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30. April 2021

Funktionelle Verdauungsstörungen

Keine organische Ursache – trotzdem krank

Funktionelle Störungen des Magen-Darm-Trakts wie Dyspepsie und das Reizdarmsyndrom gehören zu den häufigen Beratungsanlässen in der allgemeinärztlichen Praxis.1 Betroffen sind Patienten jeden Alters, deren Lebensqualität oft deutlich beeinträchtigt ist. Die Suche nach der Ursache gestaltet sich meist schwierig und bleibt nicht selten ohne Erfolg.

Funktionelle Verdauungsstörungen sind chronische (Dauer mindestens drei Monate) oder rezidivierende, multifaktorielle Krankheiten, für die keine organische Ursache gefunden werden kann (Tab. 1). Die häufigsten Symptome sind Oberbauchschmerzen, Sodbrennen, Völlegefühl, Blähungen, Bauchschmerzen/-krämpfe, Verstopfung oder Durchfall (Abb.1).2, 3

Zuerst andere Krankheiten ausschließen

Die Diagnose einer funktionellen Verdauungsstörung ist vor allem eine Ausschlussdiagnose. Daher ist eine sorgfältige und umfassende Anamnese, die auch die Ernährungsgewohnheiten und psychische Faktoren einschließt, die Basis für das weitere Vorgehen. Die Basisdiagnostik umfasst zudem:2, 3

  • Körperliche (inkl. rektale) Untersuchung

  • Basislabor (inkl. Zöliakie-Antikörper und Stuhluntersuchungen auf intestinale Entzündungsmarker wie Calprotectin sowie Erreger, z.B. Lamblien)

  • Abdomenultraschall

  • Gynäkologische Untersuchung bei Frauen

Zusätzlich werden empfohlen:2, 3

  • Ileokoloskopie (bei Diarrhö Stufenbiopsien obligat)

  • Magenspiegelung (mit Duodenalbiopsien)

  • Bei Verdacht individuell bildgebende Verfahren

Abb. 1: Funktionelle Magen-Darm-Störungen haben überlappende Symptome

Psyche und Darm – eng verbunden

Häufig sind Magen-Darm-Infektionen Auslöser anhaltender gastrointestinaler Beschwerden. Beispiele dafür sind das postinfektiöse Reizdarmsyndrom oder mit Helicobacter pylori assoziierte dyspeptische Beschwerden. Aber auch akute und chronische Belastungen wie Stress, Ernährungsumstellung, psychosomatische Begleiterkrankungen können die Verdauungsfunktion nachhaltig beeinflussen. In den letzten Jahren sind deshalb das biopsychosoziale Modell und die Hirn-Darm-Achse immer mehr in den Fokus gerückt. Redensarten wie „Das schlägt mir auf den Magen“, „Das ist schwer zu schlucken“, „Schmetterlinge im Bauch haben“ zeugen davon, dass wir schon lange wissen, dass Emotionen und Stress einen Einfluss auf das Magen-Darm-System haben.

Heute geht man davon aus, dass genetische und soziokulturelle Einflüsse sowie Umweltfaktoren die psychosoziale Entwicklung und damit Persönlichkeitsmerkmale, Stressanfälligkeit, psychologische Aspekte, kognitive Fähigkeiten und Bewältigungsstrategien beeinflussen. Diese Faktoren beeinflussen auch die Anfälligkeit für Störungen der Darmfunktion: abnorme Motilität oder Empfindlichkeit, eine veränderte Immunfunktion oder Entzündung der Schleimhaut, das mikrobielle Milieu sowie die Wirkung von Nahrungsmitteln und Nährstoffen. Darüber hinaus beeinflussen diese Hirn-Darm-Variablen wechselseitig die ZNS-Expression (Abb. 2).4 Funktionelle gastrointestinale Störungen sind demnach ein Produkt dieser Interaktionen zwischen psychosozialen Faktoren und veränderter Darmphysiologie via Hirn-Darm-Achse.4 Es ist deshalb wichtig, in der Betreuung von Patienten mit funktionellen Verdauungsstörungen auch den psychosozialen Faktoren Beachtung zu schenken.

Abb. 2: Konzeptuelle Darstellung der biopsychosozialen Pathogenese, der klinischen Erfahrung und der Auswirkungen von funktionellen gastrointestinalen Störungen (adaptiert nach: Drossmann DA)4

Oberstes Therapieziel: Beschwerden lindern

Die Behandlung von funktionellen Verdauungsstörungen ist eine rein symptomatische. Die primären Ziele sind die Linderung der Blähungen, Krämpfe und Schmerzen sowie die Stuhlregulierung und die Verbesserung der Lebensqualität. Vor allem bei Reizdarmsyndrom sind ernährungsmedizinische Maßnahmen sinnvoll. Herrschen Schmerzen, Blähungen und Diarrhö vor, ist eine FODMAP-Diät empfehlenswert. FODMAP steht für fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide und Polyole. Dabei handelt es sich um kurzkettige Kohlenhydrate, die im Dünndarm schlecht absorbiert werden. Sie werden spätestens im Dickdarm osmotisch aktiv und dort rasch fermentiert. Die Folgen sind Bauchschmerzen, Blähungen und ein weicher, voluminöser Stuhl. Eine FODMAP-arme Ernährung eliminiert zahlreiche Nahrungsmittel und sollte daher in Zusammenarbeit mit einer medizinischen Ernährungsberatung erfolgen, um zu starke Einschränkungen und eine Mangelernährung zu vermeiden.5

Sinnvolle Begleitmaßnahmen sind Sport bzw. körperliche Aktivität und Entspannungstechniken, da funktionelle Verdauungsbeschwerden häufig im Zusammenhang mit Stress oder Emotionen stehen. In manchen Fällen kann auch eine psychologische/psychosomatische Intervention hilfreich sein.5

Medikamentöse Behandlung

Die medikamentöse Therapie sollte symptomorientiert erfolgen (Tab. 2). Hier haben sich mehrere phytotherapeutische Präparate als wirksam erwiesen und sie sollten individuell ins Behandlungskonzept aufgenommen werden. Geeignete Medikamente sind zum Beispiel die Kombination aus ätherischem Pfefferminz- und Kümmelöl.2 Pfefferminzöl wirkt durch die Bindung von Menthol an den TRPM8-Rezeptor schmerzlindernd und spasmolytisch, indem es den Kalziumeinstrom in die Muskelzelle hemmt.6 Kümmelöl wird vor allem bei Blähungen und Völlegefühl eingesetzt, da es entblähend wirkt. Es senkt die Oberflächenspannung von Schäumen im Nahrungsbrei, reduziert die Gasbildung im Darm und hemmt selektiv pathogene Mikroorganismen des Darms, ohne die nützlichen Darmmikroorganismen zu beeinträchtigen.7, 8

Bei Dyspepsie können darüber hinaus evidenzbasiert Protonenpumpenblocker, eine Helicobacter-pylori-Eradikationstherapie oder Antidepressiva eingesetzt werden.2

Autor:
Prof. Dr. med. Stephan Vavricka
Facharzt für Innere Medizin und
Gastroenterologie FMH Spez. Hepatologie
Zentrum für Gastroenterologie und Hepatologie AG
Zürich

1 Rich G et al.: A randomized placebo-controlled trial on the effects of menthacarin, a proprietary peppermint- and caraway-oil-preparation, on symptoms and quality of life in patients with functional dyspepsia. Neurogastroenterol Motil 2017; 29: doi: 10.1111/nmo.13132
2 Madisch A et al.: The diagnosis and treatment of functional dyspepsia. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 222-32
3 Andresen V et al.: Reizdarmsyndrom – eine Krankheit. Dt Med Wochenschr 2018; 143: 411-9 4 Drossman DA: Functional gastrointestinal disorders: history, pathophysiology, clinical features and Rome IV. Gastroenterology 2016; 150: 1262-79
5 Layer P et al.: S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Gemeinsame Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM). Z Gastroenterol 2011; 49:237-93
6 Blackshaw LA et al.: TRP channels: new targets for visceral pain. Gut 2010; 59: 126-35
7 Koch E et al.: Beitrag schaumhemmender Effekte von Pfefferminz- und Kümmelöl zu den karminativen Wirkungen von Menthacarin. Z Phytother 2015; 36: S34-5
8 Hawrelak JA et al.: Essential oils in the treatment of intestinal dysbiosis: a preliminary in vitro study. Altern Med Rev 2009; 14: 380-4


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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