© 216116467

3. Februar 2023

Interview: Schmerztherapie in der Praxis

Chronische Schmerzen interdisziplinär behandeln

Die Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen ist eine Herausforderung in der allgemeinärztlichen Praxis. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit spezialisierten Zentren kann helfen, diese Patienten besser zu betreuen. MUDr. Milena Corredorová vom MVZ der Universitätsklinik Dresden berichtet über ihre Erfahrungen.

Welchen Stellenwert hat die Behandlung von Schmerzpatienten im Praxisalltag?

In der Schmerzambulanz des MVZ am Universitätsklinikum Dresden behandeln wir monatlich im Durchschnitt etwa 180 Patienten, davon rund 140 Schmerzpatienten und 40 Reha-Patienten. Schmerzpatienten erhalten bei uns regelmäßig drei bis vier Termine im Jahr, Reha-Patienten ein bis zwei Termine. Ausnahmen sind Kinder und Jugendliche, die zum Beispiel bei einer Skoliose häufigere Kontrollen benötigen, sowie Patienten nach einem Trauma oder einer Operation am Bewegungsapparat, die auch häufiger gesehen werden.

Wie schätzen Sie die Versorgung von Schmerzpatienten im Praxisalltag ein?

Aufgrund der bekannten Unterversorgung besteht ein hoher Bedarf an Schmerztherapeuten. Viele chronische Schmerzpatienten werden von ihren Hausärzten betreut. Das ist sehr anspruchsvoll. In meiner Praxis versuchen wir zunächst die Möglichkeiten der konservativen Therapie auszuschöpfen. Für Edukation und Betreuung beispielsweise ängstlicher Patienten braucht es mehr Zeit. Das ist oft viel Sisyphusarbeit auf den Schultern der Schmerztherapeuten.

Was müsste sich ändern, um die Versorgung von Schmerzpatienten zu verbessern?

Schmerzpatienten bringen oft Begleitfaktoren mit, die zu berücksichtigen, für die Behandlung essenziell ist. Eine gute Vernetzung und Angebote der multimodalen Schmerztherapie sehe ich daher als die wichtigsten Ansätze.

Im Projekt PAIN2020 wurde das „Interdisziplinäre Multimodale Assessment“ (IMA) untersucht. Welche Möglichkeiten sehen Sie in einem IMA für Ihren Berufsalltag, aber auch für Ihre Patienten?I

Im Rahmen dieses Assessments werden Patienten in einem interdisziplinären Team untersucht und erhalten Empfehlungen für weitere Diagnostik und Therapie. Das hilft sehr, vor allem bei Patienten mit Auffälligkeiten im Verhalten in Bezug auf den Schmerz. Es ist in der Praxis nicht immer einfach, diese zu identifizieren, das Problem im Schmerzverhalten genau zu benennen und dem Patienten adäquat zu erklären. Besonders manche Patienten, die ein rein somatisches Schmerzverständnis haben, glauben, dieses gegen jeglichen Verdacht auf psychische Beteiligung schützen zu müssen. Da bringt eine interdisziplinäre Arbeit im Team von Arzt, Psychotherapeut und Physiotherapeut ganz neue Perspektiven.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem IMA gemacht?

Wenn den Patienten die Perspektive einer interdisziplinären multimodalen Weiterbehandlung angeboten ist, meistens sehr gute. Patienten sind oft enttäuscht, wenn sie allein nur eine psychologische Therapie empfohlen bekommen. Eine psychologische Therapie im Rahmen einer „Interdisziplinären Multimodalen Schmerztherapie“ (IMST) fällt ihnen allerdings nicht schwer. Oft bekommen sie hier ihren ersten Zugang zur Psychotherapie selbst.

Was möchten Sie Ihren Kollegen mit auf dem Weg geben?

Ein Interdisziplinäres Multimodales Assessment, aber auch die Angebote der (teil-) stationären und ambulanten IMST (PAIN2.0) erlebe ich als hilfreich in der Behandlung von Schmerzpatienten. Ich empfehle, diese Angebote zu nutzen.

MUDr. Milena Corredorová

FÄ f. Physikal. u. Rehab. Medizin

Zusatzbezeichnungen: Manuelle Medizin, Spezielle Schmerztherapie

ambulant tätig im MVZ am UKD

Neueste Artikel
Neue ambulante interdisziplinäre Diagnostik und Therapieangebote

Chronifizierung des Schmerzes vermeiden

Chronische Schmerzen und ihre Folgen sind in der Regelversorgung eine große Herausforderung für Behandler. Laut einer Studie von 2014 haben bis zu 27% der Bevölkerung Schmerzen von ...

Wirkung der Psychotherapie

Emotionale Wärme und Kompetenz entscheidend

Patienten haben sehr häufig negative Vorbehalte gegenüber einer Psychotherapie. Ihre pessimistische Erwartungshaltung vermag allerdings den Erfolg einer Therapie zu beeinträchtigen. Doch ...

Menschen mit Demenz

Pflegende Angehörige häufiger belastet

Einen großen Anteil daran, dass es Menschen mit Demenz gut geht und sie so lange wie möglich in ihrer häuslichen Umgebung bleiben können, tragen unterstützende und pflegende Angehörige, ...