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23. Februar 2023

Aktuelle Studienergebnisse zu COVID-19

Impfung reduziert Long-COVID

Die Impfung gegen das Coronavirus reduziert die Häufigkeit der neuen oder wiederholten Infektion, die schweren Verläufe und die Mortalität von COVID-19. Außerdem zeigen neueste Studien einen vorteilhaften Einfluss der Schutzimpfung auf das Auftreten und den Schweregrad des Long-COVID-Syndroms.

Bisher wurden weltweit mehr als 630 Millionen Menschen mit dem SARS-CoV-2-Virus, das die Coronavirus-Erkrankung (COVID-19) verursacht, infiziert. Während der Großteil der Bevölkerung sich von der COVID-19-Erkrankung vollständig erholt, leiden ungefähr 3 bis 10% der Betroffenen an der sogenannten Long- oder Post-COVID-Erkrankung, die durch eine lange oder inkomplette Rekonvaleszenz von der Infektion gekennzeichnet ist.

Aktuelle Daten

Im Januar 2022 erschien ein kurzer Bericht im Fachjournal „Nature“, dass eine Impfung die Long-COVID-Symptome reduzieren kann.1 Dieser Bericht zitiert zwei große Studien, welche in Großbritannien und Israel durchgeführt wurden. Die prospektive Fall-Kontroll-Studie in Großbritannien fasste aus Selbstauskünften gesammelte Daten von 1,2 Millionen Patienten und Patientinnen zusammen.2 Ziel der Studie war, die Hospitalisierungsrate und das Auftreten verschiedener Symptome bei Erkrankten, die vorher zumindest eine Impfung erhalten hatten, mit denjenigen bei nicht geimpften Betroffenen einen Monat nach der Infektion zu vergleichen. Die Personen, die vor der Coronavirus-Infektion mindestens eine Impfung erhalten hatten, mussten im Vergleich zu Ungeimpften signifikant seltener hospitalisiert werden und wiesen weniger Symptome auf. Signifikant mehr geimpfte Patientinnen und Patienten meldeten eine vollständige Symptomfreiheit, was besonders bei älteren Menschen (>60 Jahre) beobachtet werden konnte. Die COVID-Infektion zeigte bei den geimpften Personen ebenfalls einen deutlich milderen Krankheitsverlauf. Eine der wichtigsten Beobachtungen dieser Studie war, dass die zweifache Impfung das Risiko, nach einer Infektion an einem Long-COVID-Syndrom zu erkranken, um etwa 50% reduziert.2

Eine weitere Studie, welche mit mehr als 3.000 Patienten in Israel durchgeführt wurde, kam zur ähnlichen Schlussfolgerung, dass eine zweifache Impfung zu einer 60- bis 70%igen Verringerung des Risikos, an einem Long-COVID-Syndrom zu erkranken, führt (Abb.).3 In einer weiteren Studie aus Großbritannien mit mehr als 6.000 Patientinnen wurde berichtet, dass eine Doppelimpfung mindestens zwei Wochen vor der COVID-Infektion mit einer 41%igen Risikoreduktion von alltagslimitierenden Symptomen und Long-COVID-Syndrom assoziiert ist.4

Abb.: Häufigkeiten der meistberichteten Long-COVID-Symptome: zwei Impfdosen vs. keine Impfung (modifiziert nach Kuodi et al. 2022)3

In einer vor kurzem publizierten Metaanalyse, die 18 Studien mit insgesamt über 1 Million Probanden beinhaltete, wurde festgestellt, dass COVID-19-Impfstoffe das Risiko für Long-COVID verringern.5 Die Schutzwirkung wurde bei Personen festgestellt, die zwei Dosen der Impfung erhalten hatten, aber nicht bei denjenigen, die bis dahin nur mit einer Dosis geimpft worden waren.

Unabhängig davon, ob vor oder nach einer COVID-Infektion geimpft wurde, war die Impfung gegen Long-COVID wirksam.5 Ob COVID-19-Impfungen wirklich einen therapeutischen Effekt haben, sollte jedoch noch in kontrollierten klinischen Studien untersucht werden. Unklar ist auch noch, wie lange der mögliche positive Effekt anhalten würde. Sicher ist aber, dass die Impfungen die Betroffenen vor einer Reinfektion mit dem Virus schützen können.

Wissenschaftliche Hypothesen

Forscher vermuten, dass Long-COVID-Symptome durch immer noch im Körper vorhandene Coronaviren bzw. deren Fragmente oder durch eine aus dem Lot geratene Immunreaktion bzw. Autoimmunreaktion nach der Infektion verursacht werden. Die Impfung könnte ein „Reset“ bei dieser Immunreaktion auslösen und die normale Funktion wiederherstellen.6

Folgende Hypothesen existieren zum potenziellen Wirkmechanismus der COVID-Impfstoffe auf Long-COVID und sind aktueller Forschungsgegenstand:

  • Die Impfung beseitigt restliche, noch im Körper befindliche Virenpartikel.

  • Die Impfung repariert das entgleiste Immunsystem.

  • Die Impfung kann einen sogenannten Neustart in diesen falsch funktionierenden Immunprozessen machen.

Das Fachjournal „Science“ veröffentlichte einen Bericht über impfinduzierte Long-COVID-ähnliche Symptome, die bei einer Fallserie von etwa 30 Betroffenen in den USA auftraten.7 Sie wurden in diesem Zusammenhang 2021 vom National Institute of Health (NIH) einberufen und verschiedenen Untersuchungen unterzogen, wobei bisher keine eindeutige Korrelation zwischen COVID-Impfungen und dem Auftreten Long-COVID-ähnlicher Symptome nachgewiesen werden konnte. Außerdem berichteten diese Patientinnen und Patienten auch von einer Verminderung ihrer Symptome und Beschwerden im Laufe der Zeit.

Weiterer Erkenntnisgewinn bezüglich Long-COVID ist notwendig. Denn wie genau der Pathomechanismus von Long-COVID geregelt ist und wie man die Krankheit am besten therapieren kann, dafür sind noch weitere Studien erforderlich.

KeyPoints

  • Studien zeigen: Die vollständige „Corona“-Schutzimpfung besitzt unabhängig von ihrem Verabreichungszeitpunkt überaus positive Effekte für Long-COVID.

  • Seit Beginn der COVID-Pandemie kam es in kürzester Zeit zu vielen medizinischen und wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnen, zum Beispiel zur Entwicklung neuer Impfstoffe und Therapien.

  • Mit den schnell steigenden Infektionszahlen, besonders durch die Omikronvariante des Virus, stieg auch die Anzahl an Long-COVID-Fällen.

  • Gleichzeitig sind in dieser Zeit adaptierte und neue Impfstoffe weitgehender verfügbar geworden.

  • Weiterer Erkenntnisgewinn ist bezüglich Long-COVID gefordert.

Autorinnen
Prof. Dr. med. Mariann Gyöngyösi
Dr. med. Emilie Han
Dr. med. Ena ­Hasimbegovic
Klinische Abteilung für Kardiologie
Universitätsklinik Innere Medizin II
Medizinische Universität Wien

Interessenkonflikte:
Die Autorinnen haben keine deklariert.

1. Kreier F: Long-COVID symptoms less likely in vaccinated people, Israeli data say. Nature 2022; doi:10.1038/d41586-022-00177-5

2. Antonelli M et al.: Risk factors and disease profile of post-vaccination SARS-CoV-2 infection in UK users of the COVID Symptom Study app: a prospective, community-based, nested, case-control study. Lancet Infect Dis 2022; 22: 43–55

3. Kuodi P et al.: Association between BNT162b2 vaccination and reported incidence of post-COVID-19 symptoms: cross-sectional study 2020-21, Israel. Npj Vaccines 2022; 7(1): 101

4. Ayoubkhani D et al.: Risk of long COVID in people infected with severe acute respiratory syndrome coronavirus 2 after 2 doses of a coronavirus disease 2019 vaccine: community-based, matched cohort study. Open Forum Infect Dis 2022; 9: 1–5

5. Gao P et al.: Effect of COVID-19 vaccines on reducing the risk of long COVID in the real world: a systematic review and meta-analysis. Int J Environ Res Public Health 2022; 19(19): 12422

6. Jarrott B et al.: “LONG COVID”—a hypothesis for understanding the biological basis and pharmacological treatment strategy. Pharmacol Res Perspect 2022; 10(1): e00911

7. Couzin-Frankel J, Vogel G: Vaccines may cause rare, long COVID-like symptoms. Science 2022; 375: 364–6


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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