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27. November 2021

Impfungen gegen Influenza und COVID-19

Gemeinsam geimpft – doppelt geschützt

Die Impfsaison 2021/22 hat begonnen. Neu ist, dass für bestimmte Personen eine gemeinsame Impfung gegen Influenza und COVID-19 möglich ist. Über die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) und die Umsetzung in der Praxis haben wir mit Dr. Christian Leistner, Facharzt für Innere Medizin und Notfallmedizin in Wiesbaden, gesprochen.

▸▸▸Die Influenzaimpfungen der Saison 2021/22 sind angelaufen. Wie steht es um die Impfbereitschaft der Bevölkerung?

C. Leistner: Wie auch letztes Jahr sehen wir in der Praxis, dass die Impfbereitschaft höher ist als vor der COVID-19-Pandemie. Die Nachfrage ist deutlich stärker.

▸▸▸Viele unterschätzen die „echte Grippe“ und lassen sich nicht impfen. Wer sollte sich nach den STIKO-Empfehlungen unbedingt impfen lassen?

C. Leistner: Die STIKO gibt eine klare Empfehlung, dass alle Menschen ab 60 Jahre sich einmal im Jahr mit dem Hochdosisimpfstoff gegen Influenza impfen lassen sollen; außerdem Menschen mit gewissen Erkrankungen, zum Beispiel Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Krankheiten. Empfohlen wird die Influenzaimpfung zudem Schwangeren ab dem zweiten Trimenon und natürlich auch Menschen mit beruflicher Indikation. Dazu zählen Personen, die im medizinischen Bereich oder in Bereichen mit einem hohen Publikumsverkehr arbeiten, womit auch das Risiko einer Influenzainfektion höher ist.

▸▸▸Sie haben den Hochdosisimpfstoff erwähnt. Welche Empfehlungen spricht die STIKO für die anderen Impfstoffe aus?

C. Leistner: Den inaktivierten quadrivalenten Hochdosisimpfstoff sollten Menschen ab 60 bekommen, weil wir wissen, dass mit zunehmendem Alter die Immunantwort auf Impfungen schwächer ausfällt. Dieser Impfstoff schützt ältere Menschen besser. Für alle unter 60, die eine Impfempfehlung haben, werden inaktivierte Impfstoffe empfohlen. Und dann gibt es noch für Kinder zwischen zwei und 17 Jahren einen attenuierten Lebendimpfstoff, der nasal verabreicht wird. Das ist interessant, wenn eine Spritzenphobie besteht oder ein erhöhtes Blutungsrisiko bei gewissen Erkrankungen. Dann kann man darauf zurückgreifen.

▸▸▸Inzwischen wird eine „Boosterimpfung“ gegen COVID-19 für Personen über 70 Jahre und solche mit Vorerkrankungen empfohlen. Kann diese an einem Termin mit der Influenzaimpfung erfolgen oder ist ein zeitlicher Abstand ratsam?

C. Leistner: Es gab in der Tat kürzlich eine Publikation im Lancet dazu. Forscher aus Bristol haben eine randomisierte doppelverblindete Studie gemacht, um genau diese Frage zu beantworten. Vorher bestand die Empfehlung, zwei Wochen Abstand zu anderen Impfungen einzuhalten. Aber dazu gab es keine größeren Daten. Die neue Studie hat gezeigt, dass es nicht mehr Nebenwirkungen gibt, wenn man zeitgleich impft. Insofern haben wir eine gute Datenlage und machen das aktuell auch bei uns in der Praxis so. Bislang haben wir noch keine Rückmeldung bekommen, dass schlimmere Nebenwirkungen zu sehen sind.

▸▸▸Worauf achten Sie bei der zeitgleichen Gabe beider Impfungen besonders?

C. Leistner: Wir geben die Spritzen nicht in denselben Arm, sondern in den rechten und den linken Arm. Außerdem sollte man immer, wenn man mehrere Impfstoffe gibt, egal ob gegen Influenza oder COVID-19, darauf achten, die Patienten besonders zu allergischen Reaktionen aufzuklären. Sie sollten wissen, worauf sie achten sollen und wie sie dann reagieren müssen. Wir empfehlen den Patienten, dass sie noch etwa 15 bis 30 Minuten bei uns in der Praxis bleiben. So können wir schauen, ob es eine Nebenwirkung gibt, und entsprechend behandeln.

▸▸▸Aus der vergangenen Grippesaison gibt es Berichte, dass Menschen, die gegen Influenza geimpft waren, nicht oder weniger schwer an COVID-19 erkrankten. Das kann viele Gründe haben, aber wäre eine gewisse „Boosterwirkung“ der Influenzaimpfung möglich?

C. Leistner: Ich habe diese Berichte auch gelesen, habe aber keine Studie gefunden, die das beweist. Im Endeffekt ist es auch hinfällig, denn ich würde niemandem empfehlen, sich gegen Influenza impfen zu lassen und dann die COVID-19-Impfung wegzulassen.

▸▸▸Es wird regelmäßig von Herdenimmunität gesprochen, die mit der Immunisierung gegen COVID-19 erreicht werden soll. Ist diese bei einem Virus, das relativ rasch mutiert, überhaupt möglich?

C. Leistner: Man muss klarstellen, was Herdenimmunität bedeutet. Anfangs wurde sie oft so gedeutet, dass ab einer gewissen Zahl Geimpfter das Virus weg ist. Das ist nicht der Fall. Es geht vielmehr darum, dass die Infektionen oder die Inzidenz rasch abnehmen und es keine größeren Auswirkungen auf das Gesundheitssystem gibt. Und ja, wenn das Virus weiter mutiert und infektiöser wird, dann rückt auch die Herdenimmunität in die Ferne. Ich denke nicht, dass das Virus komplett verschwinden wird, aber die Inzidenz wird sukzessive abfallen; wir werden weniger schwere Verläufe haben, sodass die Hospitalisierungen und die Auslastung der Intensivstationen ein akzeptables Maß haben werden.

▸▸▸Wagen Sie einen Blick in die Zukunft? Werden wir in Zukunft außer gegen Influenza auch jährlich gegen SARS-CoV-2 impfen?

C. Leistner: Ich kann mir gut vorstellen, dass wir nach der Boosterimpfung vielleicht noch eine vierte oder fünfte Impfung machen werden. Dass wir jedes Jahr gegen COVID-19 impfen werden, das glaube ich eher nicht. Doch das ist reine Spekulation.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte: Dr. Corina Ringsell

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