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7. September 2021

Oft genügt ein Blick

Hautveränderungen

Warum ist gerade bei kranken Kindern oftmals schon der erste Blick besonders zielführend für die Diagnostik oder die Beurteilung des Schweregrads? Einerseits sind während der Kindheitsjahre die Möglichkeiten, eine Eigenanamnese zu erheben, oft eingeschränkt. Andererseits ermöglichen typische Effloreszenzen der exanthematischen Kinderkrankheiten häufig eine Blickdiagnostik. Machen wir uns also auf zu einer Seh-Reise durch einige Felder der Pädiatrie.

Dieser Artikel möchte Ihnen ebenso Seh-Lese-Vergnügen bereiten wie Nutzbringendes vermitteln für den an visuellen Eindrücken reichen Praxisalltag mit Kindern.

Bereits die Neugeborenen-Phase ist nicht frei von leicht „erblickbaren“ Krankheiten, die akutes Handeln erfordern. Zum Beispiel ein meist durch eine Unverträglichkeit im AB0-System bedingter Ikterus neonatorum (Abb. 1). Heute durch Phototherapie meist leicht beherrschbar. Diagnostisch und therapeutisch mehr Probleme bereiten „blaue Babys“, hinter deren Zyanose sich meist ein zyanotischer Herzfehler verbirgt.

Am dringlichsten einer Abklärung bedürfen die toxisch aussehenden Kinder (Abb. 2), nicht nur im Neugeborenenalter. Diese bedrohliche Blässe ist Leitsymptom vieler Krankheiten von der Sepsis über Stoffwechselerkrankungen bis zu Krankheiten des Magen-Darm-Traktes, der Leber, der Niere oder des ZNS sowie für Schädigungen durch verschiedene Noxen. Daher gilt es vielerlei rasch abzuklären, um eine zielgerichtete Therapie einleiten zu können.

Akute Krankheiten des Säuglings- und Kleinkindalters

Hochfiebernd, mit deutlich reduziertem Allgemeinzustand, „so schwer krank war unser Kind noch nie“ (Abb. 3) – Alltag in jeder hausärztlichen Praxis. Gerade, wenn zielführende weitere Symptome fehlen und häufige Krankheiten wie Otitis media oder Bronchopneumonie ausgeschlossen werden können, muss immer auch an eine Harnwegsinfektion und eine Meningitis gedacht werden.

Bei Kleinkindern besonders gefährlich und weltweit die häufigste Todesursache in diesem Lebensabschnitt sind Exsikkose-Zustände, die sofortiger Rehydrierung bedürfen.

Hautblutungen im Kindesalter

Petechiale Blutungen (Abb. 4) – oft im Schulterbereich – haben eine jährliche Prävalenz von 6 bis 8:100.000. Ihre häufigste Ursache ist eine akute Immunthrombozytopenie, vor allem die postinfektiös autoimmun induzierte Form, die idiopathische thrombozytopenische Purpura (ITP). Nach einer Masernerkrankung ist bei 1:20.000 Fällen, nach einer MMR-Impfung in 1:40.000 mit einer ITP zu rechnen.

Die exanthematischen Kinderkrankheiten

Zwar sind sie durch meist konsequent umgesetzte Impfprogramme selten geworden, teilweise ins Erwachsenenalter verlagert, dennoch bleibt der Begriff „Ausschlag“ im Kindesalter mit diesen früher klassischen Krankheitsbildern der „Kinderkrankheiten“ verbunden.

Exanthema subitum

Oft das erste fieberhafte Kranksein eines Kindes ist im Alter von 6 bis 24 Monaten das durch Herpesviren des Typs 6 (oder 7) verursachte Exanthema subitum oder Roseola infantum (Abb.5), im Volksmund „Drei-Tage-Fieber“ genannt. Eine gute Gelegenheit, an dieser meist unkompliziert verlaufenden Krankheit sowohl auf das Exanthem als „Morgenröte der Genesung“ hinzuweisen als auch auf den sicheren Schutz, den Impfungen vor anderen, weniger harmlos verlaufenden Kinderkrankheiten schenken.

Windpocken

Die vom Herpes-Zoster-Varizella-Virus (Typ 3) verursachten Windpocken (Abb.6) können sowohl intrauterine (Embryo-Fetopathien) wie frühe (Lunge, Groß- und Kleinhirn) sowie späte (Herpes-Zoster-)Komplikationen induzieren. Das Exanthem mit juckenden Papeln, Vesikeln und Krusten – vor allem am Kopf und Stamm – ist unverkennbar.

Hand-Fuß-Mund-Krankheit

Die ebenfalls intradermalen Bläschen der durch Enteroviren der Gruppe A (meist Coxsackie A) induzierten Hand-Fuß-Mund-Krankheit (Abb.7) treten distal auf, regelmäßig begleitet von einer Stomatitis mit Herpangina (Abb. 8). Diese behindert zwar acht Tage sehr lästig die Nahrungsaufnahme, verläuft aber meist ohne Komplikationen.

Masern

Unverkennbar aufgrund der Schwere des Krankheitsbildes sind die Masern (Morbilli, Abb. 9). Bei hohem Fieber fließt meist alles: Tränen, Speichel, Nasen- und Bronchialsekret, und das bereits Tage bevor das typische Exanthem im Gesicht beginnt, um am Körper abwärtszufließen. Zu Recht gefürchtet sind die Lungen- und Hirnkomplikationen, die bei einem von 500 bis 2.000 Erkrankten letal verlaufen, ebenso die Immunamnesie und die Spätkomplikation der subakuten sklerosierenden Panenzephalopathie.

Ringelröteln

Komplikationslos verlaufen dagegen meist die vom Parvovirus B19 verursachten Ringelröteln (Erythema infectiosum, Abb. 10). Da bei dieser Krankheit mit dem Aufflammen des Exanthems die Infektiosität endet, müssen keinerlei Isolierungsmaßnahmen eingeleitet werden. Auch Schwangere brauchen dann den Kontakt nicht mehr zu meiden. Kommt es allerdings während der Gravidität zu einer Erstinfektion, kann dies in etwa 9% der Fälle eine Fehlgeburt auslösen.

Röteln

Bei einer Ersterkrankung mit Röteln (Rubeola, Abb.11) während der Schwangerschaft treten immer noch etwa 50-mal pro Jahr Embryo-/Fetopathien auf. Eine zweifache Impfung verhindert diese Komplikation.

Mumps

Auch die Mumps, die durch eine Entzündung aller exokrinen Drüsen charakterisiert ist (Parotitis epidemica, Abb. 12), ist keinesfalls harmlos: Bei postpubertärer Infektion führt sie häufig zu Fertilitätsstörungen infolge einer Orchitis oder Ovariitis.

Exantheme im Mund und Rachen

Abschließend sei der Blick in den Mund gerichtet. Scharlach (Scarlatina, Abb. 13) ist die exanthematische Verlaufsform von einigen vor allem im Alter von 3 bis 13 Jahren auftretenden Streptokokkenanginen. Der typische Ausschlag wird von einem erythrogenen Toxin induziert, das einige Streptokokkenstämme bilden. Dank konsequenter Antibiose sind die früher gefürchteten Komplikationen an Herz, Niere und Gelenken fast verschwunden.

Ganz anders beim Pfeifferschen Drüsenfieber (Mononucleosis infectiosa, Abb. 14), das durch das Herpesvirus 4 (EBV-Virus) verursacht wird. Es betrifft fast ausschließlich Jugendliche und junge Erwachsene und ist wegen seiner vielfältigen Komplikationen (Leber, Niere, Herz und Hirn) gefürchtet.

Kindheit und Jugend, dieser Lebensabschnitt schenkt uns Ärzten besonders häufig den Erfolg der raschen Blickdiagnostik, dazu regelmäßig die Freude beim Blick auf die unvergleichliche Ästhetik sich gesund entwickelnder Kinder.

Autor:
Dr. Ulrich Enzel
Kinder- und Jugendarzt, Allergologe
Schwaigern

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