1. Juni 2021

Juckreiz und Brennen der Haut

Typisch Urtikaria

Leserfrage: Die Mutter eines 14-Jährigen sagte zu mir in der Sprechstunde: „Am Wochenende war ich ganz verzweifelt. Unser Junge bekam am Samstagnachmittag plötzlich grausamen Juckreiz und brennende Stellen auf der Haut. Er hat richtig gebrüllt. Dazu Rötung und unterschiedlich große erhabene Stellen auf der Haut. Von den Leisten bis zu den Pobacken, aber auch an den Armen. Ich habe gleich diese Bilder gemacht (Fotos). Kalte Dusche half nichts, auch nicht der kalte Balkon, auch nicht meine Kortisoncreme. Das musste eine Allergie sein, dachte ich und fuhr ihn nur mit einem Tuch bedeckt nachts in die Klinikambulanz. Er tolerierte keine Kleider. Dort bekam der Bub eine Infusion mit Fenistil® und Kortison. Nach zehn Minuten war es deutlich besser. Am Sonntag wieder dasselbe. Notdienst hatte ein älterer Kinderarzt. Der sagte, so eine Nesselsucht habe er bei Kindern gerade in der Pubertät schon öfter gesehen. Im Labor habe er nie was gefunden. Das müsse mit der Pubertät zusammenhängen. Er verschrieb Cetirizin, abends eine Tablette. Die gab ich, und weg war der Spuk. Was war das denn?“

Das ist der klassische Fall einer Urtikaria, die eine der häufigsten Ursachen für das Aufsuchen einer dermatologischen Notfallsprechstunde gerade im Winter ist.

Typisch sind flüchtige, meist maximal 24 Stunden bestehende Quaddeln am gesamten Körper. Sie sind zum Teil nur einige Millimeter groß, können sich aber auch polyzyklisch konfiguriert, meist zentral abgeblasst, über einige Zentimeter erstrecken. Die Quaddeln können selten auch einige Tage bestehen, heilen aber immer ohne Residuen an der Haut ab. Bedrohlich wird das Bild, wenn es zusätzlich zu einem Quincke-Ödem mit Lippen-, Lid- und/oder Zungenschwellung kommt. In einzelnen Fällen können auch der Genitalbereich oder Hände und Füße betroffen sein. Das Quincke-Ödem kann auch isoliert auftreten und juckt im Gegensatz zur Urtikaria kaum, sondern brennt und schmerzt eher. Insgesamt beträgt der Anteil der Kinder an Urtikaria-Patienten weniger als 10%. Die Urtikaria tritt dabei in der Pubertät gehäuft auf.

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen einer akuten (<6 Wochen) und einer chronischen Form mit wiederkehrendem, spontanem Auftreten. Daneben gibt es physikalische Urtikariaformen, die ebenfalls im Kindesalter vorkommen. Ätiologisch bestand bisweilen vor der akuten Urtikaria ein respiratorischer oder gastrointestinaler Infekt, der oft schon abgeklungen ist. Auch parasitärer Befall kann ein möglicher Auslöser bei Kindern sein. Daneben können Nahrungsmittelallergien und pseudoallergische Reaktionen Auslöser sein. Die Diagnose wird immer anhand der Symptomatik gestellt. Eine Diagnostik oder Abklärung, die von den Eltern oft gewünscht ist, ist bei der akuten Urtikaria nicht erforderlich, da über 95% mit oder ohne Therapie abklingen. Erst bei Fortbestehen über mehr als sechs Wochen ist dies notwendig.

Zur Therapie genügen meist nichtsedierende Antihistaminika, in Einzelfällen kann bei Kindern auch Prednisolon (1mg/kg/KG/Tag) über zwei bis drei Tage gegeben werden. In jedem Fall sollten die Antihistaminika über einige Tage gegeben werden, da es beispielsweise oft durch die Bettwärme morgens zu Rezidiven kommt. Lokal kann neben kühlen Duschen auch eine nicht zu stark fettende Bodylotion, die in den Kühlschrank gestellt wird, den Juckreiz lindern.

Bei Urtikaria auch an Mykoplasmen denken

Mehr als 90% der Fälle von Urtikaria sind nicht allergisch bedingt. Daher erübrigt sich eine Allergiediagnostik, außer wenn es in der Anamnese Hinweise auf regelmäßiges Auftreten bei Genuss bestimmter Speisen gibt. Das Gleiche gilt für die (meist weniger bekannten) „physikalischen“ Urtikariaformen, verursacht durch Hitze, Kälte oder Vibration.

Allerdings sollte man im Kindes- und Jugendalter auch an Mykoplasmen als mögliche Ursache einer para- und postinfektiösen Urtikaria denken.

Häufig in den Fällestatistiken

In der Allgemeinpraxis ist das „Bild einer (akuten) Urtikaria“ ein regelmäßig häufiges Beratungsproblem. Das belegen Fällestatistiken in unterschiedlichen Praxen (Stadt/Land) in Österreich und in der Schweiz. Demnach nahm das Beratungsergebnis (BE) „Urtikaria“ in den Statistiken der Jahre 1954 bis 1999 von den 300 regelmäßig häufigen BE stets einen mittleren Rang zwischen 50 und 156 ein.1 Dem Allgemeinarzt sollte also bereits während seiner Weiterbildungszeit zum Facharzt dieses Krankheitsbild begegnet sein.

Obwohl der „Nesselausschlag“ mit seinem oft plötzlichen Auftreten durch Juckreiz und Quaddelbildung für viele Patienten beängstigend ist, gibt es zunächst keinen wesentlichen abwendbar gefährlichen Verlauf (AGV) zu bedenken.

Aus berufstheoretischer Sicht spricht man von einer „exakten Diagnose“ bei Urtikaria dann, wenn ein Zusammenhang mit einem Auslöser plausibel nachgewiesen ist. In den meisten Fällen wird es jedoch bei der Klassifizierung „Bild einer Urtikaria“ bleiben. Entsprechend offen muss der Arzt seinen Fall führen.

Unsere Experten:
Dr. med. Markus Schwürzer-Voit
Facharzt für Dermatologie,
Allergologie und Phlebologie

Dr. Dr. med. Thomas Fröhlich
Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Allergologie, Psychotherapie
Bammental

Prof. Dr. med. Frank H. Mader
Facharzt für Allgemeinmedizin
Nittendorf, Herausgeber von „Der Allgemeinarzt“

1 www.fakten-faelle-fotos.de/downloads/Tabelle%20fuer%201.1.2.pdf


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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