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11. Juni 2022

Kinderwunsch und HIV-Infektion

HIV und Schwangerschaft

Leserfrage: Ich habe eine 26-jährige Patientin mit Kinderwunsch, die HIV-positiv ist. Was ist hinsichtlich der Therapie vor und während der Schwangerschaft zu beach­ten? Besteht ein Infektionsrisiko während der Geburt oder beim Stillen?
Dr. med. Petra D.

Vielen Dank für Ihre Anfrage, die uns auch im hausärztlichen Setting immer wieder begegnet.

Zunächst sollte sichergestellt sein, dass Ihre Patientin in einem entsprechenden HIV-Schwerpunktzentrum respektive einer Schwerpunktpraxis mit einer antiretroviralen Therapie (ART) behandelt wird und ihre Laborwerte, gerade hinsichtlich der Viruslast, regelmäßig (i.d.R. alle drei Monate) überprüft werden. Patienten und Patientinnen, die ihre ART regelmäßig einnehmen und deren Viruslast dauerhaft unter der Nachweisgrenze liegt, gelten als nicht ansteckend, oder U = U (undetectable viral load = untransmittable HIV). Ist dies der Fall, kann auch bei HIV-diskordanten Paaren ein Kinderwunsch auf natürlichem Wege realisiert werden.

Schwanger + HIV = Risikoschwangerschaft

Während der Schwangerschaft, die per definitionem eine Risikoschwangerschaft ist, sollten die HIV-positiven Frauen im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen von ihren niedergelassenen Gynäkologinnen und Gynäkologen in interdisziplinärer Kooperation mit Zentren, die sich auf die Betreuung von HIV-positiven Schwangeren spezialisiert haben, engmaschig betreut werden.

Viruslast unter Nachweisgrenze: vaginale Geburt möglich

Eine vaginale Entbindung sollte bei den Schwangeren erfolgen, die eine ART einnehmen, bei denen die Geburtshelferinnen und Geburtshelfer keine geburtshilflichen Risiken sehen und bei denen die HI-Viruslast mindestens vier Wochen vor und bis zur Entbindung <50Kopien/ml („unter der Nachweisgrenze“) liegt.

Stillen: Nutzen und Risiken abwägen

Bei einer Viruslast <50Kopien/ml sollte mit der Mutter unter Abwägung von Nutzen und Risiken in einem gemeinsamen Entscheidungsprozess über das Stillen gesprochen werden. In der „Deutsch-Österreichischen Leitlinie zur HIV-Therapie in der Schwangerschaft und bei HIV-exponierten Neugeborenen“ heißt es: „… in den westlichen Industrieländern … wird in der Regel primär abgestillt und der Säugling mit der Flasche ernährt. Frauen mit HIV wird ein Stillverzicht empfohlen, denn dieser bringt den größten Schutz vor einer HIV-Transmission. Allerdings wird dem steigenden Wunsch von Müttern mit HIV, ihre Kinder zu stillen, inzwischen zunehmend Rechnung getragen. Dies entspricht der aktuellen Praxis, die die Patientinnenautonomie bei medizinischen Entscheidungen stärker berücksichtigt.“

Die Leitlinie weist darauf hin, dass das Stillen gerade für Mütter mit HIV in besonderen Situationen (geflüchtete Frauen, Leben in Gemeinschaftsunterkünften, Migration) eine besondere Bedeutung haben oder Herausforderung sein kann. Es gilt deshalb im klinischen Alltag, eine gemeinsame Entscheidung zu treffen, die die Vor- und Nachteile des Stillens im Einzelfall gegeneinander abwägt. Stillen trägt zur Gesundheit von Mutter und Kind bei und wird in Deutschland von der Nationalen Stillkommission für mindestens sechs Monate empfohlen. Muttermilch enthält wichtige Nährstoffe, die für die kindliche Entwicklung und Immunabwehr förderlich sind. Stillen unterstützt die Uterusrückbildung bei der Mutter, reduziert ihr Risiko für postnatale Depressionen und Brustkrebs. Darüber hinaus wird die Mutter-Kind-Bindung durch das Stillen positiv beeinflusst.

Den vielen Vorteilen des Stillens steht bei Müttern mit HIV das Risiko einer vertikalen Transmission, einer verlängerten Medikamentenexposition und potenziellen Toxizität für den Säugling sowie das intensivierte Monitoring von Mutter und Kind gegenüber.

Die HIV-Transmissionsrate während des Stillens unter ART lag in der PROMISE-Studie, die in afrikanischen Ländern durchgeführt wurde, bei 0,3% nach sechs Monaten und 0,7% nach zwölf Monaten Stilldauer. Unerwünschte Wirkungen der milchgängigen HIV-Medikamente wurden bei den gestillten Kindern nicht beobachtet.

Entscheidet sich eine HIV-positive Schwangere zu stillen, sind gemäß Deutsch-Österreichischer Leitlinie engmaschige (vier- bis sechswöchentliche) Kontrollen von mütterlicher und kindlicher Viruslast notwendig. Nach dem Abstillen wird beim Kind nach sechs Wochen eine nochmalige Kontrolle der HI-Viruslast gefordert.

Bei allen HIV-exponierten Neugeborenen erfolgt unabhängig von der Stillentscheidung in Deutschland derzeit noch eine risikoadaptierte Postexpositionsprophylaxe. Bei vollständig supprimierter mütterlicher Viruslast besteht diese in der Regel aus einer 14-tägigen oralen AZT-Gabe.

Unsere Experten
Dr. med. Armin Wunder
Facharzt für Allgemeinmedizin
Kompetenzzentrum Weiterbildung Hessen
Institut für Allgemeinmedizin
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

Dr. med. Annette Haberl
HIVCENTER
Innere Medizin, Abteilung für Infektiologie
Universitätsklinikum Frankfurt

Interessenkonflikte: Die Autoren haben keine deklariert.

Deutsch-Österreichische S2k-Leitlinie zur HIV-Therapie in der Schwangerschaft und bei HIV-exponierten Neugeborenen. AWMF-Register-Nr.: 055-002 (Stand 9/2020), Download : www.daignet.de

Flynn PM et al.: J Acquir Immune Defic Syndr 2018; 77 (4): 383–92

Haberl L et al.: AIDS Patient Care STDS 2021; 35 (2): 33–8


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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