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28. August 2022

Depressionen und depressiv Erkrankte

Angehörige nicht vergessen!

Depressionen erzeugen nicht nur bei den Betroffenen einen hohen Leidensdruck: Auch die Angehörigen leiden häufig mit und benötigen selbst Hilfe. Entsprechende Angebote stehen aber nicht immer zur Verfügung. Ein Ausweg sind Onlineprogramme. Forschende der Universitätsklinik Freiburg untersuchen nun eine solche Onlinehilfe. Marina Schmölz, Psychologin M.Sc. am Institut für Allgemeinmedizin der Uniklinik, sprach mit uns über die WESPA-Studie „Gemeinsam durch die Depression“.

Frau Schmölz, Sie sind Mitarbeiterin der WESPA-Studie zur Überprüfung einer Onlinehilfe für Angehörige von depressiv Erkrankten. Was untersucht die Studie genau?

▸▸▸M. Schmölz: In der Studie wird ein Online-Selbsthilfeprogramm untersucht, das Angehörigen von depressiv Erkrankten Wissen über Depressionen und den Umgang mit der Krankheit vermittelt. Dieser „Online-Coach“ wird um zwei unterschiedliche Arten der Begleitung erweitert: entweder individueller E-Mail-Support oder automatisierte Nachrichten. Dies sind die beiden Interventionsgruppen. Teilnehmende Angehörige werden zufällig einer der Gruppen zugeteilt. Die dritte Gruppe, die Kontrollgruppe, erhält zunächst psychoedukatives Material und nach vier Wochen Zugang zum Online-Coach. Das Ziel der Studie ist es in erster Linie, die psychosoziale Belastung und das Erkrankungsrisiko der Angehörigen von depressiv Erkrankten zu reduzieren. Außerdem soll dadurch der Verlauf der Depression selbst positiv beeinflusst werden. Schließlich interessiert uns, inwieweit es Unterschiede in der Akzeptanz und Nutzung der beiden Interventionsarten gibt.

Warum ist Unterstützung für die Angehörigen von depressiv Erkrankten notwendig und wichtig?

▸▸▸M. Schmölz: Eine depressive Erkrankung ist neben anhaltender Niedergeschlagenheit mit Symptomen wie Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit, Antriebslosigkeit, Freudverlust verbunden und führt häufig zum Rückzug aus sozialen Kontakten. Unweigerlich verändert und belastet dies auch Beziehungen. Angehörige, die mit einer depressiven Person leben oder ihr nahestehen, leiden häufig mit, sind hilflos im Umgang mit der „veränderten“ Person oder finden keinen Zugang mehr zu ihr. Sie können selbst Schuldgefühle entwickeln, zum Beispiel, weil sie sich vorwerfen, es nicht zu „schaffen“, der betroffenen Person zu helfen. Oft ist es auch schwer auszuhalten, dass sich beispielsweise die Partnerin immer mehr verschließt und gleichzeitig enorm zu leiden scheint und das Leben nicht mehr erträgt. Dies kann neben der Sorge um die Betroffenen frustrierend sein und verärgern oder einen selbst traurig werden lassen. Häufig müssen auch vermehrt pflegerische oder alltagsstrukturierende Aufgaben übernommen werden, da der erkrankten Person alles zu viel ist. Viele Angehörige stellen dann eigene ressourcenstärkende Aktivitäten zurück, um Zeit für die erkrankte Person zu haben. So kann ein Teufelskreis entstehen: Indem Angehörige ihre eigene Selbstfürsorge vernachlässigen, wird ihre Belastungstoleranz vermindert, was sich wieder negativ auf die erkrankte Person auswirkt. Außerdem haben Angehörige auch selbst ein erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken. Das wollen wir vermeiden, denn bei der Hälfte der Menschen, bei denen erstmalig eine depressive Episode auftritt, kommt es zu rezidivierenden Episoden. Trotz dieser Belastungen und Wechselwirkungen sind Angehörige von psychisch erkrankten Menschen eine im Gesundheitssystem vernachlässigte Gruppe.

Wie funktioniert diese Onlinehilfe, was sind die Inhalte?

▸▸▸M. Schmölz: Die interaktive Onlinehilfe besteht aus mehreren Modulen (Abb.). Diese umfassen Informationen zu Psychoedukation, beispielsweise: Was ist eine Depression, wie wird sie behandelt, was kann ich tun bei Suizidgedanken? Ein weiteres Modul betrifft die Beziehung zur erkrankten Person: Wie können Vorwürfe vermieden werden, wie kann die Beziehung gestärkt werden? Im Modul Selbstfürsorge geht es darum, was Angehörige für sich tun können, um sich zu stärken und zu entspannen. Im Modul „Depression und Alltag“ wird anhand von Videobeispielen gezeigt, wie man mit der Symptomatik von depressiven Menschen – etwa mit ausgeprägter Antriebslosigkeit – umgehen kann. Das Ziel ist aufzuklären und beim Aufbau neuer Verhaltensweisen zu unterstützen. Hierzu sind vor allem die interaktiven Übungen und Videos hilfreich.

Im Rahmen der Studie werden die Teilnehmenden gebeten, vor der Nutzung des Onlineangebots, direkt nach Beendigung (nach vier Wochen) sowie nach weiteren drei Monaten (Follow-up) Fragebögen auszufüllen.

Wie rekrutieren Sie die Teilnehmer und welche Einschlusskriterien müssen die Probanden erfüllen?

▸▸▸M. Schmölz: Wir versuchen das Angebot möglichst weit zu verbreiten. Da es ein Onlineprogramm ist, erweist sich der Weg online als äußerst wirkungsvoll. Anzeigen zur Studie werden über die Webseite des Kooperationspartners Stiftung Deutsche Depressionshilfe (SDD) geschaltet. Über eine Unterseite der SDD speziell für Angehörige erreichen die Informationen Menschen, die bereits aktiv nach Informationen suchen. Die SDD verfügt über lokale Bündnisse, die vor Ort Informationen (Flyer, Poster) an Betroffene wie auch an Behandler vermitteln. Psychiatrische und psychosomatische Kliniken werden ebenfalls informiert. Wir vom Institut für Allgemeinmedizin informieren unsere kooperierenden Lehr- und Forschungspraxen und versuchen über Bekanntmachung wie in Ihrer Zeitschrift möglichst viele niedergelassene Hausärzte und Hausärztinnen bundesweit zu erreichen.

Teilnehmen können Personen ab 18 Jahren, die Deutsch sprechen und enge Bezugsperson (verwandt oder befreundet) eines depressiven Erwachsenen sind. Notwendig sind eine E-Mail-Adresse und ein Internetzugang.

Die WESPA-Studie auf einen Blick

Projektleitung: Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Prof. Dr. phil. Elisabeth Schramm) und Institut für
Allgemeinmedizin (Prof. Dr. med. Andy Maun) des Universitätsklinikums Freiburg

Weitere Konsortialpartner: Stiftung Deutsche Depressionshilfe, H6 Kommunikationsagentur Berlin

Teilnahmekriterien: Angehörige und andere Bezugspersonen depressiv Erkrankter; Mindestalter 18 Jahre; depressiv Erkrankte der teilnehmenden Bezugspersonen ab 18 Jahre

Teilnahmezeitraum der Probanden: 4 Wochen

Ablauf: Online-Erhebungen (Selbstbeurteilung) vor und nach der Intervention sowie Follow-up nach 3 Monaten, jeweils 30–45 Minuten; pro Lehrmodul

Selbsthilfe: 1,5–2 Stunden über die 4 „Interventionswochen“ verteilt
Aufwandsentschädigung: 10 € pro Erhebungszeitpunkt (max. 30 €)

Förderer: Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses

Wie können sich Hausärztinnen und Hausärzte in das Projekt einbringen?

▸▸▸M. Schmölz: Hausärztinnen und Hausärzte sind meist die erste Anlaufstelle für die Betroffenen. Gleichzeitig sind sie oft diejenigen, die die Patienten schon längere Zeit behandeln und so auch um die jeweilige Familien- oder soziale Situation wissen. Außerdem ist es vonseiten der Betroffenen wichtig, dass sie niederschwellig in Kontakt mit Hilfsangeboten kommen. Noch immer bestehen große Hürden wie Scham und Angst vor Stigmatisierung. Viele wissen nicht, dass ihre Überforderung und Belastung veränderbar und „Grund genug“ sind, um Hilfe in Anspruch zu nehmen. Weitere Hürden können sein: lange Anfahrtswege, Wissen um das ausgelastete Psychotherapiesystem etc. Da ist es erstens niederschwellig, seine/n (vielleicht schon über Jahre bekannte/n) Hausarzt oder Hausärztin zu fragen und zweitens von zu Hause aus bequem online und anonym einen ersten Schritt zu wagen. Die Ärzte müssen nur die Information zum Onlineprogramm (siehe „Teilnehmer willkommen!“) weitergeben, was im eng getakteten Praxisalltag auch entlastend sein kann.

Wann rechnen Sie mit ersten Resultaten und wie sieht der weitere Weg aus?

▸▸▸M. Schmölz: Die Teilnahme ist noch bis Ende November 2022 möglich. Anschließend werden die Daten ausgewertet und veröffentlicht. Bei positivem Ergebnis wird das Onlineprogramm auch weiterhin – im besten Fall kostenlos – mit oder ohne individuelle Begleitung zur Verfügung gestellt. Es ist uns wichtig, frühzeitig Angehörige mit Belastungen zu erreichen, Wissen zu vermitteln und sie in ihrer Selbstwirksamkeit zu bestärken.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dr. Corina Ringsell

Teilnehmer willkommen!

Hausärztinnen und Hausärzte können die Studie unterstützen und interessierte Angehörige von depressiv Erkrankten darauf aufmerksam machen.

Die Teilnahme ist noch bis einschließlich Ende November 2022 möglich.

Informationen für Ärzte:


www.uniklinik-freiburg.de/allgemeinmedizin/wespa.html

Der Infoflyer fürs Wartezimmer kann angefordert werden unter:


www.uniklinik-freiburg.de/allgemeinmedizin/kontakt-forschung.html

Patienteninformationen zur Studie:


www.gemeinsam-durch-die-depression.de

Unsere Interviewpartnerin
Marina Schmölz M.Sc. psych.
Universitätsklinikum Freiburg
Institut für Allgemeinmedizin


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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