20. August 2021

Wundversorgung in Pandemiezeiten – ein Fallbericht

Stillstand ist keine Lösung

Durch die Fokussierung auf die SARS-CoV-2-Pandemie wurden viele andere medizinische Bereiche vor neue Herausforderungen gestellt – unter anderem die Wundversorgung. Eine Lehre sollte man inzwischen aber gezogen haben: Nichtstun ist bei keiner Wunde eine Option. Wenn eine „Maximaltherapie“ mit Operation zeitnah nicht durchgeführt werden kann, bleiben noch vielfältige Möglichkeiten der konservativen Wundtherapie.

Die Pandemie beeinträchtigte auch den Zugang zur klinischen Behandlung chronischer Wunden. Ebenso ging die Anzahl von Krankenhauseinweisungen zurück.1 Eine anonyme Umfrage unter Patienten mit chronischen Wunden zeigte Anfang 2021, dass in 14% der Fälle die diagnostische Aufarbeitung oder der Krankenhausaufenthalt abgesagt bzw. verschoben wurde, 36% konnten sich nicht wie üblich von ihrem Hausarzt beraten lassen.1

Was ein Stillstand in der Wundversorgung für Betroffene bedeutet, zeigt der folgende Fall eines Verbrennungsopfers.

Ein Patient ohne COVID-19-Vorrang

Ein noch sehr rüstiger 88-jähriger Landwirt war beim Absteigen von seinem Traktor abgerutscht. Er hatte sein rechtes Bein zwischen Vergaser und Auspuff eingeklemmt und konnte erst nach einer Stunde befreit werden. An mehreren Stellen – Knöchel, Knie und Oberschenkel – erlitt er Verbrennungen 3. Grades. Doch zum Zeitpunkt der Aufnahme zur Erstbehandlung in der Klinik war noch keine Demarkierung der verbrannten Hautregionen zu erkennen. Aufgrund einer kardiopulmonalen Insuffizienz und multimorbiden Gesamtsituation des Patienten wurden die Verbrennungswunden 26 Tage lang trocken behandelt. Nach der Entlassung aus der Klinik wurde diese Behandlung in der hausärztlichen Praxis fortgesetzt. Als nach sieben Wochen keine Besserung, sondern eine Verschlechterung des Wundzustands mit schwarzen, zum Teil exsudierenden Nekrosen zu beobachten war (Abb. 1), wurde der Patient in einer ambulanten Wundsprechstunde vorstellig.

Abb. 1: schwarze Nekrose über dem linken Außenknöchel

Ein „Weiter so“ konnte weder vom Facharzt der Wundsprechstunde noch vom pflegerischen Wundbehandler akzeptiert werden. Daher entschied man sich für eine autolytische Wundversorgung mit HydroClean® (Abb. 2). Diese Wundauflage sorgt für ein feuchtes Wundmilieu und effektives Débridement. Mit einem speziellen Saug-Spül-Mechanismus setzt das hydroaktive Wundkissen eine Ringerlösung frei, löst Wundbeläge und Nekrosen, nimmt Bakterien, überschüssige Matrix-Metalloproteasen, Fibrin sowie Detritus auf und bindet diese im Saugkern aus einem superabsorbierenden Polymer.

Abb. 2: Versorgung mit HydroClean®

Aufgrund der SARS-CoV-2-Pandemie und der „nicht akuten oder lebensbedrohlichen Situation“ des Patienten erhielt er zunächst keinen Aufnahmetermin in der Klinik. Um einer Infektion unter der Nekrose vorzubeugen, wurde daher das autolytische Débridement vorgenommen und prophylaktisch eine systemische Antibiose eingeleitet. Schon nach zwei Tagen begann die Rehydrierung der Nekrose. Nach Abschluss des ersten chirurgischen Débridements, einer antiseptischen Wundspülung und Wundreinigung wurde die Hydrotherapie fortgesetzt. Nach vier weiteren Tagen konnte die weich und locker gewordene Nekrose schmerzfrei abgetragen werden (Abb. 3).

Abb. 3: leichtes Abtragen der locker gewordenen Nekrose

Lang ersehnter OP-Termin

14 Tage nach Beginn der Wundtherapie erhielt der Patient einen Termin für ein „Shaving des Wundgrundes“ sowie eine Mesh-Transplantation unter Narkose. Dieser Eingriff verlief so gut, dass der Patient fünf Wochen später vollständig wiederhergestellt war (Abb. 4).

Abb. 4: bis auf kleinen Rest eingeheiltes Mesh-Transplantat

Für die Nachsorge in der Wundsprechstunde wechselte man auf eine Schaumstoff-Wundauflage (HydroTac®), um die Epithelisierung zu beschleunigen (Abb. 5). Diese Wundauflage reguliert das Wundmilieu durch aktive Feuchtigkeitsabgabe bei gleichzeitiger Absorption und Speicherung von Wundexsudat im Schaumkörper. So können Wachstumsfaktoren angereichert werden, die einen schnellen epithelialen Wundverschluss fördern. Zehn Tage später waren auch die übrigen Wundbereiche epithelisiert (Abb. 6); die Therapie wurde noch eine Weile fortgesetzt.

Abb. 5: Applikation von HydroTac®

Abb. 6: epithelisierter Steg zwischen den verbliebenen zwei kleinen Wunden

In dem dargestellten Fall war die Autolyse eine geeignete Alternative zur zeitnahen Transplantation. Und mit HydroClean® stand ein Produkt zur Verfügung, das unerwartet schnell eine Rehydrierung der Nekrose und wenige Tage später ein sukzessives chirurgisches Débridement ermöglichte. Auch wenn dieses Vorgehen nicht ganz lege artis war, so zeigt es doch, was in der konservativen Wundversorgung möglich ist.

Autor:
Bernd von Hallern
Konsiliarische Wundpflegefachkraft
Facharztpraxis für Orthopädie und Unfallchirurgie Dr. Rik van den Daele, Stade

1Schlager JG et al.: Int Wound J 2021; doi: 10.1111/iwj.13553 (Online ahead of print)


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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