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7. September 2021

Diabetes mellitus Typ 2

Therapie für betagte Patienten anpassen

Die Therapie geriatrischer Patienten mit Diabetes hat einen hohen Stellenwert im Praxisalltag. Dabei ist zu beachten, dass sich im Alter die individuellen Bedürfnisse der Patienten aufgrund möglicher motorischer und kognitiver Einschränkungen sowie Komorbiditäten ändern. Das heißt, dass auch die Anforderungen an die Diabetestherapie andere sind als bei jüngeren Patienten.

Aktuell sind rund 25% der über 75-Jährigen in Deutschland an Typ-2-Diabetes (T2D) erkrankt.1 Die steigende Zahl älterer Patienten mit Typ-2-Diabetes stellt Behandler und Praxisteams vor Herausforderungen. Während in jüngeren Jahren der HbA1c-Wert zentrales Element der Therapiesteuerung ist, stehen im Alter eine einfach anzuwendende Therapie, der Erhalt der Selbständigkeit und eine gute Lebensqualität im Vordergrund.1 Die Anpassung der Therapie ist dabei bestimmt von der Konstitution, möglichen altersbedingten Einschränkungen und Komorbiditäten des Patienten.

Partizipative Entscheidungsfindung: Ziele gemeinsam festlegen

Um die Therapie differenziert zu planen, hat sich das Konzept der partizipativen Entscheidungsfindung bewährt, das auch die aktuelle Nationale Versorgungsleitlinie empfiehlt.2 Bei älteren Menschen mit Diabetes ist dieser patientenzentrierte Ansatz ebenfalls sinnvoll.

Die erste Frage sollte daher immer lauten: „Welchen Patienten mit welchen Bedürfnissen habe ich vor mir?“ Ein 75-jähriger Mensch kann körperlich und geistig fit sein und die selbständige Umsetzung seiner Therapie gut im Griff haben. Er benötigt in der Regel weniger Unterstützung als ein Gleichaltriger mit einem reduzierten Sehvermögen, zunehmender Vergesslichkeit und Verständnisproblemen. Für diese Patienten muss die Therapie besonders einfach sein, die gemeinsam festgelegten Therapieziele sollten realistisch sein. Keinesfalls sollte durch zu ambitionierte Ziele Druck auf den Patienten ausgeübt werden. So lässt sich in vielen Fällen ein Weg finden, der eine gute Lebensqualität ermöglicht und vom Patienten mitgetragen wird.

Schwerpunkt: Hypoglykämien vermeiden

Neben einer guten Lebensqualität wird es im Alter immer wichtiger, Hypoglykämien zu vermeiden, da diese für geriatrische Patienten besonders gefährlich sind. Sie erhöhen das Sturzrisiko, können sich negativ auf die Gedächtnisleistung auswirken und das Entstehen einer Demenz fördern. Zudem können sie die Motorik beeinträchtigen und die Gefahr von Herz-Kreislauf-Krankheiten bis hin zum Herzinfarkt steigern. Besonders tückisch dabei: Wenn Patienten schon lange mit Diabetes leben, sinkt die Wahrnehmungsschwelle für niedrige Glukosewerte. Außerdem benötigt der Körper im Alter länger, um den Blutzucker wieder ansteigen zu lassen. Um dem entgegenzuwirken, kann ein individuell höherer HbA1c-Zielwert als bei jüngeren Menschen sinnvoll sein. Darüber hinaus ist es ratsam, ältere Patienten regelmäßig für typische Symptome wie Herzrasen oder Schwindel und die Bedeutung einer regelmäßigen Kontrolle der Blutzuckerwerte zu sensibilisieren.

Abb.: Inzidenzraten des Diabetes in Deutschland im Jahr 2012 bei GKV-Versicherten nach Alter und Geschlecht1

Multimedikation verfälscht Messergebnisse

Geriatrische Patienten mit Diabetes leiden oft an schwerwiegenden Komorbiditäten wie Nierenerkrankungen, fortgeschrittener Herzinsuffizienz oder Depressionen, für die sie unterschiedliche Medikamente benötigen.3 Zudem können Therapien zur Blutdrucksenkung und Regulierung zu hoher Blutfettwerte notwendig sein. Eine Multimedikation kann aber das Risiko von Messfehlern beim Bestimmen des Blutzuckers erhöhen. Die Ursache hierfür sind bestimmte Substanzen, die die elektrochemischen Prozesse stören, auf denen die meisten Blutzuckermessgeräte basieren. Deshalb ist es Vorgabe der ISO-Norm BS EN ISO 15197:2015-12, dass Hersteller die mögliche Interferenz solcher Substanzen prüfen und so die Messgenauigkeit ihrer Produkte nachweisen.4 Die Liste umfasst allerdings nur 24 Wirkstoffe, was der Lebensrealität älterer, multimorbider Patienten oft nicht gerecht wird. So finden sich bestimmte Antihypertensiva, Antiarrhythmika, Antidepressiva oder Arzneimittel zur Regulierung des Lipidstoffwechsels nicht in den Vorgaben der ISO-Norm. Um falschen Therapieentscheidungen aufgrund irreführender und ungenauer Messwerte vorzubeugen, ist eine enge Abstimmung zur Medikation zwischen Hausärzten und Diabetologen essenziell.

Des Weiteren ist die Wahl des passenden Blutzuckermessgeräts wichtig: Es sollte einfach zu bedienen sein und ein gut lesbares Display mit großen Zahlen haben (z.B. Accu-Chek® Instant, das außerdem auf ein Vielfaches der geforderten Störsubstanzen getestet wurde).5 Kommt der Patient gut mit seinem Messgerät zurecht, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass er regelmäßig misst und dabei weniger Fehler macht.

Im Alter die Adhärenz steigern – aber wie?

Neben der partizipativen Entscheidungsfindung und der Wahl des passenden Blutzuckermessgeräts kann ein Faktor die Adhärenz stark beeinflussen: Empathie. Oft neigt man als Behandler dazu, besonders älteren Menschen zu sagen, was sie zu tun haben. Man sollte sich aber immer wieder vor Augen führen, wie es sich anfühlt, wenn Dinge, die einst selbstverständlich waren, nicht mehr klappen. Dies kann tiefgreifende Folgen für das Selbstvertrauen, die Lebensfreude und damit die Motivation für die Umsetzung der Therapie im Alltag haben. Deshalb lohnt sich ein differenzierter Blick, welche Aspekte der Therapie noch gut funktionieren und an welchen Stellen Unterstützung gefragt ist, ohne dass der Betroffene das Gefühl hat, entmündigt zu werden.

Wenn zum Beispiel der HbA1c-Wert zwar nicht ideal, aber tolerierbar ist, kann Wertschätzung ein starker Antrieb für adhärentes Verhalten sein. Wenn Medikamente oder Messungen vergessen werden und Patienten mit ihrer Therapie überfordert sind, ist es Aufgabe des Behandlers, gezielt für Entlastung zu sorgen. Das können einfache digitale Lösungen sein, die beispielsweise zur richtigen Zeit an die Tabletteneinnahme erinnern, oder man bezieht die Familie oder Pflegekräfte mit ein und sorgt so dafür, dass geriatrische Patienten sich nicht alleingelassen fühlen.

Autor:
Dr. med. Oliver Schubert-Olesen
Facharzt für Innere Medizin
Diabetologie (ÄK)
Rettungsmedizin
Verkehrsmedizinische Begutachtung
Diabeteszentrum Hamburg City

1Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Deutscher Gesundheitsbericht 2021, S.10

2Nationale Versorgungsleitlinie Typ-2-Diabetes. Version 1. 2021

3Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): S2k-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Alter (2018)

4BS EN ISO 15197:2015-12. Testsysteme für die In-vitro-Diagnostik – Anforderungen an Blutzuckermesssysteme zur Eigenanwendung bei Diabetes mellitus; Beuth Verlag, Berlin, 2015

5Parkin C G et al.: J Diabetes Sci Technol 2017; 11(1): 74–82


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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