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26. November 2021

Splitter, Säure, Sportunfall und Feuerwerk

Fortschritte in der Behandlung von Augenverletzungen

In unserer visuell geprägten Umwelt ist das Auge das wichtigste und gleichzeitig das empfindlichste Sinnesorgan. Dass, wenn etwas ins Auge geht, dies von einer Sekunde zur nächsten unser Leben verändern kann, scheint uns heute allerdings weniger bewusst zu sein, denn: Rund 90% der Augenverletzungen wären durch Augenschutz und richtiges Verhalten zu vermeiden.

Wir gehen derzeit von etwa 300.000 Augenverletzungen pro Jahr in Deutschland aus, davon 15% mit schweren und 5% mit sehr schweren Auswirkungen. Dazu gehören rund 3.200 augapfeleröffnende Verletzungen und etwa 200 schwerste Verätzungen. Die Grenze zwischen leichten und schweren Verletzungen zu erkennen, ist manchmal schwierig, wie das folgende Beispiel zeigt.

Der Fall:

Ein 22-jähriger Bundeswehrsoldat verletzte sich bei einer Geländeübung durch einen zurückschnellenden Tannenzweig am Auge. Wegen Schmerzen suchte er einen Allgemeinarzt auf, der keine Augenverletzung feststellte. Tags drauf hielten die Schmerzen an, er suchte nun einen Augenarzt auf, der ebenfalls keine Verletzung feststellte. Die Schmerzen hielten weiter an, so dass der Soldat einen weiteren Augenarzt aufsuchte, der eine Endophthalmitis aufgrund einer übersehenen Skleraperforation feststellte. Das Auge konnte trotz mehrfacher Operationen nicht gerettet werden, es erblindete an der Infektion.

Jede Augenverletzung sollte vom Augenarzt untersucht werden

Jede Augenverletzung sollte daher möglichst umgehend von einem Augenarzt untersucht werden. Nur am Untersuchungsmikroskop kann entschieden werden, ob es sich um eine leichte oder eine ernsthafte Verletzung handelt. Gut 85% der Augenverletzungen sind leicht und können meist ambulant behandelt werden. Zu diesen leichten Verletzungen gehören im Wesentlichen Hornhautfremdkörper, die etwa 40% der Augenverletzungen ausmachen. Oft handelt es sich dabei um Eisensplitter, deren Rost in kürzester Zeit die Hornhaut dauerhaft verfärben kann und die deshalb rasch entfernt werden müssen. Ein Rosthof muss ausgebohrt werden.

Sonstige oberflächliche Bindehaut- oder Hornhautverletzungen machen 32% der Augenverletzungen aus. Tückisch sind Hornhauterosionen durch Blattspitzen oder Fingernägel, da winzige organische Partikel auf der erodierten Hornhautoberfläche verbleiben können. Diese werden zunächst von Epithel überdeckt, das nach einigen Wochen aber wieder aufplatzt. In solchen Fällen rezidivierender Hornhauterosionen kann eine phototherapeutische Keratektomie zur dauerhaften Heilung führen. Dabei trägt man mit Hilfe eines Excimerlasers Epithel mitsamt des oberflächlichen Stromas und der Partikel ab. Zu den leichteren, ambulant behandelbaren Augenverletzungen zählen auch leichte Verätzungen (7%) und Prellungen (2%).

Zu den übrigen leichten Verletzungen (11%) ist auch die Photokeratitis zu zählen. Etwa sechs bis acht Stunden, nachdem sich der Patient ultravioletten Strahlen, beispielsweise auf einem Gletscher, zur See oder beim Schweißen, ausgesetzt hat, treten meist beidseits sehr starke Schmerzen auf, kombiniert mit heftigem Tränenfluss und Augenrötung. Der Arzt findet bei der Spaltlampenuntersuchung eine diffuse Schädigung des Hornhautepithels. Die Entzündung klingt unter heftigen Schmerzen nach weiteren 24 Stunden wieder ab.

Erstmaßnahmen bei schweren Verätzungen

Unter den 15% schweren Verletzungen sind Verätzungen und den Augapfel eröffnende Verletzungen am problematischsten. Insbesondere Verätzungen können zur Erblindung gleich beider Augen führen. Hier können die Maßnahmen des Ersthelfers in den ersten Minuten dazu beitragen, dass das ätzende Agens gleich weitgehend eliminiert wird und nicht zu tief in das Auge eindringt.

Die bei Augenverätzungen involvierten Substanzen haben sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt: Neben Kalk und Natronlauge sind heute Industriereiniger, hochkonzentrierte Waschmittel und Flusssäure häufiger die Ursache schwerer Verätzungen. Immer sollten alle möglicherweise ätzenden Partikel zunächst mechanisch aus den Bindehautfalten entfernt werden, dann sollte sogleich, bis zum Eintreffen des Krankenwagens, ausgiebig mit Wasser oder vorhandenen Speziallösungen gespült werden. Es sollte nach Möglichkeit von innen nach außen gespült werden, insbesondere sollte die Spüllösung nicht vom verletzten Auge auf die eventuell unverletzt gebliebene Seite hinüberlaufen. Wenn anschließend in der Klinik noch 15 Minuten mit einer hypertonischen Spüllösung (z.B. Previn®) gespült wird, so reduziert sich die Rate an schweren Verätzungen um 75%. Diese Erstbehandlung noch am Unfallort hat also für den funktionellen Ausgang gerade nach schweren Verätzungen eine große Bedeutung! Bei nicht ausreichend gespülten Augen ist die anschließende stationäre Behandlung oft sehr mühsam und langwierig. In der Klinik wird die Spülung über 24 Stunden noch wiederholt durchgeführt. Oft sind im weiteren Verlauf wiederholte chirurgische Eingriffe nötig, um eine funktionsfähige Hornhaut oder Bindehaut wiederherzustellen, zum Teil noch Jahre später.

Mechanische Augenverletzungen

Augenverletzungen, besonders Augapfelprellungen, können zunächst scheinbar glimpflich verlaufen, im Laufe von Jahren dennoch zu sekundären Komplikationen wie Glaukom, Katarakt oder Netzhautablösung führen. Man rechnet, dass etwa 10% der Augapfelprellungen solche Komplikationen nach sich ziehen.

Die Behandlung augapfeleröffnender Verletzungen richtet sich nach Art und Ausmaß der Verletzung und erfolgt in der Regel in zwei Schritten. Initial erfolgt ein Wundverschluss, um ein „wasserdichtes“ Auge wiederherzustellen. Dabei werden auch bereits umschriebene interne Rekonstruktionen, ggf. auch eine Fremdkörperentfernung vorgenommen. Die weitere Rekonstruktion, besonders der schwerstverletzten Augen, sollte zeitnah in einem Fenster von etwa 100 Stunden erfolgen. Wurden vor 40 Jahren schwerverletzte Augen ohne Lichtwahrnehmung noch aus Sorge vor sekundären Entzündungen des nicht verletzten Auges (sympathische Ophthalmie) entfernt, können wir heute durch eine sehr sorgfältige und geduldige Rekonstruktion in einem Teil der Fälle sogar wieder ein zumindest orientierendes Sehvermögen erreichen. Für eine solche Rekonstruktion unter dem Mikroskop braucht allerdings auch der erfahrenste Augenarzt mehrere Stunden. Nicht zuletzt, weil u. a. durch eine bessere Prävention am Arbeitsplatz, im Auto und beim Sport die Zahl augapfeleröffnender Verletzungen in den letzten 30 Jahren um etwa ein Drittel zurückging, können solche Rekonstruktionen nur noch von einem Teil der Augenchirurgen durchgeführt werden.

Oft sind weitere Operationen von verletzungsbedingten Komplikationen in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten erforderlich. Auch Jahre nach einer ernsteren Verletzung können Folgeerkrankungen wie eine Katarakt, ein sekundäres Glaukom oder eine Netzhautablösung auftreten. Auch wenn nur eine eingeschränkte Funktion zu erwarten ist, ist in jedem Fall eine möglichst sorgfältige Rekonstruktion des verletzten Auges lohnend. Bei der heutigen Lebenserwartung ist damit zu rechnen, dass im 85. Lebensjahr eine visusbedrohende Makuladegeneration mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 50% auftritt, so dass der betroffene Patient spätestens dann auf das verletzte Auge angewiesen sein könnte.

Vorbeugung von Augenverletzungen

Über 90% der Augenverletzungen wären vermeidbar, wenn einfache Sicherungsmaßnahmen befolgt würden. Besonders die Berufsgenossenschaften haben dafür gesorgt, dass in den letzten 120 Jahren der Anteil der Arbeitsunfälle an Augenverletzungen von etwa 80 auf unter 30% gesunken ist. Dass Appelle und Gesetze, den Körper und die Augen durch Anlegen des Sicherheitsgurtes vor Verletzungen zu schützen, weniger fruchten als Zwangsgelder, zeigte die Einführung des Bußgeldes für Gurtmuffel 1984. Erst damit gelang es, innerhalb von zwei Jahren die Zahl der Augenverletzungen im Straßenverkehr um 90% zu senken.

Heute machen uns Augenverletzungen im Sport und Freizeitbereich die größten Sorgen. Eine Verpflichtung zum Augenschutz, wie etwa in nordamerikanischen Squashcentern, ist bei uns wenig verbreitet. Hier ist die Eigenverantwortlichkeit jedes Einzelnen gefragt, einer Verletzung vorzubeugen. Bei Fuß- und Basketball sehen wir weniger Verletzungen durch den Ball als Verletzungen durch Ellenbogen oder Finger der Gegen- oder Mitspieler. Motorbetriebene Geräte für die Werkstatt und den Garten sollten am besten nur mit geeignetem Augenschutz und Sicherheitshandschuhen verkauft werden können.

Feuerwerksverletzungen

Aus augenärztlicher Sicht sollte Feuerwerk nur von Profis abgebrannt werden, wir beobachten zum Jahreswechsel zu viele Verletzungen, besonders an Augen und Händen, gerade auch bei Zuschauern und jungen Menschen. In einer Übersicht aus 1.878 ausgewerteten Augenverletzungen der letzten vier Jahre waren Kinder und Jugendliche zu 39% betroffen, obwohl sie nur 16,5% der Bevölkerung ausmachen (Stand 2019), 17% der jungen Menschen hatten auch Handverletzungen. 50 bis 60% der Verletzungen betrafen Zuschauer, die das Feuerwerk nicht selbst gezündet hatten. War eine stationäre Behandlung nötig (dies war bei einem Drittel der erfassten Verletzten der Fall), so führte dies zu einer Arbeitsunfähigkeit von durchschnittlich 24 Tagen, die wieder erreichte Sehschärfe betrug im Mittel 0,2. In Holland verkürzte man zum Jahreswechsel 2016/2017 die Zeit, in der private Feuerwerke gezündet werden dürfen, und erreichte eine Halbierung der Verletztenzahlen. In Finnland hat ein Verbot von Knallkörpern zu einer nahezu vollständigen Reduktion von begleitenden Handverletzungen bei Kindern und Jugendlichen geführt. In welchem Ausmaß das Verkaufsverbot von Feuerwerk zum letzten Jahreswechsel 2020 auf 2021 zu einem Rückgang an Verletzungen geführt hat, müssen die diesjährigen Auswertungen noch zeigen.

KeyPoints

  • 90% der Augenverletzungen wären vermeidbar.

  • 5% der Augenverletzungen führen häufig zu einer lebenslangen Behinderung.

  • Wie stark diese die Berufsfähigkeit und das private Leben beeinträchtigt, hängt wesentlich davon ab, welche Teile des Auges betroffen sind, wie schnell und wie umfänglich die Behandlung erfolgt.

  • Komplikationen aus solchen Verletzungen können zum Teil noch nach Jahren auftreten.

Autor:
Prof. Dr. med. Wolfgang Schrader
Chefarzt der Abteilung für Augenheilkunde an der Rotkreuzklinik Würzburg;
Augenzentrum Würzburg;
Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Traumatologie der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft

Interessenkonflikte:
Der Autor hat keine deklariert.

beim Verfasser

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