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5. Oktober 2021

COVID-19

Risiko für Kinder senken, aber wie?

Welches Risiko geht von SARS-CoV-2 für Kinder aus? Im Rahmen einer Online-Veranstaltung beantworteten Dr. Berit Lange, Braunschweig, und Prof. Jörg Dötsch, Köln, diese Frage und erläuterten, wie gerade die Altersgruppe unter 12 geschützt werden kann. Demnach werde die Inzidenz auch unter Kindern weiter steigen. Die Maßnahmen der S3-Leitlinie seien noch nicht hinreichend umgesetzt. Von Off-Label-Impfungen raten die Experten jedoch ab.

Das Risiko, sehr schwere Verläufe zu erleiden und etwa intensivpflichtig zu werden oder zu versterben, ist für Kinder sehr, sehr gering, insbesondere in Deutschland“, erklärt Dr. Berit Lange, sie leitet die Klinische Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Das Hospitalisierungsrisiko für die 0- bis 4-jährigen Kinder liegt derzeit bei 2–4% und ist damit etwas höher als bei den Kindern bis etwa 15 Jahre; deren Hospitalisierungsrisiko beträgt etwa 0,5% – wenigstens bislang, so Lange. Der Grund dafür ist, dass das kindliche Immunsystem erst ab dem zwölften Lebensjahr dem eines Erwachsenen vergleichbar ist und bei kleineren Kindern die Schleimhäute eine sehr viel stärkere immunologische Barriere bilden als bei Erwachsenen. Eine kürzlich publizierte Studie aus Berlin hat gezeigt, dass SARS-CoV-2-Viren auf der kindlichen Schleimhaut sehr viel stärker neutralisiert werden und daher weniger gut in den Körper gelangen.1 Daneben scheint auch das bei Kindern noch sehr gute Gefäßsystem eine Rolle zu spielen.

Deltavariante: Ungeimpfte stärker betroffen

Die Reproduktionszahl R0 ist durch die Ausbreitung der Deltavariante von SARS-CoV-2 gestiegen und auch die Übertragbarkeit ist gegenüber der Alphavariante um etwa 30 bis 50% höher, so Lange: „Das heißt, das Virus verbreitet sich insgesamt schneller und befällt in kürzerer Zeit mehr Menschen. Das betrifft natürlich besonders die jungen Altersgruppen, die bisher nicht geimpft sind.“ Lange rechnet damit, dass im Herbst schneller mehr Menschen und auch Kinder betroffen sein werden. Nach den bisherigen Zahlen verläuft eine Infektion mit der Deltavariante etwas schwerer und das Risiko für einen Krankenhausaufenthalt ist etwa doppelt so hoch wie bei der Alphavariante, doch sind das hauptsächlich Zahlen für Erwachsene, weil nur wenige Kinder hospitalisiert werden.

Die Situation sei jedoch anders als im vergangenen Herbst, da es die Möglichkeit und die STIKO-Empfehlung gibt, Kinder ab 12 Jahren zu impfen, und weil inzwischen Test- und Hygienekonzepte etabliert seien, die im letzten Jahr, zumindest in Deutschland, noch nicht etabliert waren. Das beeinflusst den Verlauf der Pandemie positiv, doch haben Erwachsene inzwischen wieder mehr Kontakte, was die COVID-19-Fälle in den ungeimpften Altersgruppen der Kinder und der jungen Erwachsenen zwischen 25 und 30 wieder steigen lässt. Der gleiche Effekt sei im vergangenen Jahr auch zu beobachten gewesen, nur weniger ausgeprägt. Dazu kommt, dass durch die systematischen Tests in den Schulen nach den Ferien infizierte Kinder vermehrt identifiziert wurden und auch daher die Zahl der detektierten Infektionen anstieg. „Sie steigt aber auch ohne diesen Testeffekt insgesamt an. Und wir sehen einen Anstieg der Hospitalisierung insgesamt bei den Kindern auch auf ganz niedrigem Niveau, aber doch ansteigend“, und auch die Zahl der intensivpflichtigen Kinder steigt.

Mehr positive Kinder in der Klinik

Prof. Jörg Dötsch, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Köln, bestätigt: „Wir haben mehr Kinder mit einem positiven SARS-CoV-2-Abstrich in der Klinik. Und das nicht nur in unserer Klinik, sondern insgesamt in den Kliniken in Köln.“ Etwa 10% dieser Kinder würden wegen einer COVID-19-Erkrankung stationär aufgenommen. Auch die Zahlen des freiwilligen Melderegisters der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie bestätigen diese Daten: Im Juni und Juli wurden nur ein bis zwei Klinikaufnahmen pro Woche gemeldet, Anfang September waren es 15 bis 20 pro Woche, von denen drei Kinder und Jugendliche mit COVID-19als intensivpflichtig gemeldet wurden.

Kinder auf keinen Fall off-label impfen!

Ähnlich wie bei den Erwachsenen führen auch bei Kindern chronische Erkrankungen zu schwereren Verläufen. Vor allem gilt das für Kinder mit Multisystemerkrankungen und Adipositas. Der hohe Anteil adipöser Kinder könnte ein Grund für die vielen erkrankten Kinder in den USA sein. Auch Kinder mit anderen Grunderkrankungen gelten als gefährdet, „aber gerade Krebserkrankungen, schwere Nierenerkrankungen oder auch Diabetes haben nicht das Gefährdungspotenzial wie im Erwachsenenalter. Dennoch betrachten wir die betroffenen Kinder als potenziell stärker gefährdet“, so Dötsch. Diese Kinder und Jugendlichen seien bislang jedoch nicht so häufig betroffen, vielleicht, weil diese Familien sich schon lange besonders gut schützen.

„Auf gar keinen Fall sind wir für eine Off-Label-Impfung“, spricht sich Dötsch gegen eine grundsätzlich mögliche Off-Label-Impfung von besonders gefährdeten Kindern unter 12 Jahren aus, denn bei dieser Altersgruppe verläuft die Krankheit sehr leicht. Wie schwer die Abwägung ist, kann man daran ermessen, dass die STIKO nach der EMA-Zulassung trotz guter Datenlage sehr lange gebraucht hat, eine Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige auszusprechen. Die Daten für eine EMA-Zulassung der Impfung für Kinder von 6 bis 11 Jahren würden Ende September vorgelegt (zu Redaktionsschluss war diesnoch ausständig, Anm. d. Red.), Ende Oktober sollen diejenigen für die Gruppe der unter 6-Jährigen folgen. Dötsch hält es nicht für ratsam, jetzt übereilt zu agieren, stattdessen sollten für die Kinder die erprobten Schutzmaßnahmen durchgeführt werden.

Und er sieht die Verantwortung eindeutig bei den impfunwilligen Erwachsenen: „Wir haben im Moment noch über 15 Millionen, fast 17 Millionen nicht erstgeimpfte Erwachsene. Da ist das Problem. Die Erwachsenen haben die Pflicht, jene Menschen, die nicht geimpft werden können und dadurch gefährdet sind, mitzuschützen.“ Dieser Pflicht müssten Erwachsene noch viel mehr nachkommen, so Dötsch.

Dass sich im schlimmsten Fall alle Kinder anstecken werden, hält Dr. Lange für unwahrscheinlich, „aber es können sich in einem relativ kurzen Zeitraum sehr viele Kinder anstecken und das ist genau das, was wir jetzt verhindern müssen“. Entscheidend sei dabei für sie, dass die in der S3-Leitlinie2 geforderten Maßnahmen in ausreichendem Maße umgesetzt würden, so Lange.

Bericht:
Roland Müller-Waldeck

Virtuelles Pressebriefing des Science Media Center Deutschland „COVID-19 bei Kindern – Wie riskant wird der Herbst?“ am 6.9.2021

1 J. Loske et al.: Nature Biotechnology 2021; doi.org/10.1038/s41587-021-01037-9

2 S3-Leitlinie Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen. Lebende Leitlinie, Kurzfassung. AWMF-Registernummer 027-076, Version 1, Februar 2021, www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/027-076.html


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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