20. August 2021

Impfungen

Wie häufig sind Nebenwirkungen?

Die Bekämpfung der COVID-19-Pandemie hat Impfungen ein gewaltiges Interesse verschafft. Allerdings haben Berichte über die durch COVID-Impfstoffe ausgelösten Sinusvenenthrombosen die Aufmerksamkeit speziell auf die Risiken von Impfungen gelenkt. Im Folgenden wollen wir Nebenwirkungen und Komplikationen unserer Standardimpfungen besprechen, soweit sie nach dem heutigen Wissensstand als gesichert gelten, wollen aber auch die neuen Impfstoffe gegen COVID-19 betrachten. Außerdem werfen wir einen Blick auf unbewiesene Impfrisiken und nur vermutete oder frei erfundene Komplikationen.

KeyPoints

  • Unsere Standardimpfungen sind in der Regel gut bzw. sehr gut verträglich. Das gilt auch für die Impfstoffe gegen COVID-19, obwohl deren Rate an Nebenwirkungen etwas höher zu sein scheint. Darüber hinausgehende Impfkomplikationen sind sehr selten.

  • Bleibende Schäden durch Impfungen sind Einzelfälle, Todesfälle nach Standardimpfungen sind in den letzten Jahrzehnten nicht aufgetreten und unwahrscheinlich. Allerdings sind nach Gabe des COVID-19-Impfstoffs von AstraZeneca einige Geimpfte infolge eines TTS verstorben (2,4/1.000.000). Bei der Beurteilung der Risiken muss jedoch immer berücksichtigt werden, dass die Gefährdung durch die zu verhindernde Erkrankung möglicherweise um ein Vielfaches höher ist!

  • Viel häufiger als impfbedingte Komplikationen sind Falschinformationen über Impfungen, etwa die Gefährlichkeit von Aluminium-haltigen Adjuvantien. Dadurch verursachte Schädigungen konnten aber bis heute nicht belegt werden.

  • Koinzidenz bedeutet nicht Kausalität!

Angst vor tatsächlichen oder vermeintlichen Nebenwirkungen und Komplikationen ist der häufigste Grund für die Ablehnung von Impfungen. Doch wie häufig sind solche Vorkommnisse tatsächlich? Und was ist wirklich impfbedingt – und was fälschlicherweise angenommen? Ist der eineinhalbjährige Junge, der von seinen ersten Laufversuchen etliche blaue Flecken davongetragen hat und mehrfach Nasenbluten hatte, wirklich „Opfer“ der Masern-Mumps-Röteln-Impfung vor 14 Tagen? Könnten die plötzlich aufgetretene Schwäche in Beinen und Armen, die Muskelschmerzen, das unmotivierte Schwitzen des bisher völlig gesunden und leistungsfähigen 60-jährigen Sportlehrers Folge einer Grippeimpfung vor drei Wochen sein? Oder wurde der tragische Tod eines vier Monate alten Mädchens durch die am Vortag durchgeführte Sechsfach-Impfung verursacht?

So sollte es sein: Wirkung einer Impfung

Ziel jeder Impfung ist es, eine spezifische Immunreaktion hervorzurufen, also die Bildung von gegen das Impfantigen gerichteten Antikörpern sowie B- und T-Lymphozyten zu induzieren.

Impfstoffe enthalten neben dem Impfantigen (oder Impfantigenen) Zusatzstoffe wie Stabilisatoren und Lösungsvermittler, Totimpfstoffe meist auch Adjuvantien. Oft finden sich auch Spuren von Substanzen, die während der Herstellung eingesetzt werden, etwa Antibiotika und keimtötende Mittel. Bis auf wenige Ausnahmen werden Impfstoffe intramuskulär oder subkutan injiziert. Im Gewebe trifft der Impfstoff auf Zellen des Immunsystems wie dendritische Zellen und Makrophagen. Es kommt zur Freisetzung von Zytokinen, die die Immunzellen aktivieren und die Bildung spezifischer Antikörper und spezifischer B- und T-Lymphozyten einleiten. Spezielle Zytokine, die Chemokine, locken weitere Immunzellen an und verstärken die initiale Immunreaktion.

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung

Zytokine haben allerdings auch Eigenschaften, die als Nebenwirkungen verspürt werden. Lokal macht sich dies als Schwellung, Rötung und Schmerz bemerkbar, systemisch kann es zu allgemeinem Krankheitsgefühl, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Gelenkbeschwerden und Fieber kommen. Diese Reaktionen treten relativ bald nach einer Impfung auf – gelegentlich schon nach wenigen Stunden –, klingen aber in der Regel nach spätestens zwei bis drei Tagen ab. Ähnlich, wenn auch im Schnitt etwas stärker und manchmal auch länger andauernd, sind die Nebenwirkungen der bei uns zugelassenen mRNA- und Vektorimpfstoffe gegen COVID-19.

Nach Lebendimpfstoffen kann nach ein bis drei Wochen eine sogenannte Impfkrankheit auftreten. Die Symptome sind ähnlich wie die der Erkrankung, gegen die geimpft wurde, jedoch stark abgeschwächt.

Wenn die Reaktion zu heftig ist: Impfkomplikationen

Die beschriebenen Reaktionen sind Ausdruck der normalen Auseinandersetzung des Organismus mit dem Impfstoff. Sie sind allerdings sehr variabel und nicht nur vom Impfstoff, sondern auch von der individuellen Situation des bzw. der Geimpften abhängig. Darüber hinausgehende Krankheitserscheinungen werden als Komplikationen bezeichnet. Sie sind nach dem Infektionsschutzgesetz meldepflichtig.

Allergische Reaktionen

Als Komplikationen gelten allergische Reaktionen auf verschiedene Inhaltsstoffe von Impfstoffen, unter anderem Antibiotika, Gelatine oder Hühnereiweiß. Sie sind insgesamt sehr selten, treten allerdings gehäuft bis hin zu Anaphylaxien nach Impfung mit Impfstoffen gegen COVID-19 auf.1 Im Fall des Impfstoffs von BioNTech/Pfizer werden sie möglicherweise ausgelöst durch Polyethylenglykol, das Bestandteil der Lipid-Nanopartikel dieses Impfstoffs ist.2 Neben diesen Allergie-bedingten Komplikationen unterscheiden wir generelle Reaktionen (Tab. 1), die nach allen oder bestimmten Gruppen von Impfstoffen zu beobachten sind, und impfstoffspezifische Reaktionen (Tab. 2).3

Wie die Beispiele in den Tabellen zeigen, können Impfstoffe Autoimmunphänomene auslösen. Unter besonderen Umständen sind dazu wahrscheinlich auch andere Impfstoffe, ähnlich wie Infektionen, in der Lage, allerdings dürften derartige Reaktionen extrem selten sein.

Wie häufig sind Nebenwirkungen und Komplikationen tatsächlich?

In einer Studie des Robert-Koch-Instituts, in der Eltern zur Verträglichkeit der Kinderimpfungen befragt wurden, gaben die Befragten an, in 2,1% der Impfungen stärkere Nebenwirkungen festgestellt zu haben; als häufigste Reaktion wurde Fieber genannt.15

Von den 3.570 Verdachtsfällen von Impfnebenwirkungen und -komplikationen, die dem Paul-Ehrlich-Institut 2018 gemeldet wurden, gingen nur 82 Fälle mit bleibenden Schäden einher.16 Davon wurden 19 als „konsistent“ mit einem ursächlichen Zusammenhang mit der Impfung beurteilt, darunter Abszesse, Granulome und Weichteilnekrosen an der Injektionsstelle sowie mehrere verspätet gemeldete Fälle von Narkolepsie nach Impfungen gegen das Schweinegrippevirus 2008. Von den 22 gemeldeten Todesfällen wurde keiner als Impfkomplikation anerkannt.

Alle COVID-19-Impfungen zentral erfasst

Da alle Impfungen gegen COVID-19 zentral erfasst werden, ist es möglich, Nebenwirkungen und Komplikationen nicht nur der Gesamtzahl von Impfungen, sondern auch den einzelnen Impfstoffen zuzuordnen. Bis Ende April 2021 wurden fast 30 Millionen Impfungen durchgeführt und knapp 50.000 Verdachtsfälle auf Nebenwirkungen gemeldet. Das entspricht 170 Fällen/100.000 Impfungen.14 Die Häufigkeit schwerwiegender Reaktionen betrug 20/100.000. Dazu gehörten 147 Fälle von anaphylaktischen Reaktionen, die nach allen COVID-19-Impfstoffen annähernd ähnlich oft auftraten, aber auch gehäufte Komplikationen bei dem Impfstoff von AstraZeneca: 67 Fälle von TTS und 13 Fälle eines GBS, ein Wert, der die Spontaninzidenz des GBS um einen Faktor von fast 4 übertrifft.

Vermeintliche Impfnebenwirkungen und -komplikationen

In vielen Fällen besteht kein ursächlicher, sondern nur ein zeitlicher Zusammenhang einer vermeintlich impfbedingten Reaktion mit einer Impfung – für Impfgegner und impfkritische Personen aber ein Beweis für die schlechte Verträglichkeit und die Gefährlichkeit von Impfungen. Allerdings fallen selbst dem Impfen positiv gegenüberstehende Menschen gelegentlich solchen Fehleinschätzungen zum Opfer.

Als 2003 bekannt wurde, dass EU-weit fünf Säuglinge einen Tag nach der Impfung mit dem neu eingeführten Sechsfach-Impfstoff starben, traten nicht nur bei Impfgegnern Zweifel an der Ungefährlichkeit dieses Impfstoffs auf.17 Erst als klar war, dass Fälle von plötzlichem Kindstod nach Einführung der neuen Impfung nicht zugenommen hatten, und Studien keinen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Impfungen und plötzlichem Kindstod fanden, war das neue Vakzin rehabilitiert.18, 19

Auch zu Beginn der Impfaktion mit den mRNA-Vakzinen gegen COVID-19 kam es zu Todesfällen bei sehr alten Geimpften. Allerdings liegt die jährliche Sterberate in der anfänglich vorrangig geimpften Gruppe der über 80-Jährigen bei über 7.000 pro 100.000 Personen. Bei der Impfung von 100.000 Menschen dieser Altersgruppe war damit zu rechnen, dass bis zu 20 Personen einen Tag nach der Impfung sterben, ohne dass die Impfung dafür verantwortlich gemacht werden konnte. Natürlich wurde jedem einzelnen Fall genau nachgegangen, aber bislang konnte keinerlei Hinweis gefunden werden, dass die Impfung Todesfälle bei Hochbetagten verursacht.14

Von Impfkritikern besonders skeptisch betrachtet ist die Impfung gegen Humane Papillomviren (HPV). Immer wieder wurde behauptet, die Impfung verursache bei jungen Mädchen neurologische und autoimmune Erkrankungen und sogar Todesfälle. Mehrere groß angelegte, kontrollierte Studien konnten diese Annahmen widerlegen.20 Bei manchen Geimpften traten zwar innerhalb von sechs Monaten Autoimmunkrankheiten wie Colitis ulcerosa oder Hashimoto-Thyreoiditiden sowie Fazialisparesen oder venöse Thromboembolien auf. Stets fanden sich jedoch diese Erkrankungen in der gleichen Häufigkeit in der nicht geimpften Kontrollgruppe.21

Übeltäter Aluminium?

Häufig wird Aluminium, Bestandteil von Adjuvantien vieler Totimpfstoffe, als Ursache zahlreicher Komplikationen und Folgeschäden nach Impfungen angesehen.22 Aluminium, das in vielen Nahrungsmitteln, Kosmetika und Medikamenten enthalten ist, ist in höheren Konzentrationen tatsächlich toxisch. Es wird über die Nieren ausgeschieden und kann sich bei eingeschränkter Nierenfunktion im Organismus anreichern. Eine massive Überladung kann zu Anämie, Osteoporose, Arthritiden und im Extremfall zu einer progressiven Enzephalopathie führen, was von Impfgegnern als Beleg für die Gefährlichkeit der Aluminium-haltigen Adjuvantien ins Feld geführt wird. Allerdings ist das in den Adjuvantien enthaltene Aluminiumhydroxid oder -phosphat schwerlöslich. Aluminium wird daraus nur sehr langsam ins Blut freigesetzt und über die Nieren ausgeschieden, toxische Konzentrationen werden dabei nicht erreicht. Für die Beteiligung an der Entstehung von Autismus, Amyotropher Lateralsklerose oder Morbus Alzheimer gibt es nicht die geringsten Beweise.7

Und damit zurück zu unseren anfänglichen Beispielen: Tatsächlich sind die blauen Flecken und das Nasenbluten des Kleinen mit hoher Wahrscheinlichkeit die (sehr seltene und in der Regel harmlose) Folge der MMR-Impfung. Für die neurologischen Komplikationen unseres Sportlehrers, bei denen es sich wohl um ein Guillain-Barré-Syndrom handeln dürfte, könnte die Influenzaimpfung in Frage kommen (die GBS-Spontaninzidenz ist allerdings nur geringfügig niedriger). Der plötzliche Kindstod, so dramatisch er auch einen Tag nach der Impfung erscheint, ist dagegen, nach allem, was wir heute wissen, nicht der Impfung anzulasten.

Autor:
Prof. (i.R.) Dr. med. Wolfgang Jilg
Institut für Mikrobiologie und Hygiene
Universität RegensburgVon 1998–2010 Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert-Koch-Institut (RKI)

1 CDC COVID-19 Response Team; Food and Drug Administration. MMWR 2021; 70(2): 46–51

2 Risma KA et al.: J Allergy Clin Immunol 2021; 147(6): 2075–82.e2

3 Oberle D et al.: Bundesgesundheitsbl 2019; 62: 450–61

4 Streit R et al.: Bulletin zur Arzneimittelsicherheit 2016(3): 10–4

5 Oluwabusi T, Sood SK: Curr Opin Pediatr 2012; 24: 259–65

6 Vigo A et al.: Hum Vaccin Immunother 2017; 13: 1–4

7 Weisser K et al.: Bulletin zur Arzneimittelsicherheit 2015(3): 7–11

8 Cines DB, Bussel JB: N Engl J Med 2021; 384(23): 2254–6

9 Koch J et al.: Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 255–62

10 Oberle D et al.: Bulletin zur Arzneimittelsicherheit 2020(2): 10–9

11 Reef SE, Plotkin SA in: Plotkin‘s Vaccines, 7th ed. Philadelphia, PA: Elsevier, 2018: 970–1000

12 Mantadakis E et al.: J Pediatr 2010; 156: 623–8

13 Vellozzi C et al.: Clin Infect Dis 2014; 58: 1149–55

14 Paul-Ehrlich-Institut. Sicherheitsbericht vom 07.05.2021 (https://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/DE/newsroom/dossiers/sicherheitsberichte/sicherheitsbericht-27-12-bis-30-04-21.pdf?__blob=publicationFile&v=5)

15 Poethko-Müller C et al.: Bundesgesundheitsbl 2011; 54: 357–64

16 Mentzer D, Keller-Stanislawski B: Bulletin zur Arzneimittelsicherheit 2020(1): 15–22

17 arznei-telegramm 2003; 34(5): April 2003

18 Vennemann MMT et al.: Vaccine 2007; 25(2): 336–40

19 Robert Koch-Institut 2014 (https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Weitere_Studien/TOKEN_Studie/token_node.html; Zugegriffen: 26.02.2019)

20 Hviid A et al.: J Intern Med 2018; 283(2): 154–65

21 Thomsen RW et al.: Am J Epidemiol 2020; 189: 277–85

22 Tomljenovic L, Shaw CA: Curr Med Chem 2011; 18(17): 2630–7


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
Neueste Artikel
Paul-Ehrlich-Preis 2022

mRNA-Forscher für Impfstoffentwicklung ausgezeichnet

Die BioNTech-Gründer Özlem Türeci und Uğur Şahin sowie die leitende BioNTech-Forscherin Katalin Karikó werden mit dem Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis 2022 ausgezeichnet. Das ...

Spezialisierte Spürhunde

Tierische Tester erschnüffeln SARS-CoV-2

Hunde werden aufgrund ihres Geruchssinns zunehmend in der medizinischen Forschung eingesetzt. Sie sind in der Lage, infektiöse und nicht infektiöse Krankheiten wie verschiedene ...

Update der Leitlinie „Antibiotikatherapie bei HNO-Infektionen“

Antibiotika mit Bedacht einsetzen

Auch wenn bakterielle Erreger als Ursache einer akuten Rhinosinusitis (ARS), einer akuten Otitis media (AOM) oder einer akuten Tonsillitis vermutet werden, sollen diese Infektionen nicht ...