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29. April 2021

Aktuelles zu Sonne und Vitamin D

Sonne auf der Haut: ein Plus für die Gesundheit

Das Gefühl von Sonne auf der Haut verbinden viele Menschen mit einem positiven Lebensgefühl. Dass zu viel davon schädlich ist, ist bekannt, weshalb sich vor allem empfindliche Menschen und kleine Kinder vor zu starker Sonneneinstrahlung schützen sollten. Ganz meiden soll man die Sonne aber nie, denn die UV-Strahlung ist für eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung von zentraler Bedeutung.1, 2

Wie in der Literatur gut belegt ist, werden hierzulande nur etwa 10 bis 20% des Vitamin-D-Bedarfs über die Ernährung gedeckt.1,2 Etwa 80 bis 90% dieses vom Körper benötigten Pro-Hormons müssen durch UV-B-Einwirkung in der Haut synthetisiert werden.1, 2 Aufgrund unserer Lebensbedingungen („Western Lifestyle“) besonnen wir unsere Haut allerdings nicht ausreichend, um einem Vitamin-D-Mangel vorzubeugen. So belegen aussagekräftige Studien, dass selbst im Sommer mehr als 60% der deutschen Bevölkerung (über alle Alters- und Bevölkerungsgruppen) einen manifesten Vitamin-D-Mangel (definiert als 25-Hydroxyvitamin-D-Serumkonzentration <20ng/ml) aufweisen.2 In der dunklen Jahreszeit (September bis März) ist es aufgrund des geringen UV-B-Anteils kaum möglich, mit Hilfe der natürlichen Sonnenstrahlen VitaminD in der Haut zu bilden.1, 2

Lebensjahre gewonnen, Kosten eingespart

Die gravierenden Auswirkungen des Vitamin-D-Mangels für unsere Gesundheit wurden in mehreren Veröffentlichungen, darunter auch eine aktuelle Publikation des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg, verdeutlicht.3–8 Darin wurden die Ergebnisse von drei Metaanalysen klinischer Studien9–11 evaluiert, zusammengefasst und in einer Modellrechnung auf die Situation in Deutschland übertragen.6 Diese Metaanalysen hatten gezeigt, dass eine Vitamin-D-Supplementierung mit einer Verringerung der Sterberate an Krebs um etwa 13% einherging. In ihrer Modellrechnung zeigten die Wissenschaftler des DKFZ, dass durch eine bessere Vitamin-D-Versorgung aller über 50-Jährigen in Deutschland möglicherweise nicht nur bis zu 30.000 Krebstodesfälle pro Jahr vermieden, sondern dadurch auch mehr als 300.000 Lebensjahre gewonnen werden könnten.6–8 Darüber hinaus wäre mit der besseren Vitamin-D-Versorgung auch eine deutliche Kostenersparnis verbunden.6–8

In einer Pressemitteilung des DKFZ wurde der Leiter der Arbeitsgruppe, Prof. Brenner, zitiert: „Angesichts der möglicherweise erheblichen positiven Effekte auf die Krebssterblichkeit – zusätzlich verbunden mit einer möglichen Kostenersparnis – sollten wir nach neuen Wegen suchen, die in Deutschland in der älteren Bevölkerung weit verbreitete Vitamin-D-Unterversorgung zu verringern. In einigen Ländern werden sogar Nahrungsmittel seit vielen Jahren mit Vitamin D angereichert, etwa in Finnland, wo die Sterberaten an Krebs um rund 20% niedriger sind als in Deutschland. Ganz abgesehen davon, dass sich die Hinweise auf weitere positive Gesundheitseffekte einer ausreichenden Vitamin-D-Versorgung verdichten, etwa bei den Sterberaten an Lungenerkrankungen.“7

Aktuelle Studienergebnisse sprechen auch für eine Bedeutung von Vitamin D für Erkrankungsrisiko und klinischen Verlauf der COVID-19-Infektion.3–5 Gestützt wird diese Annahme durch die Beobachtung, dass die COVID-19-Erkrankung bei Menschen mit einem Vitamin-D-Defizit häufig schwerer verläuft. In einer Publikation ermittelten US-Forscher in einer Kohortenstudie ein mit einem unzureichenden Vitamin-D-Status assoziiertes, um 77% erhöhtes Risiko für eine COVID-19-Infektion.5 Nach Berechnungen aus einer anderen Publikation in der Fachzeitschrift Aging Clinical and Experimental Research war die Mortalitätsrate der COVID-19-Infektion in der ersten Welle in den europäischen Ländern mit niedrigem durchschnittlichem Vitamin-D-Status der Bevölkerung am höchsten.4

Dreimal zwölf Minuten Sonne pro Woche

Um den eigenen Vitamin-D-Spiegel kostenfrei zu verbessern, empfiehlt der Krebsinformationsdienst des DKFZ, sich bei Sonnenschein im Freien aufzuhalten, zwei- bis dreimal pro Woche für etwa zwölf Minuten. Gesicht, Hände und Teile von Armen und Beinen sollten für diese Zeitspanne unbedeckt und ohne Sonnenschutz sein.8 An dieser Stelle ist anzumerken, dass die Besonnung der Haut auch Vitamin-D-unabhängige positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat. Hierzu zählen die Synthese von endogenen Cannabinoiden und anderen „Glückshormonen“, die unsere Stimmung und unser Wohlbefinden fördern, sowie die Bildung von weiteren Botenstoffen und Hormonen, die wichtige Vorgänge in unserem Körper steuern, darunter auch unsere „innere Uhr“.1, 2

Es ist davon auszugehen, dass diese neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse die aktuelle Diskussion über eine Neubewertung der positiven und negativen Wirkungen der Besonnung der Haut für unsere Gesundheit beeinflussen werden. Konsequenterweise sollte bei diesem aktuell kontrovers und oft auch emotional diskutierten Thema die Auffassung der Wissenschaftler bestärkt werden, die eine maßvolle Steigerung der Besonnung unserer Bevölkerung fordern, da hierbei die positiven Auswirkungen für unsere Gesundheit deutlich überwiegen.

Autor:
Prof. Dr. med. Jörg Reichrath
Zentrum für Experimentelle und
Klinische Photodermatologie (ZEKEP)
Klinik für Dermatologie,
Allergologie und Venerologie
Universitätsklinikum des Saarlandes
Homburg/Saar

1 Holick MF: N Engl J Med 2007; 357: 266–81
2 Reichrath J et al.: Aktuelle Dermatologie 2018; 44: 53–61
3 Hutchings N et al.: Endocrine 2021; 71: 267–9
4 Ilie PC et al.: Aging Clin Exp Res 2020; 32: 1195–8
5 Meltzer DO et al.: JAMA Netw Open 2020; 3: e2019722
6 Niedermaier T et al.: Molecular Oncology 2020; DOI: 10.1002/1878-0261.12924
7 www.aerztezeitung.de/Medizin/Vitamin-D-fuer-alle-ueber-50-weniger-Krebstote-417081.html
8 www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2021/dkfz-pm-21-07-Vitamin-D-Supplementierung-moeglicher-Gewinn-an-Lebensjahren-bei-gleichzeitiger-Kostenersparnis.php
9 Keum N et al.: Ann Oncol 2019; 30: 733–43
10 Haykal T et al.: J Community Hosp Intern Med Perspect 2019; 9: 480–8
11 Zhang X, Niu W: Biosci Rep 2019; 39: BSR20190369


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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