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7. September 2021

Klimawandel und Gesundheit

Hausärzte spüren Klimawandel schon

Der Klimawandel ist bereits spürbar – auch in der hausärztlichen Praxis. Darauf müssen Ärztinnen und Ärzte sich einstellen. Was das bedeutet, war Thema eines virtuellen DGIM-Talks der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. Moderiert von Dr. Eckart von Hirschhausen, Bonn, diskutierten unter anderem der DGIM-Vorsitzende Prof. Markus Lerch, München, und Dr. Susanne Balzer, Köln, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Gesundheit hat.

Der Mensch ist das klimatoleranteste Säugetier überhaupt“, begann Prof. Lerch seinen Vortrag und belegte dies anhand der durchschnittlichen Jahrestemperaturen verschiedener Länder – von +25°C in Bangladesch bis -5°C in Russland und Kanada. In Deutschland liegt sie laut Deutschem Wetterdienst derzeit bei +8,5°C. Den Arzt beschäftigen jedoch die Hitzeperioden mit extremen Temperaturen: Seit 1951 hat die Anzahl heißer Tage (Durchschnittstemperatur >23°C) hierzulande um 170% zugenommen.

Tropenkrankheiten kommen nach Europa

Für Hitzewellen ist Deutschland laut Lerch aber schlecht gerüstet. Es fehlt vor allem an klimatisierten Räumen, auch in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Dies zeigt sich an einer hohen Übersterblichkeit in Hitzeperioden, vor allem bei Menschen mit Vorerkrankungen und älteren Personen; Todesursachen sind in der Regel kardiovaskuläre Krankheiten. Daneben komme es vermehrt zu Infektionen mit Erregern, die sich aufgrund der hohen Temperaturen verstärkt vermehren. Als Beispiel nannte Lerch schwere Hautinfektionen mit Vibrio vulnificus, die an der Ostsee in heißen Sommern gehäuft auftreten.

Bereits heute ist zu beobachten, dass von Zecken übertragene Krankheiten wie Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) in Europa häufiger auftreten, was mit der stärkeren Verbreitung der Zecken zusammenhängt. Lerch wies aber darauf hin, dass inzwischen selbst in Island Zecken vorkommen und es dort in Zukunft ebenfalls zu solchen Krankheiten kommen werde.

Ähnlich könnte es Mitteleuropa mit tropischen Fiebern ergehen, die von Stechmücken übertragen werden, sagte Lerch. Bislang werden Krankheiten wie Dengue, Malaria und Chikungunya von Reiserückkehrern aus tropischen Gebieten mitgebracht. Das könnte sich in Zukunft ändern, erklärte er am Beispiel der Tigermücke. Bis 2011 kam diese in Deutschland nicht vor. Fünf Jahre später ist sie auch hier heimisch geworden. Diese Mücke kann neben Dengue auch Chikungunya und Zika übertragen.

Doch nicht nur Infektionen werden vom Klimawandel begünstigt. Eine längere und unter Umständen stärkere Sonneneinstrahlung kann langfristig zu mehr Fällen von malignem Melanom führen. So sei beispielsweise dessen Inzidenz in Australien dreimal höher als in Deutschland, betonte der DGIM-Vorsitzende.

Hausärzte spüren Klimawandel schon jetzt

Dr. Susanne Balzer, niedergelassene Ärztin in Köln und Mitglied der AG hausärztliche Internisten der DGIM, Ressort Klimaschutz, wies darauf hin, dass die Hausärzte den Klimawandel bereits in der Praxis spüren. Darauf müssten die Ärzte sich einstellen, betonte Balzer, etwa bei der Dosierung von Medikamenten wie Blutdrucksenkern, die infolge einer hitzebedingten Vasodilatation den Blutdruck stärker senken. Andere Medikamente vermindern beispielsweise das Durstgefühl, etwa ACE-Hemmer.

Es betreffe aber auch die Abläufe in der Praxis. So sollten vulnerable Patienten wie ältere und multimorbide Menschen morgens früh in die Praxis bestellt oder im Rahmen von Hausbesuchen behandelt werden, sagte die Ärztin. Als gesellschaftspolitische Konsequenzen forderte sie flächendeckend Hitzeschutzpläne und Hitzewarnsysteme.

Was ebenfalls schon jetzt zu beobachten sei, sind Allergien, die häufiger und länger auftreten. Ursachen sind längere Vegetationsperioden und invasive Arten, von denen Ambrosia eine der bekanntesten ist. Auf diese Weise vorgeschädigte Lungen sind anfälliger für Infektionen, wie die Coronaviruspandemie zeigte.

Balzers Fazit lautete, dass der Klimawandel schon heute die Arbeit in den Praxen beeinflusst und die Ärzte sich damit auseinandersetzen müssen. „Wir Ärzte und Ärztinnen haben die Pflicht, über Gesundheitsrisiken aufzuklären und uns den Patienten zuzuwenden. Das können wir als respektierte Vertrauenspersonen leisten und für mehr Nachhaltigkeit und Transformation in der Bevölkerung werben.“ Der nächste Schritt sei, auch die Praxen klimaneutral zu gestalten und dies für das gesamte Gesundheitswesen umzusetzen, schloss Balzer.

Bericht: Dr. Corina Ringsell

Quelle: DGIM-Talk „Klimawandel und Gesundheit – Ein Thema für Klinik, Niedergelassene und die nächste Generation von Internisten und Internistinnen“, Livestream: 28. Juni 2021 ( www.streamed-up.com )


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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