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25. Juli 2022

Harnwegsinfektionen

Unterschiede bei Mann und Frau

Harnwegsinfektionen (HWI) zählen zu den häufigsten bakteriellen Infektionen. Global entwickelt sich das Management von HWI zunehmend zu einem gesundheitspolitischen Thema von sozioökonomischer Relevanz. Jährlich sind etwa 150 Millionen Menschen von einer HWI betroffen.1

Frauen – häufig eher unkomplizierte HWI

Jede zweite Frau wird einmal im Leben eine Infektion des Harntraktes entwickeln und eine von vier Betroffenen wird ein Rezidiv innerhalb der folgenden sechs bis zwölf Monate erleiden.2,3 Häufig sind HWI bei Frauen unkompliziert, das bedeutet, dass keine funktionellen oder anatomischen Behinderungen, keine Nierenfunktionsstörungen und keine relevanten Komorbiditäten vorliegen, die eine HWI begünstigen.

Risikofaktoren umfassen häufigen und promiskuitiven Geschlechtsverkehr, Gebrauch von Diaphragmen und Spermiziden und eine positive Anamnese für HWI. Ursächlich für komplizierende HWI bei Frauen können Prolaps, Inkontinenz und Diabetes mellitus Typ 2 sein.

Klassische Symptome sind Algurie, Dysurie, imperativer Harndrang, suprapubische Schmerzen, auch eine Makrohämaturie ist möglich. Bei vaginalen Beschwerden wie Juckreiz und Ausfluss sollten gynäkologische Ursachen differentialdiagnostisch erwogen werden.

Erreger und Urindiagnostik

Escherichia coli (E. coli) ist mit mehr als 75% mit Abstand der häufigste Erreger der unkomplizierten Zystitis, gefolgt von Proteus mirabilis, Klebsiella pneumoniae, Enterococcus faecalis und Staphylococcus saprophyticus.4,5

Bei der Erstvorstellung sollte eine symptombezogene Untersuchung mit Anamnese erfolgen. Zur Urindiagnostik stehen Urinteststreifen, die mikroskopische Untersuchung von steril gewonnenem Mittelstrahlurin und die Urinkultur zur Verfügung. Bei eindeutigem klinischem Beschwerdebild ist eine mikrobiologische Untersuchung nicht erforderlich, jedoch wird die Urinkultur im Falle von Rezidiven empfohlen.6

Management der HWI bei Frauen

Bei ausgeprägten Beschwerden einer Zystitis sind Fosfomycin, Pivmecillinam, Nitrofurantoin und Nitroxolin antibiotische Maßnahmen der ersten Wahl.6 Akut sind aber auch symptomorientierte Ansätze wie die Gabe von Phytopharmaka oder Analgetika möglich.7,8 Für die Rezidivprophylaxe stehen Probiotika, die lokale Östrogenisierung mit Estriol, D-Mannose, Phytopharmaka und Immunstimulanzien zur Verfügung, die als nichtantibiotische Maßnahmen klinisch in Erwägung gezogen werden können, um den Antibiotikakonsum zu reduzieren.

Männer – an komplizierende Faktoren denken

Bei Männern sollte in der Regel von komplizierten HWI ausgegangen werden. Anamnestisch wegweisend können Fragen zu Miktionsbeschwerden, skrotale und perineale Schmerzen sowie Fluor urethralis sein. Neben der körperlichen Untersuchung von Abdomen, Genitale, Hoden und einer digital-rektalen Untersuchung ist die sonografische Untersuchung ein allgemein wichtiger diagnostischer Schritt für die weitere Abklärung (organbezogene Entzündungszeichen, erhöhter postmiktioneller Restharn, Hydronephrose). Im Folgenden werden infektiologische Entitäten kurz dargestellt.

Urethritis: möglicher Hinweis auf STI

Berichtet der Patient über Brennen in der Harnröhre, eitrigen Ausfluss (morgens) und Dysurie müssen Erreger für sexuell übertragbare Infektionen (STI) wie Chlamydia trachomatis, Neisseria gonorrhoeae, Mycoplasma genitalium, Ureaplasma urealyticum und Trichomonas vaginalis in Betracht gezogen werden.9 Zur Erregerdifferenzierung wird die PCR-basierte Diagnostik von Abstrichen oder Erststrahlurin für das STI-Spektrum empfohlen.10

Die kalkulierte antibiotische Behandlung gemäß Leitlinie besteht aus Azithromycin und Ceftriaxon jeweils als Einmalgabe.11 Nach Erhalt der mikrobiologischen Ergebnisse kann die Therapie gegebenenfalls angepasst werden.

Bakterielle Prostatitis: Antibiotika nötig

Die akute bakterielle Prostatitis ist oft assoziiert mit Schmerzen (perineal, anal, skrotal), Miktionsbeschwerden und Fieber. Häufigster Erreger ist E. coli. Die digital-rektale Untersuchung zeigt eine geschwollene und äußerst druckdolente Prostata an. Auf eine Prostatamassage sollte aufgrund des Risikos einer Bakteriämie verzichtet werden. Sind Fluktuationen während der digitalen Untersuchung spürbar, dann kann dies behutsam im transrektalen Ultraschall bildlich verifiziert werden, um das Ausmaß einer Abszedierung festzustellen.

Zum Keimnachweis ist die Urinkultur aus Mittelstrahlurin empfohlen. Bei Vorliegen von systemischen Infektionszeichen ist die laborchemische Untersuchung und Entnahme von Blutkulturen angezeigt.10

Die akute bakterielle Prostatitis bedarf einer antibiotischen Behandlung von mindestens 14 Tagen. Kalkuliert sind Fluorchinolone weiterhin Mittel der ersten Wahl und in dieser Indikation zugelassen. Bei ausgeprägten Beschwerden, die eine stationäre Aufnahme notwendig machen, ist die intravenöse kalkulierte Gabe von Breitspektrumpenicillinen mit Betalaktamaseinhibitoren oder Cephalosporinen der III.Generation oder Fluorchinolonen indiziert.10

Epididymitis: Labordiagnostik einleiten

Die häufigste Ursache für skrotale Schmerzen des Mannes ist die Epididymitis/Epididymoorchitis. Patienten berichten meistens über skrotale Schmerzen, Schwellung bis hin zu Fieber. Das Erregerspektrum umfasst sowohl Erreger für STI als auch klassische Harnwegserreger der Enterobacterales mit E. coli als häufigstem Uropathogen. Die Urindiagnostik mittels PCR-Test aus Erststrahlurin oder urethralem Abstrich für das STI-Spektrum und Urinkultur aus Mittelstrahlurin für Enterobacterales ist für die Identifizierung des ursächlichen Erregers erforderlich.10 Eine Ultraschalluntersuchung bestätigt den typischen klinischen Befund (aufgefächerter Nebenhoden, Hyperperfusion). Sie ist zudem für die Beurteilung von Differentialdiagnosen wie die Hodentorsion hilfreich, kann diese allerdings bei unklarem sonografischem Befund nicht absolut sicher ausschließen.

Eine kalkulierte antibiotische Therapie sollte idealerweise beide potenzielle Erregerspektren abdecken. Aus der Gruppe der Fluorchinolone ist im kalkulierten Setting Levofloxacin p.o. für 10 bis 14 Tage geeignet, da es zusätzlich eine antimikrobielle Aktivität gegen Chlamydien aufweist.10 Hodenhochlagerung und Kühlung als supportive Therapie können die Symptomatik zusätzlich lindern.

KeyPoints

  • Die unkomplizierte Zystitis ist eine der häufigsten bakteriellen Infektionen der Frau. Neben der Behandlung mit Antibiotika stehen auch nichtantibiotische Optionen für Therapie und Prophylaxe zur Verfügung.

  • Harnwegsinfektionen des Mannes sollten als kompliziert angesehen werden. Die Abklärung von komplizierenden Faktoren sollte durch eine urologische Konsultation erfolgen.

  • Diagnostik und Behandlung von bakteriellen Infektionen des männlichen Harntraktes bedürfen je nach klinischem Beschwerdebild eines gezielten organspezifischen Vorgehens.

Literaturtipp
Ausführlichere Informationen zur Therapie unkomplizierter HWI finden Sie online .

Autoren
Troya Ivanova
Prof. Dr. med. Christian G. Stief
PD Dr. med. Giuseppe Magistro
Urologische Klinik und Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München

Interessenkonflikte: Die Autoren haben keine deklariert.

1 Stamm WE, Norrby SR: J Infect Dis 2001; 183 Suppl 1: S1–4

2 Foxman B: Am J Public Health 1990; 80 (3): 331–3

3 Foxman B et al.: Ann Epidemiol 2000; 10 (8): 509–15

4 Kahlmeter G: J Antimicrob Chemother 2003; 51 (1): 69–76

5 Naber KG et al.: Eur Urol 2008; 54 (5): 1164–75

6 Interdisziplinäre S3 Leitlinie Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei erwachsenen Patienten. Aktualisierung 2017; AWMF-Register-Nr. 043/44

7 Gagyor I et al.: BMJ 2015; 351: h6544

8 Wagenlehner FM et al.: Urol Int 2018; 101 (3): 327–36

9 Wetmore CM et al.: Sex Transm Dis 2011; 38 (3): 180–6

10 Bonkat GB et al.: EAU Guidelines on Urological Infections 2021

11 S2K Leitlinie Sexuell übertragbare Infektionen (STI) – Beratung, Diagnostik und Therapie. AWMF-Registernummer 059-006


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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