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27. April 2022

Strategietreffen Virushepatitis 2022

Kampf gegen Hepatitis B und C

Die WHO hat das Ziel ausgegeben, die Virushepatitis bis 2030 zu eliminieren. Um dieses Ziel zu erreichen, sind nicht nur wirksame Therapien nötig – die gibt es bereits. Vielmehr braucht es Aufklärung, um das Bewusstsein für Virushepatitiden zu schärfen, sowie Prävention und Früherkennung. Entsprechende Maßnahmen haben Experten bei einem „Strategietreffen Virushepatitis“ der Deutschen Leberstiftung und der Hepatitis B & C Public Policy Association in einem Positionspapier verabschiedet.

Schätzungsweise sind rund 240 Millionen Menschen weltweit mit dem Hepatitis-B-Virus (HBV) infiziert und mehr als 70 Millionen mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV). Jedes Jahr sterben mehr als eine Million Menschen an den Folgen der Infektion – die Virushepatitis ist damit eine der tödlichsten Infektionskrankheiten überhaupt. Daher hat die WHO bereits vor sechs Jahren das Ziel ausgerufen, die Virushepatitis bis zum Jahr 2030 weltweit zu eliminieren. „Wir haben hierfür exzellente medizinische Mittel“, erklärte Prof. Heiner Wedemeyer, Co-Direktor der europäischen Hepatitis B&C Public Policy Association (HepBCPPA) und Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Mithilfe neuer antiviraler Therapien lasse sich die Infektion nahezu nebenwirkungsfrei beherrschen, im Falle der HCV-Infektion sei binnen weniger Wochen sogar eine vollständige Heilung möglich. Gegen Hepatitis B stehe eine wirksame Impfung zur Verfügung. „Nun ist es eine ethische Frage, die Therapie auch zu den Menschen zu bringen“, betonte Wedemeyer, der das von der Deutschen Leberstiftung und der HepBCPPA organisierte Strategietreffen leitete.

Niemand kennt genaue Infektionszahlen

Hierzulande ist das genaue Ausmaß der HCV-/HBV-Infektionen jedoch nicht bekannt, wie Dr. Ruth Zimmermann, Epidemiologin am Robert-Koch-Institut (RKI), erklärte. Erhebungen des RKI gehen von mehreren Hunderttausend Infizierten aus. „Obwohl lange bekannt ist, dass die Infektionsrate bei Menschen mit intravenösem Drogenkonsum, Inhaftierten, Wohnungslosen und Menschen mit Migrationshintergrund deutlich erhöht ist, ist auch hier die Datenlage noch dünn“, kritisierte Prof. Stefan Zeuzem, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Leberstiftung und Geschäftsführender Direktor des Zentrums der Inneren Medizin am Universitätsklinikum Frankfurt am Main. Deshalb sollen die Infektionsraten in den besonders gefährdeten Gruppen sowie in der Gesamtbevölkerung besser erfasst werden.

Ein wichtiger Schritt dazu sei das Screening auf Hepatitis B und C im Rahmen der „Gesundheitsuntersuchung“ („Check-up 35“), waren sich die Experten einig. Das Problem dabei: Gerade die vulnerablen Gruppen werden durch den Check-up 35 weniger gut erreicht. Die Experten wünschen sich daher Strategien, die den Menschen dort ein Testangebot machen, wo sie sich aufhalten – etwa in Einrichtungen der Drogen- oder der Obdachlosenhilfe. Dort seien die Betroffenen sehr offen für Testangebote und eine mögliche Therapie, die dann entgegen gängigen Vorurteilen meist auch durchgehalten werde.

Eine weitere Forderung ist, kleinere Drogendelikte zu entkriminalisieren, um Behandlungsbarrieren im Suchtbereich abzubauen. Damit könne Menschen mit intravenösem Drogenkonsum der Zugang zu Safer-Use-Praktiken erleichtert werden. Wenn es zu einer Inhaftierung komme, könne dies theoretisch auch gesundheitliche Chancen bieten. In Einrichtungen des Strafvollzugs wird wie auch in Suchtkliniken oft konsequent auf Hepatitisviren getestet und behandelt.

Gegen die Stigmatisierung angehen

Bei der Bekämpfung der Virushepatitis treffen medizinische und gesellschaftspolitische Aspekte aufeinander. „Patienten mit einer Virushepatitis sind noch immer häufig von Stigmatisierung betroffen“, so Wedemeyer. Zudem glaubten viele Menschen, es gebe keine wirksamen Medikamente oder nur solche mit sehr starken Nebenwirkungen, sagte er.

Daneben behindern rechtliche Hürden oft die Elimination der Virushepatitiden: Obwohl Psychiater und Suchtmediziner überdurchschnittlich viele mit Virushepatitis Infizierte unter ihren Patienten haben, verschreiben sie die wirksamen antiviralen Mittel aus Angst vor Regressforderungen eher selten. „Hier wäre es wichtig, Rechtssicherheit zu schaffen“, forderte Wedemeyer von den am Strategietreffen teilnehmenden Politikern.

Wie immer: eine Frage des Geldes

Die beschlossenen Maßnahmen umzusetzen kostet Geld. „Hier geht es zum einen um die Finanzierung der Therapie selbst“, sagte Wedemeyer mit Blick auf die oft nicht krankenversicherten Patienten in den Risikogruppen. Zum anderen müssten Einrichtungen wie die Drogenhilfe besser mit Personal ausgestattet werden, um die zusätzlichen Aufgaben bei der Hepatitistestung und der Therapieanbahnung bewältigen zu können. „Daher ist es wichtig, die Viruselimination seitens der Politik prioritär zu behandeln“, betonte Prof. Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie der Technischen Universität München (TUM) und bei Helmholtz Munich. Wie viel möglich sei, wenn die Politik die Notwendigkeit erkannt habe, zeige die COVID-19-Pandemie, so Protzer. Voraussetzung dafür sei es, Virushepatitiden in ihren vielen Facetten jenseits der reinen Medizin anzuerkennen. „Das WHO-Ziel kann nur im Schulterschluss von Wissenschaft, Medizin, Wirtschaft, Patientenorganisationen und Politik erreicht werden“, resümierte Wedemeyer.

Bericht: Dr. Corina Ringsell

Presseaussendung der Deutschen Leberstiftung


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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