eisen(II)-Salze wie Eisensulfat, Eisengluconat oder Eisenfumarat. Im Patienten- und Praxisalltag stellen diese Präparate eine gewisse Therapieoption dar, denn sie sind bequem zu Hause einzunehmen, preiswert im Vergleich zur intravenösen Eisentherapie, einfach in der Anwendung und weisen ein gut etabliertes Sicherheitsprofil auf.5, 6 Allerdings zeigen Patienten bei diesen Präparaten aufgrund der sehr schlechten Verträglichkeit (häufig gastrointestinale Nebenwirkungen) eine geringe Therapietreue, was den Erfolg der Behandlung gefährdet.5, 6 Zudem ist die Resorption von Eisen(II)-Salzen bei entzündlichen Erkrankungen stark vermindert, diese sollten deshalb nicht bei Patienten mit einer aktiven chronisch-entzündlichen Darmerkrankung angewendet werden.5 Bei Colitis ulcerosa ist die Gabe sogar kontraindiziert.7, 8

Wenn’s schnell gehen soll: intravenöse Eisensupplementierung

Bei Patienten, die ein Präparat mit Eisen(II)-Salzen nicht vertragen oder auf die Behandlung nicht ansprechen, kann eine intravenöse Eisengabe die Eisenspeicher schnell wieder auffüllen.9–11 Der Vorteil ist, dass die intravenöse Therapie auch bei entzündlichen Erkrankungen effektiv ist und sogar bei aktiven Schüben einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung verabreicht werden kann.5, 9 In der Praxis erfordert die Applikation einen Venenzugang und aufgrund der Gefahr einer anaphylaktoi-den Reaktion eine kontinuierliche Überwachung durch geschultes Personal.6 Neben den Kosten für das Präparat führt der zusätzliche personelle Aufwand zu einer wirtschaftlichen und zeitlichen Mehrbelastung sowohl für die Praxis als auch für den Patienten.

Moderne Eisentherapie: gut verträglich und effektiv

Es bestand ein bisher ungedeckter Bedarf an einem gut verträglichen oralen Eisenpräparat, das zudem auch den Hämoglobinspiegel effektiv und schnell normalisiert. Seit 2018 steht mit dem Wirkstoff Eisen(III)-Maltol ein innovatives orales Eisenpräparat zur Verfügung, das zur Behandlung des generellen Eisenmangels und der Anämie bei Erwachsenen zugelassen ist.12 In die Zulassungsstudie wurden Patienten mit chronisch-entzündlicher Darmerkrankung und Eisenmangelanämie eingeschlossen, bei denen eine vorangegangene orale Therapie mit Eisen(II)-Salzen nicht vertragen wurde oder kein Behandlungserfolg zu verzeichnen war.13 Unter Eisen(III)-Maltol stieg das Hämoglobin innerhalb von zwölf Wochen rasch an, wobei ein Drittel der Patienten eine Normalisierung des Hämoglobins erreichte oder einen Anstieg des Hämoglobinwertes um 2g/dl oder mehr zeigte.13 Die Therapie mit Eisen(III)-Maltol war gut verträglich und der normalisierte Hämoglobinwert wurde über einen Zeitraum von 64 Wochen aufrechterhalten.13,14 Neue Daten deuten darauf hin, dass Eisen(III)-Maltol der intravenösen Therapie mit Eisen(III)-Carboxymaltose nicht unterlegen ist.15 Zudem wurde gezeigt, dass eine Eisen(III)-Maltol-Therapie die Notwendigkeit einer Gabe von intravenösen Eisenpräparaten verringert. Dies wirkt sich positiv auf die Therapiekosten und das Zeitmanagement in der Praxis aus.16 Eisen(III)-Maltol ist somit eine moderne, wirksame und gut verträgliche Alternative zu traditionellen oralen Eisen(II)-Salzen für Patienten mit Eisenmangel(-anämie).17

Autorin:
Dr. med. Stefanie Howaldt
MVZ für Immunologie
Hamburg

1 Camaschella C: N Eng J Med 2015; 372(19): 1832–43

2 Lopez A et al.: Lancet 2016; 387(10021): 907–16

3 Gangat N, Wolanskyj AP: Semin Hematol 2013; 50(3): 232–8

4 Stein J et al.: Nat Rev Gastroenterol Hepatol 2010; 7(11): 599–610

5 Cappellini MD et al.: Am J Hematol 2017; 92(10): 1068–78

6 Nielsen OH et al.: Medicine (Baltimore) 2015; 94(23): e963

7 Advanz Pharma. FERSAMAL® (Eisenfumarat) SPC, Mai 2016

8 IntraPharm Laboratories Ltd. Ferrous Gluconate SPC, Juni 2018

9 Vifor Pharma. FERINJECT® (Eisencarboxymaltose) SPC, Dezember 2018

10 PharmaCosmos UK ltd. CosmoFer® (Eisen-(III)-hydroxid-Dextran-Komplex) SPC, Januar 2019

11 Vifor Pharma. VENOFER® (Eisen-Sucrose) SPC, November 2016

12 Norgine GmbH. Fachinformation FERACCRU®, Stand Januar 2021

13 Gasche C et al.: Inflamm Bowel Dis 2015; 21(3): 579–88

14 Schmidt C et al.: Aliment Pharmacol Ther 2016; 44(3): 259–70

15 Howaldt S et al.: Inflamm Bowel Dis 2021;in press

16 Howaldt S et al.: Internist 2021; 62: 147–202

17 Khoury A et al.: Ann Pharmacother 2021; 55(2): 222–9


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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