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29. September 2021

Plötzlicher Herztod und Herzschwäche

Angina pectoris stärker beachten

Die gute Nachricht lautet: Die Todesfälle aufgrund von koronarer Herzkrankheit (KHK) und Herzinsuffizienz sind in Deutschland erneut gesunken. Die schlechte Nachricht ist, dass die KHK trotzdem hierzulande noch immer Todesursache Nummer 1 ist. Geändert werden kann dies nur durch konsequente Früherkennung und adäquate Behandlung von arteriellen Plaques und verengten Koronargefäßen sowie Prävention kardiovaskulärer Risikofaktoren.

Für den seit Jahren stetigen Rückgang der Sterblichkeitsrate der KHK sind laut Deutschem Herzbericht 2020 zum einen die Fortschritte in Diagnostik und Therapie verantwortlich. Andererseits spielt die Prävention von kardiovaskulären Risikofaktoren eine große Rolle, allen voran Rauchen, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes und Übergewicht. Daher sollte die kardiovaskuläre Vorsorge deutlich verbessert werden, betont Prof.Thomas Voigtländer, stellv. Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. „Neben Alter und Genetik verursachen die genannten Risikofaktoren die KHK, sind aber mit Lebensstiländerungen zusätzlich zur Therapie gut beeinflussbar.“

Die Früherkennung sowie konsequente medikamentöse und interventionelle Therapie, seltener auch die operative Behandlung von Plaques und Verengungen der Herzkranzgefäße, seien unverzichtbar in der Bekämpfung der Sterblichkeit durch die KHK, so Voigtländer, Kardiologe und Intensivmediziner am Cardioangiologischen Centrum Bethanien (CCB) Frankfurt. „Darüber hinaus sinkt durch eine verbesserte Behandlung der KHK die Sterblichkeit infolge plötzlichen Herztods und Herzschwäche – dafür müssen wir sensibilisieren.“

Deutscher Herzbericht in Kürze:
  • Die KHK verursachte 2019 mit 639.230 vollstationären Fällen die meisten Krankenhausaufnahmen.

  • Mehr als 70% der Fälle von Herzinsuffizienz und plötzlichem Herztod werden durch eine KHK verursacht.

  • Jedes Jahr fallen dem Sekunden-Herztod schätzungsweise etwa 65.000 Menschen zum Opfer.

  • 2019 starben 119.082 Menschen (132/100.000, alters- und geschlechtsstandardisierte Mortalitätsrate) an der KHK, davon 44.282 am Herzinfarkt.

  • Rund 35.300 Menschen starben an Herzinsuffizienz.

  • Die Sterblichkeit konnte von 2017 bis 2019 deutlich gesenkt werden: KHK-Sterbefälle nahmen um 9,1%, Todesfälle infolge Herzinsuffizienz um 12% ab.

Mehr Klinikeinweisungen bei 45- bis 50-Jährigen

Obwohl die Gesamtzahl der Krankenhausaufnahmen (vollstationäre Hospitalisationsrate) aufgrund von KHK von 2011 bis 2019 abnahm, zeigt sich ein beunruhigender Trend: 45- bis unter 65-Jährige müssen mit 818 KHK-Fällen pro 100.000 Einwohner überdurchschnittlich häufig stationär behandelt werden. Die KHK-Sterblichkeit beginnt bei Männern ab 55 Jahren, bei Frauen ab 70 Jahren bedeutsam zu werden.

Die Diagnostik der KHK hat sich weiterentwickelt. Moderne bildgebende Verfahren wie Koronar-CT und Kardio-MRT können Veränderungen der Koronararterien und deren Auswirkung auf die Durchblutung des Herzmuskels frühzeitig erfassen. So gelingt es, die Zahl der Herzkatheteruntersuchungen und damit auch der stationären Aufenthalte zu reduzieren. Durch frühzeitige Diagnostik und Therapie kann das Auftreten von akuten Koronarsyndromen (Herzinfarkt, instabile Angina pectoris) verhindert oder zumindest in ein höheres Lebensalter „verschoben“ werden.

Regionale Sterblichkeitsunterschiede

Der Deutsche Herzbericht 2020 zeigt auch, dass noch immer regionale Unterschiede in der Sterblichkeit und bei den Krankenhausaufnahmen bestehen. Am Beispiel Herzinfarkt zeigt sich: Die niedrigste vollstationäre Hospitalisationsrate für 2019 hatte Sachsen (188/100.000EW), gefolgt von Hamburg (209/100.000) und Berlin (217/100.000). Die höchsten Raten verzeichneten das Saarland (270/100.000) und Bremen (248/100.000). Die höchste Sterblichkeitsrate (alters- und geschlechtsstandardisiert) durch einen Herzinfarkt findet sich in den östlichen Bundesländern Berlin, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Allerdings habe sich mit Ausnahme von Berlin die Sterblichkeitsrate in diesen Bundesländern im Vergleich zum Vorjahr spürbar verbessert, sagt Voigtländer. Die niedrigsten Sterblichkeitsraten durch Herzinfarkt haben Schleswig-Holstein (25,5), Nordrhein-Westfalen (36,6) und Hamburg (40,2).

Unterversorgung ländlicher Gebiete

„In ländlichen Regionen mit längeren Anfahrtszeiten der Rettungsdienste könnten die für die Versorgung von Patienten mit unklaren Brustschmerzen wichtigen Chest-Pain-Units (CPUs) für eine bessere Versorgung von Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt und andere notfallartige Herz-Kreislauf-Ereignisse wie gefährliche Herzrhythmusstörungen und Herzklappenprobleme hilfreich sein“, so Voigtländer. Die mehr als 320 der von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) zertifizierten CPUs in Deutschland verfügen über eine 24-Stunden-Herzkatheterbereitschaft an sieben Wochentagen, sie entstehen aber offensichtlich „in den Regionen, die ohnehin schon gut versorgt sind, leider aber nicht in den Regionen, die einer solchen Versorgung eigentlich bedürfen“, heißt es im Herzbericht.

Auch hinsichtlich der Versorgungsdichte mit vertragsärztlichen Kardiologen zeigen sich regionale Unterschiede: Am geringsten ist die Versorgungsdichte in Thüringen mit einem Kardiologen pro 36.782 EW, Mecklenburg-Vorpommern (1/30.342), Brandenburg (1/28.987) und Schleswig-Holstein (1/6.640). „Ob dies ein Indikator für Lücken in der ambulanten kardiologischen Versorgung ist und deshalb mit einer höheren Morbidität und Sterblichkeit korreliert, bedürfte fundierter Analysen.“

Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie

Der Deutsche Herzbericht zeigt, wie wichtig die medizinische Versorgung in Diagnostik, Therapie und Nachsorge im ambulanten und klinischen Sektor auch während der Coronavirus-Pandemie ist. Herzinfarkt, Kammerflimmern, Schlaganfall, Hauptstammstenosen, instabile Angina pectoris, dekompensierte Herzinsuffizienz, hochgradige Aortenklappenstenose und die hypertone Krise sind auch in der Pandemie absolute Notfälle und müssen entsprechend behandelt werden.

Bericht:
Dr. Corina Ringsell

Deutscher Herzbericht 2020 der Deutschen Herzstiftung e. V.


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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